
Verpackung neu gedacht: Pulpex startet Großproduktion für faserbasierte Flaschen
Leichtere Transporte, neue EU-Verpackungsregeln und der Druck zur Plastikreduktion schaffen Chancen für Papierflaschen. Nun muss sich zeigen, ob die Technik im großen Maßstab wirtschaftlich funktioniert und bestehende Recyclingketten mit der neuen Verpackung Schritt halten.
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Pulpex will aus einer seit Jahren erprobten Verpackungsidee ein industrielles Produkt machen. Nahe Glasgow fährt eine Fabrik mit Kapazität für bis zu 40 Mio. Papierflaschen jährlich hoch. Hinter Pulpex stehen der britische Spirituosenkonzern Diageo ISIN GB0002374006 WKN 851247 und die Investmentgruppe Pilot Lite.
Seit dem 12. August 2026 wird die neue EU-Verpackungsverordnung in der gesamten Europäischen Union angewendet, wobei zahlreiche Vorgaben schrittweise greifen. Der Zeitpunkt ist damit günstig, technisch aber anspruchsvoll. Papierflaschen müssen Flüssigkeiten zuverlässig halten und zugleich in bestehenden Recyclingketten funktionieren. Pulpex setzt dafür auf geformte Holzfasern und eine spezielle Innenbarriere.
Neue EU-Regeln erhöhen den Druck auf Verpackungen
Die europäische Regulierung verändert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Verpackungen. Bis 2030 soll grundsätzlich jede Verpackung auf dem EU-Markt recyclingfähig sein. Für Kunststoffverpackungen kommen Vorgaben zum Rezyklatanteil hinzu, also zum Gehalt an Material, das aus Kunststoffabfällen gewonnen und erneut als Rohstoff eingesetzt wird. Die Verordnung soll zugleich nationale Regeln stärker vereinheitlichen und damit grenzüberschreitende Verpackungslösungen erleichtern.
Die Größenordnung des Problems ist erheblich. In der EU fielen 2022 rund 83,4 Mio. Tonnen Verpackungsabfall an. Das entspricht 186,5 Kilogramm je Einwohner. Papier und Pappe stellten davon 41 %, Kunststoff und Glas jeweils 19 %.
Für Pulpex ergibt sich daraus eine Absatzchance. Der Markt für geformte Faserverpackungen soll laut dem auf Verpackungsmärkte spezialisierten Marktforschungsunternehmen Smithers 2026 rund 4,7 Mrd. USD erreichen. Bis 2030 erwartet Smithers ein Volumen von 5,5 Mrd. USD.
Innenbarriere schützt die Papierflasche vor Flüssigkeit
Grundlage der Flasche ist eine Nassformtechnik für Fasern. Holzstoff wird mit Wasser vermischt, in eine einteilige Form gebracht und anschließend unter Wärme getrocknet. Danach erhält die Innenseite eine lebensmitteltaugliche Barriere, deren Zusammensetzung an den jeweiligen Inhalt angepasst werden kann.
Pulpex beschreibt diese Schicht als ultradünne, wasserbasierte Polymerdispersion. Dabei sind feine Polymerteilchen in Wasser verteilt, die nach dem Trocknen einen dünnen Schutzfilm bilden. Pulpex bezeichnet seine Flaschentechnologie zugleich ausdrücklich als PET- und HDPE-frei. PET steht für Polyethylenterephthalat, HDPE für Polyethylen hoher Dichte. Beide Kunststoffe sind bei herkömmlichen Verpackungen weit verbreitet.
Nach Angaben von Pulpex kann die Barriereschicht je nach Anwendung so ausgelegt werden, dass Flüssigkeiten über lange Zeiträume in der Flasche bleiben. Bei Wein nennt das Unternehmen als Entwicklungsziel eine Haltbarkeit von bis zu zwei Jahren. Frühere Papierkonzepte nutzten häufig Kunststoffschichten, die vor dem Papierrecycling getrennt werden mussten. Der zusätzliche Materialverbund erschwerte die Kreislaufführung. Für die Industrialisierung zählt allerdings mehr als die Materialchemie. Pulpex entwickelt die Flaschen für bestehende Abfüllanlagen starrer Verpackungen. Die jeweilige Abfülllinie, also die technische Anlage zum Befüllen der Behälter, muss dabei getestet und validiert werden. Auch vorhandene Etikettiertechnik kann nach Unternehmensangaben weitergenutzt werden.
