
Gewinnplus: Starkes Agrargeschäft erhöht den Druck auf Bayer
Starke Saatgutverkäufe und eine niedrigere Schuldenprognose verschaffen Bayer finanziellen Spielraum. Anleger erwarten nun Antworten zur Konzernstruktur, zur Medikamentenentwicklung und zum weiteren Schuldenabbau.
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Der Pharma- und Agrarkonzern Bayer (ISIN: DE000BAY0017, WKN: BAY001) hat im zweiten Quartal den bereinigten operativen Gewinn überraschend um 1,9 % gesteigert. Eine kräftige Erholung bei Saatgut, das mit dem herbiziden Wirkstoff Dicamba verträglich ist, trieb das Ergebnis. Bayer verkauft mit seinem Produkt Stryax selbst ein Dicamba-Mittel und bietet dazu passende, tolerante Soja- und Baumwollsorten an. Der Konzernumsatz stieg währungs- und portfoliobereinigt um 2,2 % auf 10,872 Mrd. EUR. Der Nettogewinn erreichte 219 Mio. EUR, nach einem Verlust von 199 Mio. EUR im Vorjahresquartal.
Das Agrargeschäft trägt den Gewinnanstieg
Das EBITDA vor Sondereffekten erreichte 2,14 Mrd. EUR und übertraf die Analystenschätzung von 1,94 Mrd. EUR deutlich. Der bereinigte Gewinn je Aktie sank dagegen um 16,7 % auf 0,95 EUR. Den Schub lieferte das Agrargeschäft.
Der Agrarumsatz wuchs währungs- und portfoliobereinigt um 3,5 % auf 4,91 Mrd. EUR. Das bereinigte EBITDA der Sparte sprang um 30,2 % auf 902 Mio. EUR. Vor allem Soja- und Baumwollsaatgut profitierte von der wiedererlangten Dicamba-Zulassung.
Das Pharmageschäft setzte 4,458 Mrd. EUR um, währungs- und portfoliobereinigt 0,8 % mehr als im Vorjahr. Sein bereinigtes EBITDA sank wegen höherer Vertriebsausgaben um 3,6 % auf 1,055 Mrd. EUR. Wachstumstreiber waren das Prostatakrebsmittel Nubeqa und das Nieren- und Herzmedikament Kerendia. Ihre Umsätze stiegen währungs- und portfoliobereinigt um 63,9 % auf 880 Mio. EUR und um 82,9 % auf 329 Mio. EUR. Patentabläufe belasteten Xarelto, einen Gerinnungshemmer, und Eylea, ein Augenmedikament. Ihre Umsätze sanken währungs- und portfoliobereinigt um 42,4 % und 32,8 %.
Die US-Politik entlastet Bayer unter Auflagen
Eine Entscheidung der US-Umweltbehörde EPA hatte den Einsatz mehrerer Dicamba-Spritzmittel im Februar 2026 wieder ermöglicht. Die Zulassung gilt in 34 Bundesstaaten und ist auf die Anbausaisons 2026 und 2027 begrenzt. Zuvor waren die Mittel wegen möglicher Verwehungen und Schäden auf benachbarten Flächen umstritten. Die EPA halbierte die erlaubte Jahresmenge und verbot Anwendungen ab erwarteten 95 Grad Fahrenheit.
Landwirte benötigen für die Anwendung passendes Saatgut von Bayer. Vorgeschriebene Pufferzonen, Zusätze gegen Verwehung und jährliche Schulungen begrenzen jedoch die Anwendung.
Supreme-Court-Urteil begrenzt Bayers Klagerisiken
Zusätzlichen Rückenwind brachte ein Urteil des Supreme Court im Juni. Es begrenzte Tausende Klagen, die den Unkrautvernichter Roundup mit Krebserkrankungen in Verbindung bringen. Roundup stammt aus dem Portfolio des 2018 übernommenen US-Agrarkonzerns Monsanto und gehört seitdem zu Bayer. Die Richter entschieden am 25. Juni mit sieben zu zwei Stimmen zugunsten des Konzerns. Das Bundesgesetz FIFRA sperrt damit einzelstaatliche Warnpflichtklagen, soweit sie einen von der EPA-Zulassung abweichenden Krebswarnhinweis verlangen.
