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Token statt BarrenGoldbranche sieht 700-Milliarden-Chance im Digitalmarkt

Gold lässt sich per App kaufen oder als digitaler Token halten. Der Markt dafür ist bislang klein, doch eine internationale Studie erwartet bis 2031 starkes Wachstum. Voraussetzung sind verlässliche Golddeckung, klare Regeln und ein einfacher Zugang für Anleger.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 8 min
Titelbild: Varavin88 / Bigstock

Der Goldmarkt entdeckt im digitalen Vertrieb eine gewaltige, bislang kaum erschlossene Nachfrage. Bis zu 700 Mrd. USD ließen sich unter idealen Bedingungen zusätzlich mobilisieren, schätzen der Branchenverband World Gold Council und die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Derzeit umfasst das Geschäft mit digitalem Gold allerdings erst 45 bis 55 Mrd. USD.

Für die kommenden fünf Jahre zeichnen die Studienautoren ein deutlich nüchterneres Bild. Das Basisszenario der am vergangenen Montag veröffentlichten Untersuchung unterstellt ein jährliches Wachstum von etwa 27 % auf 160 bis 170 Mrd. USD bis 2031. Die 700-Milliarden-Marke beschreibt dagegen ein theoretisches Nachfragepotenzial ohne festen Zieltermin. Für das Maximalpotenzial rechnet das Modell mit einem um 13 Prozentpunkte höheren Anlegeranteil und einer um 2,5 Prozentpunkte größeren Portfolioquote. Die Prognose bis 2031 geht hingegen davon aus, dass sich neue Produkte und veränderte Anlagegewohnheiten erst schrittweise durchsetzen.

Goldanlagen zwischen Tresorkonto und Blockchain

Digitales Gold umfasst Anlageprodukte, bei denen Anleger physisches Gold über Apps oder digitale Wertmarken, sogenannte Token, halten. Bei digitalen Tresorkonten verwahrt ein Dienstleister das Edelmetall für Kunden, die ihre Bestände online verwalten. Dagegen stehen Token für eine festgelegte Goldmenge und können über eine Blockchain übertragen werden. Goldgedeckte börsengehandelte Fonds gehören nach der Definition der Studie ausdrücklich nicht zu diesem Markt.

Die Untersuchung erfasst mehr als 70 digitale Goldprodukte, hinter denen insgesamt rund 370 Tonnen Edelmetall stehen. Den größten Anteil am Marktwert haben bislang klassische digitale Tresorkonten mit rund 89 %. Auf Token entfallen etwa elf Prozent beziehungsweise sechs Milliarden USD. Seit Ende 2024 hat sich der Wert dieses Teilmarkts verfünffacht, während die dahinterstehende Goldmenge auf das 2,8-Fache gestiegen ist. Im öffentlich gehandelten Tokenmarkt konzentrieren sich mehr als 90 % des Wertes auf Tether Gold und Pax Gold. Die beiden Produkte stammen vom Kryptodienstleister Tether und dem US-Finanzunternehmen Paxos.

Auch der Handel hat kräftig zugelegt. Im ersten Quartal 2026 wurden tokenisierte Goldprodukte am Spotmarkt im Wert von mehr als 90 Mrd. USD umgesetzt, mehr als im gesamten Vorjahr. Dieser Umsatz umfasst sämtliche ausgeführten Geschäfte. Da einzelne Token mehrfach den Besitzer wechseln können, übersteigt das Handelsvolumen den Marktwert der gehaltenen Bestände um ein Vielfaches.

Gemessen am gesamten Goldmarkt bleibt das digitale Geschäft überschaubar. Den Wert des physischen Anlagegoldmarkts beziffert die Studie auf rund 13 Bill. USD. Auf digitale Angebote entfallen damit rund 0,4 %. Goldgedeckte ETFs verwalten der Untersuchung zufolge rund 600 Mrd. USD.

Vertrauen und Zugang bremsen die große Nachfrage

Für ihre Modellrechnung befragten die Studienautoren mehr als 12.000 Privatanleger in zwölf Ländern und sprachen mit 20 Branchenexperten. Knapp 90 % der Umfrageteilnehmer können sich einen Kauf unter geeigneten Bedingungen vorstellen. Als wichtigste Hindernisse für die tatsächliche Anlage nennt die Untersuchung mangelndes Vertrauen, eingeschränkten Zugang, begrenzten praktischen Nutzen und zu hohe Kosten.

Besonders stark hängt die Kaufbereitschaft vom Vertrauen in den jeweiligen Anbieter ab. Anleger erwarten einen nachvollziehbaren Nachweis der Golddeckung, Schutz ihres Eigentums, verständliche Regeln und letztlich die Möglichkeit, Bestände bei Bedarf in physisches Gold umzutauschen.

Wie aufwendig dieser Umtausch sein kann, zeigen die Bedingungen für den Goldtoken Pax Gold. Jede digitale Einheit steht für eine Feinunze Gold, die Paxos in Londoner Tresoren verwahrt. Die zugeordneten Goldbarren lassen sich über ihre Kennnummern nachverfolgen. Wer sich einen Barren physisch ausliefern lassen möchte, benötigt laut Anbieter allerdings mindestens 430 Token und muss eine Gebühr zahlen.