Pulpex baut die Produktion über Partner aus
Für den Aufbau seiner ersten kommerziellen Großanlage nahe Glasgow sammelte Pulpex 2025 nach eigenen Angaben 62 Mio. GBP (rund 75 Mio. USD) ein. Pulpex arbeitet zugleich mit Partnern entlang der Wertschöpfungskette. Der chilenische Zellstoff- und Papierkonzern CMPC ist Investor und Partner bei der industriellen Skalierung. Der deutsche Chemiekonzern BASF ISIN DE000BASF111 WKN BASF11 und Scitech Adhesive Systems, ein walisischer Hersteller von Industrieklebstoffen und Beschichtungen, arbeiten an den Barrierebeschichtungen.
Das Geschäftsmodell soll über einzelne Werke hinausgehen. Pulpex will die Produktion auch über lizenzierte Fertigungspartner in weiteren Regionen aufbauen. Bis 2030 strebt das Unternehmen eine gemeinsame Jahreskapazität von zwei Milliarden Flaschen an. Pulpex erwartet zudem, dass seine Flaschen bei Großserien günstiger als Glas und gegenüber Recyclingkunststoff preislich wettbewerbsfähig werden.
Ein erster Baustein dafür ist Perlen Industrieholding, ein Schweizer Industrieunternehmen. Perlen erhielt exklusive Produktionsrechte für die Pulpex-Technik in einer erweiterten DACH-Region. Pulpex hatte zuvor das Ziel genannt, bis 2030 zehn solche Partnerschaften aufzubauen.
Erste Anwendungen bringen Technik näher ans Regal
Große Marken beobachten die Technik seit Jahren. Der US-amerikanische Getränke- und Lebensmittelkonzern PepsiCo ISIN US7134481081 WKN 851995 arbeitet ebenso mit Pulpex wie weitere Konsumgüterhersteller. Daneben wurden andere Faserflaschenkonzepte praktisch erprobt. Diageo testete 2024 eine zu 90 % papierbasierte Flasche für Johnnie Walker Black Label, während Carlsberg bereits 2022 seine eigene Fibre Bottle mit Verbrauchern erprobte.
Der britische Mineralwasseranbieter Purely Scottish Natural Mineral Water sieht Papierflaschen als Ergänzung zu Dosen und Kartonverpackungen. Prototypen wurden bereits auf britischen Veranstaltungen gezeigt. Ihre glatte, feste Außenfläche lässt sich an unterschiedliche Markenformen anpassen.
Ein konkreter Markttest kommt von der britischen Waschmittelmarke smol. Sie will ihre Flüssigwaschmittel im Herbst 2026 in einer Pulpex-Flasche anbieten. Nach Unternehmensangaben werden im Vereinigten Königreich jährlich mehr als 58 Mio. Kunststoffbehälter für Flüssigwaschmittel verkauft. Das entspricht mehr als 8.120 Tonnen Kunststoff.
Recycling bleibt entscheidender Praxistest
Pulpex entwirft seine Flaschen für übliche Papier- und Papprecyclingströme. Das Unternehmen verweist dafür auf branchenübliche Wiederaufschlussprüfungen, bei denen Fasern in Papiermühlen erneut gelöst werden. Die Innenbeschichtung soll sich dabei von den Fasern trennen.
Die Verpackungsfrage bleibt dennoch offen. Marken können weiterhin Verschlüsse aus Kunststoff oder Metall wählen, auch wenn Faserlösungen entwickelt werden. Solche Komponenten verändern die Recyclingbewertung der Gesamtverpackung.
Auch die örtliche Infrastruktur ist für die Wiederverwertung maßgeblich. Eine technisch recyclingfähige Verpackung wird nur tatsächlich wiederverwertet, wenn Sammlung, Sortierung und Papiermühle sie entsprechend verarbeiten können. Darin liegt die praktische Grenze vieler Kreislaufversprechen.
Für Pulpex zählen deshalb Haltbarkeit, Serienfertigung, Integration in bestehende Abfülllinien und der Zugang zu regionalen Recyclingketten gleichermaßen. Die Technologie muss Millionen Stück zuverlässig produzieren. Gelingt das, könnte Papier in Verpackungsbereichen Fuß fassen, die bislang von Kunststoff und Glas geprägt sind.