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Studien im BörsenblickBiotech ist zurück – jetzt zählen klinische Erfolge

Große Pharmakonzerne suchen neue Umsatzträger, zugleich fließt wieder Kapital in junge Entwickler. Jetzt rücken klinische Studien ins Zentrum – und mit ihnen die Frage, welche Bewertungen medizinisch gedeckt sind.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 9 min
Titelbild: Cdc / Unsplash

Biotech-Aktien haben nach vier Jahren Flaute wieder das Interesse der Anleger geweckt. Der SPDR S&P Biotech ETF US78464A8707A0MYHE legte vom Jahresende 2025 bis zum 13. August knapp 29 % zu. Ob diese Erholung sich zum tragfähigen Aufschwung entwickelt, entscheidet nun die Forschung. Mehrere wichtige Studien zu Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen vor Ergebnissen, die für Unternehmen und Anleger entscheidend werden können.

Übernahmen und Börsengänge geben der Branche Rückenwind

Die neue Zuversicht hat mehrere Anlässe. Höhere Zinsen hatten verlustreiche Biotechfirmen jahrelang unter Druck gesetzt und Kapital verteuert. Mit der Entspannung kehrt die Risikobereitschaft zurück, zugleich beschleunigt sich die medizinische Innovation.

Vor allem große Pharmakonzerne suchen nach neuen Umsatzträgern. Bis 2030 verlieren Markenmedikamente mit geschätzten 200 bis 300 Mrd. USD Umsatz ihren Patentschutz. Das erhöht den Druck, vielversprechende Wirkstoffe einzukaufen oder kleinere Entwickler vollständig zu übernehmen.

Bis Anfang August gab es 33 Biotech-Übernahmen mit einem Wert von mindestens 500 Mio. USD. Drei Transaktionen im Juni und Juli überschritten jeweils zehn Milliarden USD. Auch der Markt für Börsengänge ist wieder offen. Siebzehn Biotechfirmen waren bis Anfang August an die Börse gekommen und hatten zusammen 5,5 Mrd. USD eingenommen. Im gesamten Jahr 2025 waren es acht Emissionen mit 1,5 Mrd. USD. Ein Börsengang im Juni brachte allein 670 Mio. USD ein.

Diese Entwicklung trägt die Rally jedoch nur begrenzt. Arzneimittelstudien scheitern häufig, einzelne Rückschläge können Milliardenwerte binnen Stunden verschieben. Die nächste Phase der Erholung wird deshalb stärker von Studiendaten als von Liquidität geprägt.

Ivonescimab wird zum Schlüsseltest für Summit

Besonders hoch ist der Einsatz bei dem US-Biotechunternehmen Summit Therapeutics US86627T1088A2QDFS. Für das Unternehmen hängt ein großer Teil der Zukunft am Krebswirkstoff Ivonescimab.

Der Antikörper ist so konstruiert, dass er zwei Angriffspunkte zugleich bindet. Er blockiert PD-1 und soll damit eine Bremse des Immunsystems lösen. Zugleich blockiert er VEGF, ein Signal für neue Blutgefäße, die Tumoren versorgen. Beide Wirkprinzipien stecken damit in einem Molekül.

China liefert erste Belege für Ivonescimabs Potenzial

In China haben Studien mit Ivonescimab bereits positive Ergebnisse geliefert. Für westliche Märkte besitzt Summit die Rechte in großen Regionen außerhalb Chinas. Die globalen Studien sind entsprechend entscheidend für die Bewertung des Unternehmens.

Anfang Juni zeigte die chinesische Phase-3-Studie HARMONi-6 einen statistisch signifikanten Überlebensvorteil gegenüber dem Krebsmedikament Tislelizumab plus Chemotherapie. Phase 3 ist die späte, für eine Zulassung wichtige Prüfphase. Das Ergebnis stärkt die bisherigen Hinweise auf die Wirksamkeit von Ivonescimab. Entscheidend bleibt jedoch der globale Vergleich mit Pembrolizumab in HARMONi-3.

HARMONi-3 vergleicht Ivonescimab und Pembrolizumab – jeweils kombiniert mit Chemotherapie – bei nichtkleinzelligem Lungenkrebs, der bereits gestreut hat. Keytruda mit dem Wirkstoff Pembrolizumab wird vom US-Pharmakonzern Merck US58933Y1055A0YD8Q verkauft.

HARMONi-3 und FDA-Entscheidung werden zum Kurstest

Die Plattenepithel-Variante ist eine Form des nichtkleinzelligen Lungenkrebses. Für diese Patientengruppe erwartet Summit in der zweiten Jahreshälfte 2026 genügend Fälle von Fortschreiten oder Tod für die Hauptauswertung. Eine frühe Zwischenanalyse soll zugleich prüfen, ob sich auch bei der Lebensdauer der Patienten ein Unterschied abzeichnet. Für die andere große Form des nichtkleinzelligen Lungenkrebses werden die nötigen Fälle im ersten Halbjahr 2027 erwartet.

Zusätzlich hat die US-Arzneimittelbehörde FDA den 14. November 2026 als Zieldatum für ihre Entscheidung über Ivonescimab gesetzt. Geprüft wird ein anderer Einsatz des Wirkstoffs bei Lungenkrebs. Der Antrag stützt sich auf die globale Phase-3-Studie HARMONi. Summit besitzt damit neben den Studiendaten einen zweiten kurzfristigen Kurstreiber.

