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Neue SchnittstellenChina baut mit Gehirnimplantaten eine Industrie auf

Eine Implantatzulassung und neue Abrechnungsregeln erleichtern Herstellern den Weg in chinesische Kliniken. Parallel wächst das Geschäft mit tragbarer Neurotechnik. Doch die Erstattung medizinischer Behandlungen und der nachweisbare Nutzen vieler Verbrauchergeräte bleiben offen.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: picture alliance / Cfoto

Hunderte Start-ups und Tausende Zulieferer arbeiten in China an Hirn-Computer-Schnittstellen. Mit staatlichen Entwicklungsplänen, neuen Abrechnungsregeln und gezielter Industrieförderung schafft Peking die Voraussetzungen für eine eigene Neurotechnikbranche. Die Zulassung eines Gehirnimplantats im März zeigt, dass die Technologie zunehmend den Weg aus der Forschung in die medizinische Anwendung findet. Wirtschaftlich steht die Branche allerdings noch am Anfang.

Peking baut das Fundament für eine neue Branche

Im neuen Fünfjahresplan für 2026 bis 2030 zählt China Hirn-Computer-Schnittstellen zu seinen künftigen Wachstumsfeldern. Auf der industriepolitischen Agenda stehen ferner Quantentechnik, Robotik und Kernfusion. Für die Neurotechnik bündelt der Staat Forschung, klinische Infrastruktur und die Entwicklung verbindlicher Verfahren. Dahinter steht die Erwartung, aus Laborergebnissen eine eigenständige industrielle Wertschöpfung aufzubauen.

Bereits im Juli 2025 legten sechs chinesische Regierungsstellen und die Chinesische Akademie der Wissenschaften konkrete Entwicklungsziele fest. Bis 2027 sollen zwei bis drei regionale Industriecluster für Hirn-Computer-Schnittstellen entstehen. Bis 2030 will Peking zwei bis drei international einflussreiche Unternehmen in der Branche hervorbringen. Die Pläne reichen damit weit über einzelne medizinische Anwendungen hinaus.

Die Grundlagen dafür reichen weiter zurück. 2024 veröffentlichte Chinas Wissenschaftsministerium ethische Leitlinien für die Forschung an Hirn-Computer-Schnittstellen. Seit diesem Herbst bietet die Tianjin-Universität in Nordchina einen eigenen grundständigen Studiengang für Hirn-Computer-Technologien an. Die Provinz Anhui in Ostchina strebt bis 2028 Genehmigungen für mindestens drei klinische Studien mit invasiven Systemen an.

Für eine industrielle Vermarktung müssen mehrere Voraussetzungen zusammenkommen. Krankenhäuser benötigen klare Vorgaben, Entwickler die freiwillige Teilnahme geeigneter Patienten an klinischen Studien und Investoren erkennbare Aussichten auf spätere Einnahmen. Zugleich entsteht Nachfrage nach Elektroden, Chips, Software und spezialisierten medizinischen Dienstleistungen. Inzwischen arbeiten bereits zahlreiche junge Technologieunternehmen und spezialisierte Zulieferer auf diesem Gebiet.

Der staatliche Entwicklungsplan sieht ausdrücklich langlebige und körperverträgliche Elektroden, stromsparende Spezialchips sowie eine zuverlässige drahtlose Datenübertragung vor. Solche Komponenten bestimmen maßgeblich, wie leistungsfähig und alltagstauglich implantierte Systeme werden können. Bei dauerhaft eingesetzten Geräten müssen Signalqualität, Energieversorgung und Sicherheit schließlich über längere Zeit gewährleistet bleiben.

Implantat wird zum Testfall für den Markt

Wie weit China bei der medizinischen Vermarktung bereits gekommen ist, zeigt das Medizintechnikunternehmen Neuracle aus Shanghai. Dessen System NEO erhielt am 13. März 2026 eine Vermarktungszulassung. Es richtet sich an Menschen, deren Handfunktion durch eine Verletzung des Rückenmarks stark eingeschränkt ist. Ein münzgroßes Implantat liegt auf der Hirnhaut, ohne in das Gehirngewebe einzudringen. Es erfasst elektrische Signale, die beim gedachten Bewegen der Hand entstehen. Eine Software übersetzt sie in Befehle für einen mit Luftdruck betriebenen Handschuh, der Greifbewegungen unterstützt.

