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RezessionssorgenDie Zinsdifferenz zwischen USA und Euroland wächst 2026 - aber wie weit?

Fallen die Arbeitsmarktdaten in den USA für Dezember schlecht aus, könnte die Fed sich rascher und weitreichender zu Zinssenkungen bereiterklären.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: picture alliance / Rene Traut Fotografie

Am Dienstag gab es neue Daten vom US-Arbeitsmarkt: Die US-Wirtschaft schuf im November 64.000 neue Arbeitsplätze, verlor aber zuvor im Oktober vor allem durch verspätet in die Statistik einfließende drastische Einbrüche bei den Stellen im öffentlichen Dienst 105.000 Arbeitsplätze, wobei die Arbeitslosenquote im November auf 4,6 % stieg. Das Lohnwachstum verlangsamte sich auf 3,5 %. Die Daten zeigen eine anhaltende Schwächung des Arbeitsmarktes. Setzt sich diese Entwicklung fort, könnten die Leitzinsen in den USA stärker sinken als bislang gedacht.

Schwächerer Arbeitsmarkt könnte Fed zu Lockerung bewegen

Laut dem FedWatch-Tool der Chicago Mercantile Exchange (CME) rechnen die Marktteilnehmer mit einer Wahrscheinlichkeit von gut 75 % nicht damit, dass es bei der nächsten FOMC Sitzung am 28. Januar zu einer Senkung der Zinsspanne von derzeit 350-375 Basispunkten kommen wird. Für 2026 rechnen Zinshändler demnach mit einer Wahrscheinlichkeit von 45,7 % mit 1-2 Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte. Die Wahrscheinlichkeit für drei oder mehr Zinsschritte liegt bei 43 %.

Eine weitere Abkühlung könnte die Fed jedoch veranlassen, die Zinssätze früher oder stärker als bisher erwartet zu senken. Die Arbeitsmarktdaten für Dezember könnten dabei ausschlaggebend sein: Christopher Hodge, Chefökonom für die USA beim Bostoner Investmentmanager Natixis "frei von DOGE- und Shutdown-Verzerrungen" und deshalb aufschlussreicher als die bisherigen Daten.

Sollten diese Daten die jüngsten, bislang aufgrund möglicher statistischer Verzerrungen nicht vollständig belastbaren Trends verstärken, könnte die US-Wirtschaft gar in eine Rezession rutschen - jedenfalls, wenn es nach dem durch die Ökonomin Claudia Sahm entwickelten Indikator (Sahm Rule) geht. Demnach beginnt in den USA eine Rezession, nachdem der gleitende Dreimonatsdurchschnitt der Arbeitslosenquote innerhalb eines Zwölfmonatszeitraums um mehr als einen halben Prozentpunkt gestiegen ist.

In diesem Fall könnte eine raschere und stärkere Lockerung der Geldpolitik erfolgen. Die Fed würde sich dann im Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitsmarkt ein Stück weit näher am Arbeitsmarkt positionieren.

In Europa könnten die Zinsen sogar steigen

Ganz andere Signale gibt es im Euroraum: Zwar dürfte sich auch die Notenbank diesseits des Atlantiks am Donnerstag eine rhetorische Hintertür für Zinssenkungen offenhalten. Mit viel mehr in dieser Richtung ist aber nicht zu rechnen.

"Die Botschaft der bevorstehenden Ratssitzung könnte lauten, dass die EZB für die kommenden drei Jahre zwar von Inflationsraten eher unter als über 2 % ausgeht, darin aber keinen hinreichenden Grund für eine Senkung der Leitzinsen sieht", sagt Kristian Tödtmann, Leiter Geldpolitik und Kapitalmärkte bei der DekaBank. Er erwartet für 2026 eine Aufwärtsrevision der Kerninflation und hält die bisherigen Erwartungen der EZB im Hinblick auf das nachlassende Lohnwachstum für zu optimistisch. Der erwartete robuste Arbeitsmarkt sei "schwer damit in Einklang zu bringen, dass sich das Lohnwachstum bis Mitte nächsten Jahres auf nur noch 2,5 % verlangsamen soll."

Die Stimmen aus der EZB, die eher für eine Zinserhöhung als für eine Zinssenkung sprechen, waren zuletzt deutlich vernehmbar. Der kroatische Notenbankpräsident Boris Vujčić etwa sieht die Geldpolitik "in einer guten Lage, die hoffentlich so lange wie möglich anhält." Er hält die Auf- und Abwärtsrisiken für Inflation bzw. Wachstum derzeit für gleich groß.

EZB-Direktorin Isabel Schnabel hatte zuletzt skizziert, dass der nächste Zinsschritt der EZB nach einer längeren Zinspause eine Zinserhöhung sein könnte, und dies mit der relativ hohen Kerninflation begründet. EZB-Präsidentin Christine Lagarde geht davon aus, dass sich die Wachstumsperspektiven in der Währungsunion aufhellen könnten: "In den letzten Prognosen haben wir unsere Vorhersagen nach oben korrigiert. "Ich vermute, dass wir das im Dezember erneut tun werden."

Diese Entwicklungen sprechen dafür, dass das Zinsniveau zwischen der Eurozone und den USA zumindest am kurzen Ende auseinanderdriftet. Die Frage scheint aktuell, wie weit sich die Schere öffnet. Die Antwort darauf wird für den Aktienmarkt, aber auch für den USD-Wechselkurs von Bedeutung sein - und damit auch für alle Anleger mit US-Aktienpositionen.