
Zinsanstieg: Die steigenden Bondrenditen sollten keinen Anleger ab 50 kalt lassen
Steigende Bondrenditen mögen Risiken für Konjunktur und Aktienmärkte und ein Ärgernis für Kreditnehmer darstellen. Für Anleger eröffnen sich Möglichkeiten, die seit Jahrzehnten verschüttet waren. Vor allem für alle ab 50 lohnt sich Nachdenken über das Portfolio in diesen Tagen.
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5,3 %: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist an den Märkten der wichtigste Gradmesser für den Kurssturz bei Bonds. Anleger sorgen sich um negative Effekte auf den Aktienmarkt und die Konjunktur. Über die Chancen, die sich durch den Kursrückgang eröffnen, denken nur wenige nach.
80 % des globalen Bondmarktes über 4 %
Zinsniveaus wie zuletzt 2002 sind ein isoliertes Phänomen von US-Schuldverschreibungen. Laut BlackRock rentieren derzeit über 80 % des globalen Anleihenmarktes jenseits von 4 %. Der Vermögensverwalter rechnet vor, dass sich die durchschnittliche Rendite eines typischen Portfolios im Vergleich zu vor fünf Jahren mehr als verdoppelt hat.
Doch Anleihen stehen bei Privatanlegern nicht hoch im Kurs. Diesseits des Atlantiks setzen Sparer auf Tagesgeld und Festgeld. In den USA halten Sparer derzeit über 3 Mrd. USD in Geldmarktfonds. Vermögensverwalter berichten, es sei schwierig, Kunden zu einem höheren Bondanteil im Portfolio zu bewegen.
Dabei können Anleihen derzeit einige gute Argumente vorbringen. Die Differenz zwischen der langfristigen, erwarteten Aktienmarktrendite und den sicheren Erträgen einer Staatsanleihe ist mittlerweile überschaubar. "Man kann ein Portfolio mit 6 oder 7 % qualitativ hochwertigen Anlagen aufbauen", sagt Pimco-CIO Dan Ivascyn.
"Anleihen sollten nicht unbedingt danach beurteilt werden, ob sie heute im Plus oder Minus sind. Sie sollten danach beurteilt werden, ob sie ihren Zweck erfüllen", sagt der in Texas tätige Finanzplaner Scott Boyles.
Anleihen als Puffer in Entnahmeportfolios
Und tatsächlich bieten Anleihen auf dem aktuellen Kursniveau eine Reihe sinnvoller Einsatzmöglichkeiten. So etwa in der Entnahmephase eines Ruhestandsportfolios: Hier können Anleihen in Zeiten von Aktienmarktabschwüngen als Liquiditätspuffer dienen. So lassen sich die Entnahmen konstant halten, ohne gezwungenermaßen gefallene Aktien zu verkaufen.
Wie segensreich ein Anleihepuffer im Fall eines ausgeprägten Bärenmarktes sein kann, erläutert Markus Weis, CEO des Vermögensverwalters Retire Capital. Er präsentiert ein Rechenexempel: "Zwei Depots mit je 300.000 EUR in globalen Aktien entnehmen jährlich 4 % des Startkapitals. Der einzige Unterschied ist der Start: 1998 oder Ende 2000. Das Depot mit Start 1998 baut vor dem Dotcom-Einbruch einen Puffer auf und liegt 2024 bei über einer halben Million. Das Depot mit Start 2000 entnimmt vom ersten Jahr an aus fallenden Kursen und ist 2023 aufgebraucht."
Weis erläutert das Renditereihenfolgenrisiko. In der Entnahmephase zähle nicht nur die Durchschnittsrendite, sondern auch die Reihenfolge. "Wer im Tief verkauft, nimmt der späteren Erholung die Basis."
Viele Anleger ab etwa 50 Jahren können angesichts der hohen Renditen über ein 60-40-Portfolio nachdenken. Der Ansatz ist unter zunehmend aktienaffinen Anlegern in den letzten Jahren aus der Mode gekommen, bietet jedoch handfeste Vorteile. Bei diesem Portfolio werden 60 % in Aktien (z. B. S&P-500-ETF) und 40 % in Anleihen (z. B. 10-jährige US-Bonds) angelegt.
60-40-Portfolio: Weniger Schmerz bei Aktiencrash
Der 60-40-Ansatz dient als Mittel zur Verringerung der "Schmerzen" nach einem Einbruch des Aktienmarktes. Ein 60-40-Portfolio bietet hier historisch gesehen zwei Vorteile. Erstens fällt der Einbruch geringer aus als bei 100 % Aktienquote. Zweitens erreicht das Depot sehr viel früher wieder einen neuen Höchststand.
Der im Performancechart des Depots sichtbare "See der Schmerzen" – also die Fläche der Kursentwicklung in der Zeit vom Einbruch bis zum neuen Hoch – fiel z. B. 1929 im 60-40-Portfolio rund drei Viertel geringer aus als im reinen Aktienportfolio.
Ausnahmen gibt es allerdings auch von dieser Regel: "Zwischen dem düsteren Jahr 2022 am Anleihemarkt und dem Einbruch der Aktienmärkte seit Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine waren die 2020er Jahre der einzige Marktcrash der letzten 150 Jahre, in dem der Rückgang eines 60/40-Portfolios schmerzhafter war als der Rückgang eines reinen Aktienportfolios."