Das Urteil senkte das Risiko weiterer Schadenersatzforderungen und Vergleiche in Milliardenhöhe. Die Aktie reagierte noch am selben Tag mit einem Kurssprung von rund 17 %. Bis zum 3. August summierte sich das Plus gegenüber dem Stand vor dem Urteil auf rund 19 %. Nach den Quartalszahlen gewann die Aktie am 4. August zeitweise weitere rund 4,7 %.
Die bereits im Februar vorgeschlagene Sammelvereinbarung über bis zu 7,25 Mrd. USD wartet weiterhin auf die endgültige gerichtliche Billigung. Eine Anhörung dazu ist für den 19. August 2026 angesetzt. Sie soll heutige und künftige Ansprüche von Menschen mit bestimmten Lymphomerkrankungen erfassen.
Schuldenabbau wird zum nächsten Belastungstest
Bayer senkte zugleich die Prognose für die Nettoverschuldung Ende 2026 auf 29 bis 30 Mrd. EUR. Zuvor hatte der Konzern mit 32 bis 33 Mrd. EUR gerechnet. Ende Juni lag die Nettoverschuldung bei rund 33,6 Mrd. EUR.
Die übrigen Jahresziele bestätigte das Unternehmen. Wegen Zahlungen für Rechtsfälle rechnet der Konzern allerdings mit einem freien Mittelabfluss zwischen 1,5 und 2,5 Mrd. EUR. Ohne diese Zahlungen wäre der Wert positiv.
Der wesentliche Hebel ist der Verkauf einer Minderheitsbeteiligung am Geschäft mit lang wirkenden Verhütungsmitteln. Der Finanzinvestor Apollo (ISIN: US03769M1062, WKN: A3DB5F) zahlt dafür 3 Mrd. EUR. Bayer behält die Mehrheit und operative Kontrolle, der Abschluss ist für das dritte Quartal 2026 vorgesehen.
Das Verhütungsmittelgeschäft mit Mirena, Kyleena und Jaydess erzielte 2025 einen Umsatz von 1,37 Mrd. EUR. Zu Bayers zusätzlichen Kapitalmaßnahmen zählen im Juli platzierte Anleihen über 5 Mrd. USD und die Verringerung einer Kreditlinie von 8 auf 3 Mrd. USD. Die niedrigere Schuldenprognose beruht vor allem auf dem erwarteten Mittelzufluss aus der Apollo-Transaktion. Der operative Mittelzufluss bleibt der empfindliche Punkt der Bilanz.
Die Konzernstruktur rückt in den Anlegerfokus
Mit dem operativen Rückenwind wächst der Erwartungsdruck auf Bayer-Vorstandschef Bill Anderson. Anleger suchen Hinweise auf mögliche Strukturänderungen, Fortschritte in der Arzneimittelentwicklung und einen verlässlichen Schuldenabbau. Die Wirtschaftszeitung Financial Times berichtete über wachsende Spekulationen zu einer Aufspaltung, etwa eine Abspaltung des Agrargeschäfts und einen Verkauf der Selbstmedikationssparte.
Anderson hatte eine strategische Prüfung der breit gefächerten Konzernstruktur 2024 ausgesetzt. Das US-Roundup-Geschäft liegt inzwischen in der eigenständigen Konzerneinheit Ruveon in St. Louis und ist intern vom übrigen Unternehmen getrennt. Ruveon verantwortet Preisgestaltung, Vertrieb, Produktion und Logistik. Diese Neuordnung nährt Erwartungen an weitere Abspaltungen oder Verkäufe.
Der Saatgutschub verschafft Anderson Zeit für seine langfristigen Pläne. Die schwächeren Ergebnisse im Pharmageschäft und der negative freie Mittelzufluss begrenzen jedoch den operativen Spielraum. Für eine dauerhafte Neubewertung braucht Bayer nun sichtbare Fortschritte bei Struktur, Forschung und Bilanz.

