
Sanktionsrisiko: Konzerne stoßen an Grenzen bei der Rohstoffkontrolle
Offenlegungen von Unternehmen wie Volkswagen, Tesla, Amazon und Nokia zeigen, wie lückenhaft sich Metalllieferketten zurückverfolgen lassen. Das ist juristisch heikel, weil US-Sanktionen auch indirekte Geschäfte erfassen können, selbst wenn Unternehmen den Kontakt nicht kennen.
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Eine Analyse der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times erfasste mehr als 170 Unternehmen, die sanktionierte Goldraffinerien als mögliche Glieder ihrer Lieferketten genannt haben. Ob tatsächlich Geschäfte mit diesen Raffinerien stattgefunden haben, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Die vier Betriebe stehen aufgrund eigenständiger Behördenfeststellungen und Vorwürfe auf Sanktionslisten. Die Unternehmensangaben zeigen vor allem, wie schwer selbst Großkonzernen die lückenlose Kontrolle der Herkunft ihrer Rohstoffe fällt.
Unter den genannten Unternehmen sind der deutsche Automobilkonzern Volkswagen DE0007664039766403, der US-Elektroautobauer Tesla US88160R1014A1CX3T, der Technologie- und Handelskonzern Amazon US0231351067906866 und der finnische Netzwerkausrüster Nokia FI0009000681870737.
Lieferketten werden zum Sanktionsrisiko
US-Sanktionsregeln können nach Einschätzung von Juristen auch indirekte Geschäfte mit gelisteten Unternehmen erfassen. Die Sanktionsbehörde OFAC stellt selbst klar, dass zivilrechtliche Geldbußen wegen Sanktionsverstößen auf verschuldensunabhängiger Haftung beruhen können. Unter US-Gerichtsbarkeit kann deshalb eine zivilrechtliche Haftung entstehen, obwohl der Betroffene das Verbot nicht kannte.
Ein früherer Mitarbeiter des US-Finanzministeriums hält eine rechtliche Verantwortlichkeit selbst bei fünf Zwischenhändlern für möglich. Zudem verweist ein international tätiger Sanktionsanwaltlaut Financial Times ebenfalls auf strenge Haftung bei direkten und indirekten Kontakten.
In der Praxis ist die Lage weniger eindeutig. Geringfügige indirekte Geschäfte stehen nach Einschätzung des Juristen derzeit nicht im Vordergrund der Durchsetzung. So entsteht eine Lücke zwischen weitreichenden Regeln und begrenzter Kontrollierbarkeit.
Meldelisten fallen bewusst breiter aus
Die US-Börsenaufsicht SEC verpflichtet bestimmte börsennotierte Unternehmen nach dem Dodd-Frank-Act zu Angaben über sogenannte Konfliktmineralien. Die Regel soll offenlegen, ob Gold, Zinn, Tantal oder Wolfram möglicherweise aus der Demokratischen Republik Kongo oder angrenzenden Staaten stammen. Erfasst werden diese Rohstoffe, wenn sie für Funktion oder Herstellung der betroffenen Produkte notwendig sind. Dafür befragen die Unternehmen ihre direkten Lieferanten, welche Schmelzen und Raffinerien in ihrer Produktionskette vorkommen. Diese Lieferanten sollen wiederum Informationen bei ihren eigenen Vorlieferanten einholen.
Die Responsible Minerals Initiative (RMI), eine Brancheninitiative für verantwortliche Rohstoffbeschaffung, stellt dafür ein standardisiertes Formular bereit. Dieses Conflict Minerals Reporting Template dient dazu, Angaben zu Herkunftsländern sowie zu verwendeten Schmelzen und Raffinerien entlang der Lieferkette weiterzugeben. In der Praxis hängt die Aussagekraft davon ab, wie vollständig diese Informationen über die einzelnen Lieferstufen weitergereicht werden. Auf jeder Stufe können dabei Auskünfte fehlen.
