Bild zum Artikel: Alarm am Anleihemarkt: CoreWeaves Kurssturz zeigt die Risiken des KI-Booms

Alarm am AnleihemarktCoreWeaves Kurssturz zeigt die Risiken des KI-Booms

Der US-Cloudanbieter CoreWeave baut im Auftrag von Technologiekonzernen Rechenkapazitäten für künstliche Intelligenz auf. Die Expansion verschlingt Milliarden und erfordert Kredite. Nun steigen die Finanzierungskosten, obwohl langfristige Kundenverträge Einnahmen versprechen.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 10 min
Titelbild: picture alliance / NurPhoto / Jakub Porzycki

Der Kursrutsch bei CoreWeave ISIN US21873S1087 WKN A413X6 hat Zweifel an der Finanzierung des KI-Booms verschärft. Nachdem die Aktie am Mittwoch mehr als 15 % verloren hatte, erholte sie sich am Donnerstag um knapp sechs Prozent. Das deutlichere Warnsignal kommt vom Anleihemarkt, wo Investoren inzwischen erheblich höhere Renditen verlangen.

Hohe Anleiherenditen zeigen Misstrauen der Anleger

Einzelne Anleihen von CoreWeave rentierten am Donnerstag im Sekundärhandel mit etwa 15 %. Solche Renditen entstehen, wenn die Kurse bestehender Schuldpapiere fallen. Sie deuten auf höhere Kosten künftiger Kredite und Anleihen hin, lassen aber keinen Schluss auf eine unmittelbar bevorstehende Insolvenz zu.

Auch die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall wurde erheblich teurer. Laut der Nachrichtenagentur Reuters stiegen die entsprechenden Prämien auf rund 1.000 Basispunkte. Daraus ergibt sich modellabhängig eine angenommene Ausfallwahrscheinlichkeit von fast 63 % innerhalb von fünf Jahren.

Reuters beziffert die Schulden von CoreWeave auf rund 50 Mrd. USD. Der Finanzierungsdruck zeigt sich auch im Tilgungsplan: Laut Quartalsbericht vom 30. Juni waren allein für 2027 Rückzahlungen von rund 6,2 Mrd. USD vorgesehen. Vor allem das Tempo des weiteren Ausbaus sorgt für Unruhe. Mit steigenden Finanzierungskosten wachsen die Anforderungen an die Erträge künftiger Rechenzentren.

Ausbau verschlingt jedes Jahr neue Milliarden

CoreWeave betreibt spezialisierte Rechenzentren und vermietet deren Rechenleistung an Entwickler von KI-Modellen und große Technologiekonzerne. Dafür kauft das Unternehmen leistungsfähige Prozessoren und sichert sich Flächen, Stromanschlüsse und technische Infrastruktur. Nach Einschätzung der US-Investmentbank BofA Securities verschafft ihm besonders der Zugang zu betriebsbereiter Stromversorgung einen Wettbewerbsvorteil.

Die Expansion hat allerdings eine außergewöhnliche Größenordnung erreicht. Für 2026 erhöhte CoreWeave seine Investitionsprognose im August auf bis zu 39 Mrd. USD. Von 2027 bis 2030 erwarten Analysten laut dem US-Anlegermagazin Barron's sogar jährliche Ausgaben von mehr als 50 Mrd. USD. Bis 2030 soll die Cloud-Kapazität von derzeit 1,5 auf mindestens acht Gigawatt steigen.

Im August hatte CoreWeave bereits 4,2 Gigawatt Stromkapazität vertraglich gesichert. Diese Leistung stand allerdings noch nicht vollständig für den Betrieb zur Verfügung. Zwischen einer vertraglichen Stromzusage und tatsächlich verfügbarer Rechenleistung stehen der Bau der Anlagen, der Netzanschluss und die Installation der Technik.

Erst im März 2025 ging CoreWeave an die Börse und nahm dabei rund 1,5 Mrd. USD ein. Angesichts der seither stark gestiegenen Investitionen deckt diese Kapitalaufnahme nur einen kleinen Teil des Finanzierungsbedarfs. Im zweiten Quartal 2026 erzielte das Unternehmen 2,58 Mrd. USD Umsatz und verzeichnete dennoch einen Nettoverlust von 626 Mio. USD. Allein der Nettozinsaufwand erreichte in diesem Quartal 640 Mio. USD.

