
Tax Aware Alpha: Steuerfreie Gewinne: Elite-Trade der Wall Street bald auch bei deutschen Neobrokern?
Ein gehebelter Trade an der Wall Street hat sich zum Steuersparinstrument der Eliten entwickelt. Auch deutsche Neobroker könnten das Modell anbieten und damit nach dem PFOF-Verbot neue Geschäftsmodelle erschließen – wenn sie denn wollten.
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Der US-Broker Charles Schwab meldete, dass die ausstehenden Margenkredite im dritten Quartal auf rund 188 Mrd. USD angestiegen sind, was einer Verdopplung gegenüber dem Vorjahr entspricht. Ein Alarmsignal für den überhitzten Aktienmarkt? Mitnichten.
Ein wesentlicher Treiber des Kreditwachstums geht auf eine Strategie zur Verlustverrechnung zurück, bei der Fremdkapital genutzt wird, um die Rendite zu steigern und steuerliche Verluste zu generieren.
Anleger setzen 190 Mrd. USD auf Long-Short-Strategien
Long-Short-Strategien haben laut Schätzungen von Brent Sullivan von Tax Alpha Insider fast 190 Mrd. USD an Vermögenswerten eingesammelt, gegenüber etwas mehr als 1 Mrd. USD vor fünf Jahren.
Die Strategien sind so gefragt, dass Fidelity die Eröffnung neuer Konten bereits aussetzte. Daraufhin flossen riesige Summen zu Schwab, das seinerseits ebenso Beschränkungen einführte und die Mindestanlagesumme auf 10 Mio. USD anhob. Die Summe verdeutlicht, in welcher Liga Kunden spielen, die sich für Tax-Aware-Alpha-Strategien interessieren.
Worum geht es bei der Strategie? Die Basis ist Tax-Loss-Harvesting. Anleger kaufen keinen fertigen Index-ETF, sondern bilden Indizes wie den S&P 500 über hunderte Einzelaktien direkt ab. Dieses Direct Indexing ist zunächst unspektakulär: Auch viele ETFs bilden ihre Basis durch den Kauf eines Teils der im Index enthaltenen Aktien ab, ohne dass die Performance stark vom Gesamtindex abweicht. Entscheidend ist jedoch, dass der Anleger nicht einen ETF, sondern viele Einzelaktien hält.
Fällt eine Aktie im Kurs, wird sie mit Verlust verkauft, die Steuergutschrift sofort gesichert und der Erlös zeitgleich in einen ähnlichen Titel umgeschichtet. Der Haken an diesem passiven Ansatz: Nach einigen Jahren Anwendung in einem Bullenmarkt tritt der sogenannte Tax-Burnout ein. Fast alle Positionen im Depot liegen tief im Plus. Es gibt keine Buchverluste mehr abzuernten.
An dieser Stelle schreiten die Berater vermögender Kunden ein und raten zu dem Modell, das die Marginkreditvolumina an der Wall Street so in die Höhe treibt. Über Margin-Kredite leiht sich der Anleger zusätzliches Kapital und geht bei ausgewählten Titeln Short-Positionen ein.
Net Exposure 100 % + Alpha + Steuerersparnis
Die 130/30-Strategie verdeutlicht die Funktionsweise. Angenommen, ein Anleger startet mit 100.000 USD Eigenkapital: Dann werden Shortpositionen in Höhe von 30.000 USD in Titeln eröffnet, die der Portfoliomanager als überbewertet ansieht. Durch die Leerverkäufe stehen 30.000 EUR an Liquidität zur Verfügung. Diese investiert der Manager in Titel, die er für unterbewertet hält.
Das Netto-Marktengagement (Net Exposure) verbleibt in dieser Konstellation bei 100 %. Das Portfolio verhält sich gegenüber breiten Marktbewegungen weiterhin wie ein normaler Index mit einem Beta nahe 1. Werden die Aktien klug ausgewählt, ergibt sich zudem ein Alpha, also eine Überrendite gegenüber dem Index.