Die Berichte führen deshalb auch Raffinerien auf, deren Beteiligung ein Unternehmen nicht sicher bestätigen, aber ebenso wenig ausschließen kann. Eine solche Nennung ist kein Eingeständnis eines Sanktionsverstoßes. Anders wäre die Lage bei einer tatsächlich nachgewiesenen verbotenen Geschäftsbeziehung: Unter US-Sanktionsrecht können solche Geschäfte auch ohne Kenntnis des Unternehmens zivilrechtliche Folgen haben. Keine der identifizierten Firmen meldete eine direkte Geschäftsbeziehung zu den sanktionierten Raffinerien.
Konzerne melden mögliche Raffineriekontakte
Amazon führte beispielsweise die russische Edelmetallraffinerie Krastsvetmet als möglichen Verarbeiter von Gold in erfassten Produkten auf. Zugleich erklärte der Konzern, die Genauigkeit der zugrunde liegenden Liste nicht verifizieren zu können.
Volkswagen nannte gleich alle vier sanktionierten Raffinerien. Das Unternehmen betonte, dass es sich um potenzielle Lieferanten handle und eine Beteiligung weder bestätigt noch ausgeschlossen werden könne. Nach eigenen Angaben kontaktierte Volkswagen 2025 rund 1.500 Lieferanten und überwachte fortlaufend Warnsignale.
Tesla führte ebenfalls alle vier Raffinerien als möglicherweise in der Lieferkette vorhanden auf, verwies jedoch auf eine strukturelle Übererfassung solcher Branchenmeldungen. Tesla konnte die Beteiligung ebenso nicht bestätigen.
Auch Nokia nannte alle vier Raffinerien. Seit 2020 fordert der Konzern seine Lieferanten auf, die ugandische Goldraffinerie African Gold Refinery aus der Lieferkette zu entfernen. Für die russischen Raffinerien Uralelectromed und Krastsvetmet gilt diese Aufforderung seit 2024.
Vier Raffinerien im Zentrum der Prüfung
Uralelectromed und Krastsvetmet wurden 2023 wegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine mit US- beziehungsweise britischen Sanktionen belegt. African Gold Refinery kam 2022 auf die US-Sanktionsliste. Die Behörde wirft dem Unternehmen den Umgang mit illegal gefördertem Gold aus der Demokratischen Republik Kongo vor.
Die ruandische Goldraffinerie Gasabo Gold Refinery wiederum wurde im März 2025 von der Europäischen Union wegen ihrer Rolle im Handel mit Gold aus dem Ostkongo sanktioniert. Die USA folgten dem im Juni dieses Jahres. Zu diesem Zeitpunkt hatten einige Unternehmen ihre Jahresmeldungen bereits eingereicht.
Nach Angaben des US-Finanzministeriums wurden Anfang 2026 mindestens 60 Kilogramm Gold aus M23-kontrollierten Gebieten im Osten der Demokratischen Republik Kongo zur Gasabo Gold Refinery in Kigali transportiert. Nach Darstellung der Behörde sorgten Soldaten der ruandischen Streitkräfte und Angehörige der bewaffneten Gruppe M23 für den sicheren Transport aus M23-kontrollierten Gebieten über Ruanda bis zur Raffinerie. Die Behörde beziffert den Wert auf mehrere Millionen USD und wirft der Raffinerie Unterstützung für M23 vor.
Transparenz endet oft vor der Rohstoffquelle
Das Verfahren bleibt jedoch auf Angaben zahlreicher Lieferanten angewiesen. Manche Zulieferer antworten unvollständig oder gar nicht. Zudem wird Metall unterschiedlicher Herkunft bei nachgelagerten Verarbeitern häufig vermischt, bevor es weiter durch die Lieferkette wandert.
Michael Littenberg von der US-Kanzlei Ropes & Gray hält die Datenqualität deshalb für begrenzt. Nach seiner Einschätzung setzt die US-Börsenaufsicht kaum Ressourcen zur Durchsetzung der Regel ein, sagte er der Financial Times.
Willis Thomas von der Rohstoffberatung CRU Group verwies gegenüber der Financial Times auf ein weiteres Problem. Unternehmen können nur schwer beweisen, etwas gerade nicht zu beziehen.
Das wirtschaftliche Risiko liegt damit vor allem in der Unsicherheit über die tieferen Stufen der Lieferkette. Verschärfen Behörden künftig die Durchsetzung, steigt für internationale Konzerne das Risiko, dass bislang tolerierte indirekte Kontakte rechtlich relevant werden.