Im ersten Halbjahr 2026 flossen CoreWeave aus dem operativen Geschäft 3,7 Mrd. USD zu. Dem standen Auszahlungen für Anlagen von 14,1 Mrd. USD gegenüber. Die erhebliche Differenz musste das Unternehmen durch zusätzliche Finanzierungen und vorhandene Mittel decken. Allerdings verfügte CoreWeave Ende Juni auch über rund 15,6 Mrd. USD an Liquidität, einschließlich zugesagter Kreditlinien.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor steckt in der Technik selbst. Beschleunigerchips sind teuer und können an Wert verlieren, sobald leistungsfähigere Generationen auf den Markt kommen. Dann werden womöglich neue Investitionen nötig, während die vorhandene Hardware noch finanziert werden muss. Den hohen Anfangsausgaben stehen somit Einnahmen gegenüber, die erst über Jahre hinweg zufließen.

Langfristige Kundenverträge sichern künftige Einnahmen

Dem enormen Kapitalbedarf steht ein umfangreicher Bestand vertraglich vereinbarter Aufträge gegenüber. CoreWeave beziffert ihn auf rund 104 Mrd. USD. Nach Darstellung des Unternehmens reichen die erwarteten Zahlungsströme aus, um sowohl die zugeordneten Kredite als auch weitere Schulden zu bedienen. Dafür seien weder Vertragsverlängerungen noch eine erneute Vermietung der als Sicherheiten dienenden Anlagen erforderlich. Die vertraglich zugesagten Einnahmen stehen allerdings nicht sofort als Bargeld zur Verfügung.

Nach dem Stand von Ende Juni sollten rund 41 % der ausstehenden Vertragsleistungen innerhalb von zwei Jahren als Umsatz erfasst werden. Voraussetzung sind die vereinbarte Bereitstellung der Kapazitäten und die Erfüllung der Lieferbedingungen. Bereits zu Beginn des dritten Quartals gewann CoreWeave nach eigenen Angaben zusätzliche Kundenverpflichtungen von netto mehr als 25 Mrd. USD. Diese waren im Auftragsbestand von Ende Juni noch nicht enthalten. Die Nachfrage bleibt damit hoch, während die Erlöse erst schrittweise zahlungswirksam werden.

Für Kreditgeber bieten solche langfristigen Vereinbarungen eine gewisse Sicherheit, solange die Kunden zahlen und die Rechenzentren rechtzeitig ans Netz gehen. Vollständig beseitigen lässt sich das Risiko dadurch jedoch nicht. Verzögerungen, teurere Anschlussfinanzierungen und zusätzliche Investitionen können die wirtschaftliche Rechnung verändern.

Zugleich hängt ein erheblicher Teil des Geschäfts von wenigen Großkunden ab. Auf den US-Softwarekonzern Microsoft ISIN US5949181045 WKN 870747 entfielen 2025 rund 67 % des CoreWeave-Umsatzes. Im zweiten Quartal 2026 steuerte der größte Kunde dagegen 36 % zum Umsatz bei, verglichen mit 71 % im Vorjahresquartal. Die Konzentration hat damit abgenommen, bleibt aber erheblich. Weitere Aufträge stammen vom KI-Entwickler OpenAI und vom US-Internetkonzern Meta ISIN US30303M1027 WKN A1JWVX.

Die mit OpenAI bis September 2025 vereinbarten Verträge summierten sich auf rund 22,4 Mrd. USD. Meta gab im April 2026 eine ausgeweitete Vereinbarung über 21 Mrd. USD bekannt.

Nvidia sichert Kapazitäten ab, aber nicht alle Schulden

Eine besondere Rolle spielt der US-amerikanische Chiphersteller Nvidia ISIN US67066G1040 WKN 918422. Der Konzern liefert zentrale Hardware und ist zugleich an CoreWeave beteiligt. Im Januar 2026 investierte Nvidia weitere zwei Milliarden USD. Außerdem besteht eine Vereinbarung zur Abnahme unverkaufter Rechenkapazität im Wert von bis zu 6,3 Mrd. USD bis 2032.

