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Stromanschluss als RisikoMicrosoft beendet Vertrag für britisches Nscale-Rechenzentrum

Ein geplanter KI-Standort bei London verliert mit Microsoft seinen bislang einzigen öffentlich genannten Kunden. Die Stromversorgung lässt möglicherweise bis in die 2030er-Jahre auf sich warten. Für Betreiber Nscale kommt der Rückschlag kurz vor einem geplanten US-Börsengang.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 6 min
Titelbild: Or Hakim / Unsplash

Der US-Technologiekonzern Microsoft ISIN US5949181045 WKN 870747 hat seine Vereinbarung für ein geplantes KI-Rechenzentrum im englischen Loughton beendet. Für Nscale ist der Ausstieg besonders empfindlich: Microsoft war der einzige öffentlich angekündigte Kunde des Standorts. Am 19. Oktober bestätigte Microsoft gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass die Entscheidung allein Loughton betreffe.

Prestigeprojekt ohne rechtzeitigen Stromanschluss

Für die Anlage in der Grafschaft Essex nahe London waren zunächst 50 Megawatt KI-Rechenkapazität und 23.040 Nvidia-Prozessoren vorgesehen. Die Prozessoren sollten im ersten Quartal 2027 bereitgestellt werden und anschließend Microsofts Azure-Cloud-Dienste in Großbritannien unterstützen. Nscale hatte den Standort als künftig größten KI-Supercomputer des Landes angekündigt.

Allerdings verzögerte sich das Projekt mehrfach. Nach Informationen der britischen Tageszeitung The Telegraph teilten Netzverantwortliche Nscale mit, dass die notwendige Stromversorgung voraussichtlich erst in den 2030er-Jahren bereitsteht. Die Stromprobleme sind zwar dokumentiert, ihr genauer Einfluss auf die Kündigungsentscheidung dagegen nicht. Microsoft selbst hat keinen ausdrücklichen Grund für die Vertragsbeendigung genannt.

Dabei galt Loughton als Vorzeigeprojekt der britischen KI-Politik. Microsoft hatte im September 2025 Investitionen von 30 Mrd. USD in Großbritannien bis 2028 angekündigt, darunter 15 Mrd. USD für Cloud- und KI-Infrastruktur. Der Standort gehörte zu diesem Programm. Nach Angaben des Telegraph warben Regierungsvertreter bei Kommunalpolitikern für das Vorhaben.

Der Engpass reicht über Essex hinaus. Ende Juli 2026 bezifferte die britische Energieregulierungsbehörde Ofgem die beantragte Netzanschlussleistung für Rechenzentren in der britischen Warteschlange auf rund 73 Gigawatt. Die Behörde schlug Sicherheitszahlungen und verbindliche Fortschrittsnachweise vor, damit spekulative Projekte knappe Anschlusskapazitäten nicht länger blockieren.

Auch die Strompreise erschweren britische KI-Projekte. So setzte der KI-Entwickler OpenAI im April das gemeinsam mit Nscale geplante Programm Stargate UK aus, zu dem auch ein Standort in Nordostengland gehören sollte. Als Gründe nannte OpenAI hohe Energiekosten und regulatorische Unsicherheiten.

Hohe Vertragswerte, bislang begrenzte Umsätze

Nscale vermietet KI-Rechenleistung und entwickelt dafür Rechenzentren, Energieinfrastruktur sowie Software für das Training und den Betrieb von KI-Modellen. Zu den Geldgebern gehört der US-Chipkonzern Nvidia ISIN US67066G1040 WKN 918422. Das Unternehmen konkurriert mit spezialisierten Infrastrukturbetreibern um langfristige Aufträge großer Technologiekonzerne.

In zweieinhalb Jahren wuchs das vertraglich vereinbarte Volumen von rund 100 Mio. auf rund 103,4 Mrd. USD, wie Reuters und Nscales Börsenprospekt zum 31. August 2026 belegen. Davon waren erst rund 2,6 Mrd. USD als aktives Vertragsvolumen eingestuft. Im ersten Halbjahr 2026 erzielte Nscale einen Umsatz von 140,6 Mio. USD.