Der Anleger baut sich so eine steuerliche Verlust-Maschine: Steigt der Gesamtmarkt weiter, erleidet die Short-Seite planmäßig Kursverluste. Genau diese Positionen werden glattgestellt, um steuerliche Verluste zu realisieren.
Wozu der Aufwand? Die so generierten Verlustverrechnungen neutralisieren die Gewinne aus den Long-Positionen oder – und dies ist ein wichtiger Punkt für vermögende Kunden – anderen Einkünften. Die eigentliche Steuerzahlung wird um Jahre oder Jahrzehnte in die Zukunft verschoben. Ein zinsloser Kredit vom Finanzamt also, der den Zinseszinseffekt des Gesamtvermögens spürbar beschleunigt.
Bislang steht diese Möglichkeit vornehmlich sehr vermögenden Kunden in den USA zur Verfügung. Wäre ein solches Angebot auch in Deutschland möglich – und zwar für die breite Masse der Anleger?
So könnten deutsche Neobroker Tax Aware Alpha anbieten
Neobroker wie Scalable Capital oder Trade Republic bringen eine wichtige Voraussetzung mit: Rebalancing-Modelle mit hunderten Transaktionen scheiterten früher an Orderprovisionen. Dank Flatrate-Abos und niedrigen Pauschalen sind Transaktionskosten kaum noch eine Hürde. Auch eine weitere Voraussetzung ist erfüllt: Über Sparpläne wickeln Neobroker längst Bruchteile von Aktien ab.
Könnten deutsche Neobroker also Tax-Aware-Alpha-Strategien für alle Anleger anbieten? Die Antwort lautet: Theoretisch ja, aber die Unternehmen müssten erheblich aufrüsten.
In Deutschland gelten andere steuerliche Regelungen, darunter das Prinzip First-In, First-Out (FIFO). Wer 50 Aktien hält und die jüngste Tranche im Minus verkaufen will, muss steuerlich zuerst die älteste Tranche abstoßen – die womöglich hoch im Gewinn liegt. Broker müssten deshalb eine automatisierte Multi-Subdepot-Infrastruktur nutzen, die beim Kauf unterschiedliche Tranchen auf mehrere virtuelle Unterdepots verteilt. Bei Verlusten wird gezielt das Unterdepot mit dem höchsten Einstandskurs abverkauft.
Ein weiterer Unterschied zu den USA: In Deutschland führt die depotführende Bank die Abgeltungsteuer sofort an der Quelle ab. Zudem dürfen Aktienverluste nur mit Aktiengewinnen verrechnet werden – nicht mit anderen Erträgen wie Zinsen oder Dividenden. Ein Monitoring des Aktien-Verlusttopfs wäre also notwendig.
Um den Long/Short-Hebel abzubilden, müssten Neobroker ihren Kunden echte, voll integrierte Wertpapierleihen und Leerverkäufe anbieten, was gerade im Retail-Segment nicht unproblematisch ist. Eine solche Dienstleistung erfordert eine gänzlich andere Risikomanagement- und Liquiditätsinfrastruktur als der schlichte Verleih von Lombardkrediten oder das Weiterleiten von Retail-Orders an Market Maker.
Auch regulatorisch wären nicht alle Neobroker für Tax Aware Alpha bereit, da im Gegensatz zum Execution-Only-Geschäftsmodell eine Erlaubnis zur Finanzportfolioverwaltung notwendig wäre.
Fazit: Die Neobroker könnten Tax Aware Alpha mit erheblichem Aufwand in einer deutschen Version realisieren und damit ihre technologische und regulatorische Reife unter Beweis stellen und zugleich mit Margen aus Wertpapierkrediten und Management-Gebühren für vollautomatisierte, steueroptimierte Direktportfolios neue Einnahmequellen erschließen.