Digitale Vertriebswege und unterschiedliche Regeln

In China, Indien und Indonesien erreichen digitale Goldangebote ihre Kunden bereits über etablierte Bank-, Zahlungs- und Plattformanwendungen. Wo solche Vertriebskanäle bestehen, liegt der Anteil der investierenden Nutzer laut Studie bis zu siebenmal höher als in weniger entwickelten Märkten. In Indien haben demnach bereits mehr als 120 Mio. Kunden Digitalgold-Transaktionen genutzt, in Indonesien sind es fünf Millionen.

Mit der großen Reichweite geht allerdings nicht überall derselbe Anlegerschutz einher. Indiens Wertpapieraufsicht SEBI warnte bereits im November 2025, dass bestimmte Digitalgold-Angebote außerhalb ihrer Zuständigkeit liegen und deshalb auch die Anlegerschutzvorschriften des indischen Wertpapierrechts für diese Produkte nicht gelten. In der EU verlangt wiederum die Kryptoverordnung MiCA für Angebote, die als vermögenswertreferenzierte Token eingestuft werden, grundsätzlich eine Zulassung des Herausgebers. Welche Regeln im Einzelfall greifen, richtet sich damit nach der konkreten Ausgestaltung des Goldprodukts.

Neben Sicherheit und einfacher Verfügbarkeit spielt der praktische Nutzen eine Rolle. Anbieter erproben, Goldbestände als Kreditsicherheit einzusetzen, zu verleihen oder für Zahlungen zu verwenden. Auf der Kryptokreditplattform Aave können die Goldtoken von Paxos und Tether bereits als Sicherheit hinterlegt werden. Solche Anwendungen bieten die Aussicht auf zusätzliche Anleger, sind bislang aber noch wenig verbreitet.

Daneben müssen die Produkte preislich mit Münzen, Barren und ETFs konkurrieren können. Schließlich fallen auch beim digitalen Vertrieb weiterhin Kosten für Goldbeschaffung, Tresorlagerung, Kontrollen und die Einhaltung regulatorischer Vorschriften an.

Junge Anleger und zusätzliche Goldnachfrage

Nach den Modellrechnungen stammt die erwartete zusätzliche Nachfrage nur teilweise aus Umschichtungen bestehender Goldanlagen. Rund 65 % des bislang unerschlossenen Potenzials entfallen auf Menschen, die noch überhaupt kein Gold besitzen. Die Digitalisierung könnte damit den gesamten Goldmarkt vergrößern.

Unter den heutigen Nutzern digitaler Goldprodukte besaßen 52 % vor ihrem ersten Kauf kein Gold. Von dieser Gruppe erwarben anschließend 92 % auch andere Formen des Edelmetalls. Die Studienautoren sehen darin einen möglichen Einstieg in den traditionellen Goldmarkt. Besonders aufgeschlossen zeigen sich jüngere Anleger. Unter den 25- bis 34-Jährigen kennen 50 % die digitalen Angebote, während es bei Menschen ab 55 Jahren lediglich 23 % sind. Nach Abzug bloßer Umschichtungen veranschlagt die Studie bis 2031 eine zusätzliche Goldnachfrage von rund 95 Mrd. USD.

Große Wachstumschancen bei erheblichen Risiken

Die drei Wachstumsszenarien beruhen auf unterschiedlichen Annahmen zum Tempo und Umfang des Abbaus bestehender Markthürden. Bei rascheren Fortschritten hält die Untersuchung bis 2031 einen Marktwert von 270 bis 280 Mrd. USD für möglich. Bleiben entsprechende Fortschritte aus, läge der Wert im ungünstigen Szenario lediglich bei 70 bis 80 Mrd. USD.

Um die Voraussetzungen für das Wachstum zu verbessern, arbeitet der World Gold Council an einer gemeinsamen Infrastruktur namens Gold as a Service. Sie soll Anbietern die Goldbeschaffung, Verwahrung und Einhaltung regulatorischer Anforderungen erleichtern. Das bereits im März vorgestellte Konzept sieht einen fortlaufenden Abgleich zwischen digitalen Kundenbeständen und physisch verwahrtem Gold vor. Banken und andere Herausgeber müssten dadurch nicht sämtliche Systeme für Abwicklung und Kontrolle selbst entwickeln. Noch befindet sich das Vorhaben im Aufbau.

Allerdings berücksichtigen die Wachstumsmodelle bestimmte Risiken nur begrenzt. Einen schwerwiegenden Hackerangriff bezeichnen 44 % der Befragten als besonders vertrauensschädlich. Bei einem Verwahrungsausfall oder Betrug liegt dieser Anteil bei 41 %. Solche Krisen sind in den Szenarien ebenso wenig eingepreist wie starke Goldpreisschwankungen.

Die Berechnungen umfassen 96 Länder. Für Märkte außerhalb der zwölf Befragungsländer überträgt das Modell die dort ermittelten Anlegerreaktionen auf vergleichbare Staaten. Die in Umfragen geäußerten Kaufabsichten müssen sich ebenfalls erst in tatsächliche Anlagen verwandeln.

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