Das System überbrückt den Funktionsverlust durch technische Unterstützung, ohne die geschädigten Nervenbahnen zu reparieren. Die Zulassung ist allerdings auf eine eng definierte Patientengruppe beschränkt. Betroffene müssen zwischen 18 und 60 Jahre alt sein und spezifische Verletzungen des Halsrückenmarks aufweisen. Ihr Gesundheitszustand muss seit mindestens sechs Monaten stabil sein.

Die potenzielle Nachfrage reicht dennoch weit über einzelne Versuchspersonen hinaus. Nach Angaben der chinesischen Krankenversicherungsbehörde leben im Land mehr als 3,7 Mio. Menschen mit Rückenmarksverletzungen. Jährlich kommen etwa 90.000 Betroffene hinzu. Wie viele dieser Menschen für NEO infrage kommen, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Dafür sind die medizinischen Zulassungskriterien zu eng gefasst.

An der klinischen Erprobung waren nach Angaben der Fudan-Universität in Shanghai zwölf medizinische Einrichtungen und 32 Patienten beteiligt. Die Genehmigung markiert damit einen wichtigen Schritt über die Forschung hinaus. Ob das System bei allen Betroffenen ähnlich gut wirkt und langfristig sicher bleibt, bedarf noch weiterer Prüfung.

Richtpreise erleichtern den Weg in die Kliniken

Bereits zwei Tage nach seiner Zulassung erhielt das Produkt eine eigene Kennnummer im chinesischen Krankenversicherungssystem. Schon seit 2025 bestehen zudem nationale Vorgaben für die Preisbildung entsprechender Behandlungsleistungen. In den meisten chinesischen Provinzen liegen die staatlichen Richtpreise für das Einsetzen invasiver Hirn-Computer-Schnittstellen inzwischen bei etwa 6.000 bis 6.600 CNY (rund 880 bis 970 USD). Für die Anpassung nicht-invasiver Systeme werden rund 960 CNY (etwa 140 USD) angesetzt. Die Richtpreise beziehen sich auf einzelne medizinische Leistungen. Weitere Behandlungskosten können hinzukommen. Ob die Krankenversicherung die Behandlung übernimmt, ist damit weiterhin offen.

Die Abrechnungsregeln schaffen einen wichtigen wirtschaftlichen Unterschied zu reinen Forschungsprojekten. Krankenhäuser erhalten eine Grundlage für die Abrechnung, während Hersteller ihre Produkte in geregelte Versorgungsabläufe einbringen können. Mögliche Einnahmequellen werden für Investoren dadurch zumindest besser erkennbar.

Privates Kapital folgt der staatlichen Strategie

Besonders intensiv ist der Wettbewerb bei implantierten Systemen. Das 2016 von Elon Musk gegründete Unternehmen Neuralink erprobt drahtlose Schnittstellen bei schwer gelähmten Menschen. Auch in China arbeiten mehrere Unternehmen an solchen Implantaten. Das Medizintechnikunternehmen NeuroXess aus Shanghai entwickelt vollständig implantierte, kabellose Systeme. NeuCyber, ein staatlich unterstütztes chinesisches Neurotechnikunternehmen, entwickelt ebenfalls Gehirnimplantate.

Wie stark Kapitalgeber die Entwicklung unterstützen, zeigt StairMed. Der chinesische Entwickler implantierbarer Hirn-Computer-Schnittstellen sammelte 2026 rund 500 Mio. CNY (etwa 73 Mio. USD) ein. Angeführt wurde die Finanzierungsrunde vom chinesischen Technologie- und Handelskonzern Alibaba ISIN US01609W1027 WKN A117ME. Das belegt, dass auch große Technologiekonzerne auf spätere medizinische Anwendungen setzen.

StairMed zufolge summierten sich die eingeworbenen Mittel innerhalb eines Jahres damit auf mehr als 1,1 Mrd. CNY. Das Kapital soll unter anderem die klinische Entwicklung und die weitere Verbesserung der Technik beschleunigen. Ob daraus ein profitabler Markt entsteht, ist trotz der hohen Finanzierungssummen allerdings noch offen.