Besonders groß ist die Abhängigkeit von zwei Abnehmern. Die Vereinbarungen mit Microsoft sehen Zahlungen von bis zu 43,8 Mrd. USD bis Ende 2033 vor. Hinzu kommen Verträge mit dem US-KI-Unternehmen Anthropic über bis zu 44,6 Mrd. USD. Zusammen entfallen damit rund 85 % des ausgewiesenen Gesamtvertragswerts auf diese beiden Kunden.

Die hohen Vertragswerte sind allerdings an Bedingungen geknüpft. Bei Microsoft hängen die erwarteten Zahlungen laut Börsenprospekt unter anderem von der rechtzeitigen Bereitstellung der vereinbarten Rechenleistung ab. Für die Infrastruktur der Anthropic-Verträge lagen zum Zeitpunkt des Prospekts noch keine verbindlichen Finanzierungszusagen vor. Bei erheblichen Lieferverzögerungen kann Anthropic einzelne Leistungspakete kündigen.

Nach Informationen des Telegraph macht das Loughton-Projekt nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Microsoft-Vereinbarungen aus. Für den Standort entfällt mit der Kündigung allerdings die ursprünglich zugesagte Abnahme der Rechenkapazität. Solche langfristigen Zusagen sind für die Finanzierung neuer Anlagen wichtig.

Auch in Norwegen geraten Baupläne unter Druck

Der Ausbau stellt Nscale nicht nur in Großbritannien vor Probleme. Nach Recherchen von Bloomberg liegt das Rechenzentrum im norwegischen Glomfjord sechs Monate hinter dem Zeitplan. Von geplanten 30 Megawatt waren demnach erst 6,4 Megawatt in Betrieb. Kühlungsprobleme, Bauverzögerungen, örtliche Vorschriften und ein Brand erschwerten die Fertigstellung.

Die Schwierigkeiten haben unterschiedliche Ursachen: In Glomfjord stockt der Bau, während in Loughton der späte Netzanschluss und Microsofts Rückzug die Planung erschweren. Nscale muss an mehreren Standorten große Mengen spezialisierter Rechentechnik, Energieversorgung und Bauleistungen aufeinander abstimmen. Dadurch verschiebt sich auch der Zeitpunkt, ab dem Kunden die vereinbarte Kapazität nutzen können.

Börsenpläne unter erhöhter Beobachtung

Im September 2026 reichte Nscale Unterlagen für einen Börsengang in den USA ein. Laut Telegraph wurde das Unternehmen privat zuletzt mit rund 15 Mrd. USD bewertet. Für die geplante Börsennotierung steht ein Unternehmenswert von bis zu 35 Mrd. USD im Raum, mehr als das Doppelte des bisherigen Werts.

Die Erwartungen treffen auf eine schwierige Stimmung bei börsennotierten KI-Infrastrukturanbietern. Zuletzt gerieten Aktien und Anleihen mehrerer Konkurrenten unter Druck, weil Investoren steigende Finanzierungskosten und hohe Schulden fürchten. Für Nscale erhöht das die Bedeutung eines nachvollziehbaren Wegs von Vertragszusagen zu betriebenen Rechenzentren.

Microsoft grenzt seinen Rückzug ausdrücklich auf den Standort Loughton ein und bekräftigt die langfristige Partnerschaft mit Nscale. Auch der britische Anbieter erklärt, andere Verträge seien durch die Londoner Netzprobleme nicht betroffen. Gemeinsame Projekte wurden zuvor unter anderem in Portugal, in Narvik im Norden Norwegens und in den USA angekündigt.

An Loughton hält Nscale ebenfalls fest. Das Unternehmen prüft alternative Energiequellen für das Gelände und zusätzliche Standorte in Großbritannien. Nach Microsofts Abgang muss es dort allerdings sowohl die Stromversorgung als auch die künftige Abnahme der geplanten Kapazität neu absichern.