Das Potenzial ist entsprechend groß. Ein Analystenkonsens sieht für Summit bereits 2028 rund 800 Mio. USD Umsatz und langfristig deutlich höhere Erlöse. Solche Schätzungen hängen allerdings davon ab, dass Ivonescimab klinisch überzeugt und anschließend breite Zulassungen erreicht.

Personalisierte Krebsimpfstoffe gewinnen neue Glaubwürdigkeit

Auch bei Krebsimpfstoffen hat sich die Stimmung geändert. Das US-Biotechunternehmen Moderna US60770K1079A2N9D9 entwickelt mit Merck eine individualisierte mRNA-Therapie. Für jeden Patienten wird dabei ein eigener Wirkstoff hergestellt.

Nach fünf Jahren lag das Risiko für Rückfall oder Tod mit Intismeran plus Keytruda weiterhin 49 % niedriger als mit Keytruda allein. Die Langzeitdaten stammen aus einer randomisierten Phase-2b-Studie. Teilgenommen hatten Patienten, denen schwarzer Hautkrebs (Melanom) vollständig entfernt worden war und die ein hohes Rückfallrisiko hatten.

Studie soll den Nutzen bei Melanom bestätigen

Ein Ansatz, der lange von Rückschlägen geprägt war, gewinnt so an Glaubwürdigkeit. Nun zählt die laufende Phase-3-Studie bei Melanom, in die bereits alle vorgesehenen Teilnehmer aufgenommen wurden. Moderna hält Phase-3-Daten noch im Jahr 2026 für möglich.

Für Moderna ist die wirtschaftliche Bedeutung besonders groß. Ein erfolgreicher Einstieg in die Krebsmedizin würde das Geschäft breiter aufstellen und die Abhängigkeit von Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten verringern. Gleichzeitig bleibt die individualisierte Herstellung komplex und potenziell teuer.

Neue Herzmedikamente zielen aufungelöste Risiken

Neben der Krebsmedizin könnte die Herzmedizin zur zweiten großen Wachstumsquelle werden. Im Zentrum steht Lipoprotein(a), ein genetisch geprägtes Blutfett und unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis CH0012005267904278 testet mit Pelacarsen einen experimentellen Wirkstoff zur Senkung von Lipoprotein(a). Die Studie prüft, ob eine solche Senkung schwere Herz-Kreislauf-Komplikationen verhindern kann. Dazu zählen etwa Herzinfarkte und Schlaganfälle. Partner ist das US-amerikanische Biotechunternehmen Ionis Pharmaceuticals US4622221004A2ACMZ.

Die Phase-3-Studie Lp(a)HORIZON umfasst ca. 8.300 Menschen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung und erhöhtem Lipoprotein(a). Das offizielle US-Studienregister ClinicalTrials.gov führt die Studie als aktiv, nimmt aber keine neuen Teilnehmer mehr auf. Im Register sind noch keine Ergebnisse veröffentlicht. Ein Erfolg würde erstmals zeigen, ob eine gezielte Senkung von Lipoprotein(a) schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse verhindern kann.

Auch bei Blutverdünnern steht ein wichtiger Test an. Der Pharmakonzern Bristol Myers Squibb US1101221083850501 entwickelt gemeinsam mit dem Gesundheitskonzern Johnson & Johnson US4781601046853260 den Wirkstoff Milvexian. Er hemmt ein Protein der Blutgerinnung. Ziel ist, gefährliche Gerinnsel zu verhindern, ohne das Blutungsrisiko so stark zu erhöhen wie bei etablierten Mitteln.

Ein Teil des Programms ist bereits gescheitert. Bristol stoppte Ende 2025 die Phase-3-Studie bei plötzlich auftretenden Durchblutungsstörungen des Herzens wegen mangelnder Erfolgsaussicht. Die unabhängige Überwachung sah keine neuen Sicherheitssignale.

Bristol erwartet die Daten zur Schlaganfall-Vorbeugung weiterhin 2026, die Ergebnisse bei Vorhofflimmern – einer häufigen Herzrhythmusstörung – inzwischen erst 2027. Ein wichtiger Teil des ursprünglich erwarteten Datenfensters verschiebt sich somit.

Gelingt der Nachweis eines besseren Nutzen-Risiko-Verhältnisses, könnte Milvexian langfristig einen Teil der durch auslaufenden Patentschutz gefährdeten Umsätze des Blutverdünners Eliquis ersetzen. Eliquis war 2025 der größte Umsatzbringer von Bristol.

Rally muss den Sprung vom Versprechen zum Beweis schaffen

Der neue Biotech-Optimismus steht auf einem breiteren Fundament als während mancher früheren Spekulationsphase. Übernahmen, Börsengänge und sinkender Finanzierungsdruck liefern Rückenwind. Den Wert der Unternehmen bestimmen am Ende jedoch erfolgreiche Medikamente.

Die kommenden Daten zeigen, wie ungleich die Chancen verteilt sind. Für große Pharmakonzerne kann ein Fehlschlag verkraftbar bleiben, während er bei kleineren Entwicklern die gesamte Strategie trifft. Bei Summit ist diese Konzentration besonders ausgeprägt. Die Rally hat wieder Fantasie geschaffen. Nun muss die Forschung liefern.