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US-Assets als DruckmittelWie geladen ist Europas Bazooka im Grönland-Konflikt wirklich?

In Europa wird der systematische Abverkauf von US-Assets als Reaktion auf die Grönland-Krise diskutiert. Auch wenn der Bedarf an Investoren die Schwachstelle der USA ist, wird es dazu nicht kommen.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: picture alliance / ZB / Sascha Steinach / dpa

Der dänische Pensionsfonds AkademikerPension hat angekündigt, bis Ende des Monats US-Staatsanleihen im Volumen von 100 Mrd. USD - und damit die gesamte Position im Bestand - zu verkaufen. Offiziell liegt der Grund dafür in den "schlechten US-Staatsfinanzen", heißt es. Wer einen Zusammenhang mit dem Grönland-Konflikt sieht, dürfte keine Brille benötigen.

Der Verkauf von US-Assets wird in diesen Tagen - neben anderen Maßnahmen wie Zöllen - als Druckmittel der EU gegen die Begehrlichkeiten (Grönland) und Zumutungen (Zölle gegenüber jenen, die den Begehrlichkeiten nicht entgegenkommen) aus Washington ins Spiel gebracht.

Europäer halten US-Assets im Wert von Billionen USD

George Saravelos, globaler Leiter im FX Research der Deutschen Bank, beziffert die europäischen Bestände an US-Aktien und Bonds auf 8 Billionen USD (ein Bericht der FT kam auf 12,6 Billionen, darunter sind aber Bestände von nicht-europäischen Anlegern, die in Europa verwahrt werden).

Dies ist fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen an US-Assets hält und Spiegelbild der realwirtschaftlichen Handelsverhältnisse in den vergangenen Dekaden. Die Konstellation ist bekannt: Die USA finanzieren sich in großem Stil über Handelsdefizite.

"In einem Umfeld, in dem die geoökonomische Stabilität des westlichen Bündnisses existentiell bedroht ist, ist es fraglich, warum die Europäer bereit sein sollten, diese Rolle zu übernehmen", schrieb Saravelos am Wochenende in einer Notiz an seine Kunden.

Droht damit in Kürze ein Ausverkauf von US-Assets, sollte sich der Konflikt um Grönland weiter zuspitzen? Es spricht sehr viel dagegen. Erstens: Ein Großteil der US-Assets befindet sich nicht im Besitz der Regierungen, sondern im Privatsektor. Dass kurz- bis mittelfristig eine Richtlinie auf den Weg gebracht wird, die US-Assets weitreichend aus den Portfolios verbannt, erscheint im Hinblick auf die Vorlaufzeit von Regelwerken wie MiFID II nahezu ausgeschlossen.

Es fehlt ein Käufer

Zweitens: Ein massenhafter Verkauf von US-Assets würde ein entsprechendes Gegengewicht auf der Käuferseite voraussetzen. Anders gesagt: Wer soll Aktien und Anleihen im Volumen von 8 Billionen USD kaufen? Asiatische Investoren könnten theoretisch kaufen, wenn Europäer dafür Assets in Asien kaufen. Gemessen an der Marktkapitalisierung der wesentlichen Indizes sind die asiatischen Aktien- und Bondmärkte zusammen knapp 21 Billionen USD wert.

Investoren müssten also gewissermaßen NVIDIA Aktien gegen japanische Staatsanleihen eintauschen. Ob sich viele Investoren auf einen solchen Deal einlassen?

Auch ein Szenario, in dem europäische Aktionäre und Gläubiger an US-Anleger verkaufen, erscheint wenig wahrscheinlich. Im US-Finanzsektor befindet sich zwar sehr viel Investitionskapital. Doch um europäische Verkäufe zu absorbieren, müssten US-Käufer selbst in großem Stil Assets im Ausland verkaufen und diese gewissermaßen gegen heimische Assets eintauschen.

Netto-Investmentposition der USA: Minus 27 Billionen USD

Und diese sind aufgrund der langjährigen Defizite rar gesät: Die internationale Netto-Investmentposition der USA liegt bei minus 27 Billionen USD. Der Kauf wäre also nur zu sehr niedrigen Preisen möglich, die eine drastische Abwertung des USD erfordern würden.

"Angesichts der rekordniedrigen Nettoauslandsinvestitionsposition der USA ist die gegenseitige Abhängigkeit der europäischen und US-amerikanischen Finanzmärkte so hoch wie nie zuvor", konstatiert Saravelos. Die Instrumentalisierung von Kapital wäre deshalb "mit Abstand am destabilisierendsten für die Märkte."

Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass es zum massenhaften Verkauf von US-Assets durch Anleger in Europa kommt. Durchaus denkbar ist allerdings, dass weniger Neuinvestitionen über den Atlantik fließen - insbesondere in den US-Bondmarkt. Dies könnte, zusammen mit weiteren Faktoren wie dem Ende des Yen-Carry-Trades den Druck auf die Kurse von US-Staatsanleihen und auch den USD verstärken.