Zwischen einer erfolgreichen Implantation und einer breiten klinischen Anwendung liegen erhebliche Anforderungen. Chirurgische Eingriffe benötigen spezialisierte Einrichtungen, geeignete Patienten und eine verlässliche Nachbetreuung. Entsprechend dürfte sich die wirtschaftliche Entwicklung implantierter Systeme zunächst deutlich von jener tragbarer Neurotechnik unterscheiden.

Medizinische Hilfe und Konsumversprechen

Außerhalb des Operationssaals entsteht also ein breiterer, allerdings schwerer einzugrenzender Markt. Nicht-invasive Systeme können Hirnströme über Sensoren am Kopf messen. Andere Geräte geben schwache elektrische Impulse ab, etwa mit dem Versprechen besserer Entspannung. Beide Verfahren gehören zum weiteren Feld der Neurotechnik, unterscheiden sich aber in ihrer Funktionsweise und den beworbenen Vorteilen.

Das Neurotechnikunternehmen BrainCo aus dem ostchinesischen Hangzhou verkauft unter anderem bionische Prothesen und entwickelt tragbare Geräte. Seine künstlichen Hände reagieren auf Signale von Nerven und Muskeln an der verbliebenen Gliedmaße. Diese Prothesen unterscheiden sich technisch von Implantaten, die innerhalb des Schädels eingesetzt werden.

Nach Branchenangaben bieten inzwischen rund 20 chinesische Unternehmen am Kopf getragene Neurotechnikgeräte an. Das Spektrum reicht von Schlafhilfen bis zu Spielen, die auf gemessene Hirnaktivität reagieren. Nyx He, Managerin bei BrainCo, sieht die Herausforderung inzwischen vor allem in der Entwicklung alltagstauglicher Anwendungen. Für jedes Produkt ist allerdings gesondert zu prüfen, ob die beworbenen Wirkungen wissenschaftlich ausreichend belegt sind.

Der Verzicht auf chirurgische Eingriffe eröffnet den Herstellern andere Vertriebsmöglichkeiten. Tragbare Geräte lassen sich grundsätzlich leichter verbreiten als Implantate, deren Einsatz an medizinische Einrichtungen gebunden bleibt. Im Verkauf müssen ihre Funktionen allerdings auch außerhalb technischer Vorführungen überzeugen.

Der Markt braucht mehr als technische Durchbrüche

Eine Prognose des chinesischen Marktforschungsunternehmens CCID Consulting beziffert das erwartete Marktvolumen für Hirn-Computer-Schnittstellen in China 2028 auf 6,14 Mrd. CNY. Für 2024 ermittelte das Unternehmen 3,2 Mrd. CNY. Das entspräche innerhalb von vier Jahren beinahe einer Verdopplung.

Medizinprodukte mit hohen Zulassungshürden dürften sich wirtschaftlich anders entwickeln als vergleichsweise leicht verkäufliche Verbrauchergeräte. Bei Implantaten entscheiden neben dem technischen Fortschritt der nachweisbare Patientennutzen, die langfristige Sicherheit und die Finanzierung der Behandlung. Hersteller tragbarer Geräte müssen hingegen nachweisen, dass Menschen ihre Produkte dauerhaft verwenden wollen und die Geräte ihre Nutzenversprechen erfüllen.

Weitere Fragen betreffen die Einwilligung der Nutzer und den Schutz besonders sensibler Hirndaten. China hat begonnen, einen regulatorischen Rahmen dafür zu schaffen, dessen praktische Bewährung allerdings noch aussteht. Die 2024 veröffentlichten Forschungsleitlinien enthalten bislang unverbindliche ethische Grundsätze. Der Industrieplan von 2025 verlangt ausdrücklich weitere Regeln für die Erhebung, Speicherung und Verwendung von Nutzerdaten. Auch der Umgang mit Hirnsignalen gehört damit zu den Voraussetzungen einer breiten Vermarktung. Mit seiner staatlich geförderten Neurotechnikindustrie fordert China zunehmend die bislang führenden amerikanischen Entwickler heraus.