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KrisenszenarioAktien, Bonds, Realwirtschaft: Führt dieser Pfad in Richtung 1929?

70 % des US-BIPs entfallen auf den Konsum. 60 % dieses Konsums entfallen auf 20 % der Haushalte. Diese Haushalte sind stark in Aktien investiert. Und der Aktienmarkt korreliert immer stärker mit dem US-Bondmarkt, der von allen Seiten unter Druck gerät. Ein Pfad zu einem zweiten 1929?

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: picture alliance / photothek / Ute Grabowsky

"Die Wirtschaft hängt mehr denn je von reichen Menschen ab" titelte das Wall Street Journal bereits im Februar 2025. Die obersten 10 % der Einkommensbezieher machten laut Daten von Moody's Analytics im dritten Quartal 2024 49,7 % aller Ausgaben aus, was einen Rekord seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 1989 darstellte. Vor drei Jahrzehnten lag ihr Anteil noch bei etwa 36 %.

10 % der US-Konsumenten stehen für 50 % des Konsums

Mark Zandi, Chefökonom bei Moody's Analytics, sagt: "Die Finanzen der Wohlhabenden waren noch nie besser, ihre Ausgaben noch nie höher und die Wirtschaft noch nie so stark von dieser Gruppe abhängig." Ein Einbruch an den Aktienmärkten oder ein Rückgang der Immobilienpreise, der das Vertrauen der obersten 10 % erschüttert und sie zu Einsparungen veranlasst, hätte erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft, konstatierte das WSJ damals.

Noch etwas dramatischer wird das Bild, wenn nicht die Top-10-%, sondern die Top-20-% der einkommensstärksten Haushalte in den USA betrachtet werden - und Daten, die bis ins dritte Quartal 2025, also ein Jahr weiter, reichen. Auf die Top 20 entfallen dann 59 % der Ausgaben, auf die verbleibenden 80 % der Haushalte 41 % - ein historischer Tiefstand. Noch Mitte der 1990er Jahre lagen die Gruppen in etwa gleichauf.

Nun sagt eine asymmetrische Einkommensverteilung für sich genommen noch nicht viel aus. Als problematisch könnte sich jedoch der Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und Beteiligung am Aktienmarkt erweisen. Die oberen 20 % konnten von Kurssteigerungen profitieren - immerhin hat sich der S&P 500 in den letzten 17 Jahren rund verachtfacht.

Bärenmarkt könnte verhängnisvollen Dominoeffekt auslösen

Ein deutlicher und längerfristiger Einbruch am Aktienmarkt könnte die Konsumneigung der 20 % einkommensstärksten Haushalte signifikant belasten. Rechnerisch würde ein um 15 % zurückgeschraubter Konsum dieser Gruppe den Gesamtkonsum der USA um fast 9 % reduzieren. Bei einem Anteil von 70 % des Konsums am US-BIP käme es dadurch ceteris paribus zu einer Schrumpfung der Wirtschaft um mehr als 6 %. Zum Vergleich: In der Finanzkrise 2009 schrumpfte die US-Wirtschaft real um 2,6 %, während der Pandemie 2020 um 2,2 %.

Etwas beunruhigend erscheint in diesem Zusammenhang die in den letzten Monaten zunehmende Korrelation zwischen den Kursen von US-Staatsanleihen und den großen US-Aktienindizes. Setzt sich eine solche Korrelation in einem Crash-Szenario fort, würde ein weitreichender Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen mit sinkenden Aktienkursen einhergehen.

Die sinkenden Aktienkurse könnten den US-Konsum stark bremsen, die steigenden Zinsen Konsum und Investitionen, den Immobilienmarkt sowie die Kreditmärkte belasten.

Für einen Crash am Aktienmarkt bräuchte es möglicherweise einen Auslöser - etwa das mitunter befürchtete Platzen der KI-Blase. Für einen weitreichenden Rückgang der Bondkurse ist ein Auslöser dagegen womöglich gar nicht erforderlich: Das ausufernde US-Defizit erfordert Kapitalflüsse in die USA, deren Mobilisierung aus verschiedenen Gründen herausfordernder wird.

Die gute Nachricht: Es kann auch ganz anders kommen!