Diese Zusage verringert das Absatzrisiko für die betroffenen Kapazitäten. Eine umfassende Garantie für sämtliche Schulden von CoreWeave ist damit allerdings nicht verbunden. Nvidia-Chef Jensen Huang hält eine zusätzliche Absicherung derzeit auch nicht für notwendig. Seiner Einschätzung nach verbessert sich die Finanzkraft von CoreWeave, während die Kapitalkosten sinken.

Am Anleihemarkt beurteilen Investoren die aktuelle Risikolage offenbar skeptischer. CoreWeave bemüht sich deshalb um weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Mitgründer Brannin McBee brachte gegenüber der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times Kapital von Versicherungen ins Gespräch. Gleichzeitig strebt das Unternehmen ein Investment-Grade-Rating an, also eine Bonitätseinstufung, die eine vergleichsweise hohe Kreditwürdigkeit bescheinigt.

Für eine einzelne Kreditlinie über 8,5 Mrd. USD erreichte CoreWeave eine solche Einstufung bereits im März. Die Finanzierung ist durch Infrastruktur und Kundenverträge besichert. Ihre gute Bonitätsnote gilt allerdings ausschließlich für diese Kreditlinie und lässt sich nicht auf CoreWeave insgesamt übertragen. Kreditgeber können das Risiko einzelner, vertraglich abgesicherter Anlagen günstiger beurteilen als das des gesamten Unternehmens.

Zweifel erfassen gesamte KI-Branche

Die umfangreichen Investitionspläne der Branche beruhen auf der Erwartung einer dauerhaft hohen Nachfrage nach künstlicher Intelligenz. Enttäuschende Wachstumszahlen von Anthropic – dem Entwickler des KI-Modells Claude – verstärkten zuletzt die Sorgen über das Tempo künftiger Einnahmen. Auch Halbleiteraktien gerieten unter Verkaufsdruck. Laut Reuters verlor der Philadelphia Semiconductor Index innerhalb von sechs Sitzungen 11,6 Prozent. Dabei gingen mehr als 1,6 Bill. USD an Börsenwert verloren.

Besonders kritisch beurteilt das Marktforschungsunternehmen Gartner die Aussichten. Nach seiner Prognose dürften bis 2030 mehr als 80 % der spezialisierten KI-Cloudanbieter ihre Eigenständigkeit verlieren. Gartner warnt zudem, dass die erwarteten Einnahmen möglicherweise nicht ausreichen, um die geplanten Infrastrukturinvestitionen der Branche vollständig wirtschaftlich zu rechtfertigen.

Für die Anbieter spricht weiterhin der Engpass bei kurzfristig verfügbarer KI-Rechenleistung. Selbst etablierte Technologiekonzerne mieten zusätzliche Kapazitäten von CoreWeave, um ihren Bedarf zu decken. Ein nachlassendes Nachfragewachstum muss deshalb nicht zwangsläufig zu ungenutzten Rechenzentren führen.

Aktie wird günstiger, Anforderungen bleiben hoch

Nach dem Ausverkauf hat sich die Börsenbewertung von CoreWeave erheblich verringert. Laut Barron's wurde die Aktie am Donnerstag mit etwa dem 1,5-Fachen des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Umsatzes bewertet. Zu Jahresbeginn hatte dieser Faktor noch bei 2,9 gelegen.

Vergleichbare Anbieter wie der niederländische KI-Cloudanbieter Nebius ISIN NL0009805522 WKN A1JGSL und der australische Rechenzentrumsbetreiber IREN ISIN AU0000185993 WKN A3C7R6 erreichten höhere Umsatzmultiplikatoren. Bei Nebius lag der Faktor bei 4,7, bei IREN bei 2,7.

Der Deutsche-Bank-Analyst Brad Zelnick betrachtet den Kursrückgang angesichts der niedrigeren Bewertung als Kaufgelegenheit. Voraussetzung für eine solche Einschätzung bleibt allerdings, dass die langfristigen Verträge genügend Mittel für Zinsen, Tilgungen und weitere Investitionen freisetzen. Mit dem nächsten Wachstumsschritt muss CoreWeave zugleich nachweisen, dass sich der Ausbau seiner KI-Infrastruktur dauerhaft finanzieren lässt.