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Wachstum drückt PreiseKI-Boom verspricht höhere Produktivität bei weniger Inflation

Die US-Investmentgesellschaft ARK Invest erwartet, dass KI und weitere Schlüsseltechnologien die Produktivität kräftig steigern, das Wachstum beschleunigen und zugleich Preisdruck mindern. Aktuelle US-Daten liefern dafür erste Anhaltspunkte, aber auch gewichtige Gegenargumente.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 8 min
Titelbild: Peshkov / Bigstock

Künstliche Intelligenz wird an den Märkten meist als Wachstumsthema gehandelt. Cathie Wood, Gründerin der US-Investmentgesellschaft ARK Invest, verbindet den Technologieboom mit einem ungewöhnlichen makroökonomischen Szenario. Steigende Produktivität soll das reale Wachstum stark beschleunigen und zugleich den Preisdruck senken. Selbst deutlich höhere Zinsen müssten diesen Boom nach ARKs Szenario nicht abwürgen.

Produktivität als Schlüssel für das Szenario

Hinter der These steht ein einfacher Mechanismus. Produzieren Unternehmen innerhalb derselben Arbeitszeit mehr, sinken die Kosten je zusätzlicher Einheit. Werden diese Vorteile über niedrigere Preise weitergegeben, kann die Wirtschaft schneller wachsen, ohne dass die Inflation im gleichen Tempo zunimmt.

Nach ARKs Einschätzung sind inzwischen mehrere Technologien reif genug, um die Gesamtwirtschaft stärker zu beeinflussen: Künstliche Intelligenz, Robotik, Energiespeicher, Blockchain-Technologie und Multiomik-Sequenzierung. Letztere verbindet Daten aus verschiedenen biologischen Ebenen, etwa Erbgut, RNA und Proteinen. Aus dieser Kombination leitet die Investmentgesellschaft einen Produktivitätsschub ab, der weit über frühere Technologiezyklen hinausgehen soll.

Die Größenordnung ist allerdings außergewöhnlich. ARK hält in den kommenden Jahren reales US-Wachstum von mehr als 7 % für möglich. Nachhaltige Produktivitätszuwächse könnten demnach 5 bis 6 % erreichen. Gleichzeitig soll die Inflation deutlich unter das Zwei-Prozent-Ziel der US-Notenbank fallen.

KI-bezogene Investitionen tragen bereits messbar zum US-Wachstum bei. Der Internationale Währungsfonds schätzt ihren Beitrag zum Wirtschaftswachstum 2025 auf rund 0,5 Prozentpunkte. Das ist erheblich, belegt aber noch keinen flächendeckenden Produktivitätssprung.

Die aktuellen Daten stützen ARKs Annahmen nur teilweise

Die offiziellen Zahlen fallen bislang deutlich nüchterner aus. Die US-Arbeitsproduktivität im Unternehmenssektor außerhalb der Landwirtschaft stieg im zweiten Quartal 2026 annualisiert um 1,4 %. Gegenüber dem zweiten Quartal 2025 betrug das Plus 2,2 %.

Seit Beginn des vom US-Arbeitsministerium abgegrenzten aktuellen Konjunkturzyklus im vierten Quartal 2019 wuchs die Produktivität annualisiert um 2,1 %. Im vorangegangenen Zyklus von Ende 2007 bis Ende 2019 waren es 1,5 %. Die aktuellen 2,1 % entsprechen zugleich dem langfristigen Durchschnitt seit Anfang 1947. Ein gesamtwirtschaftlicher Sprung auf 5 oder 6 % ist in den Daten bislang nicht zu erkennen.

Auch beim Wirtschaftswachstum liegt die aktuelle Größenordnung deutlich unter ARKs Szenario. Das reale US-Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal 2026 annualisiert um 2,2 % zu. Die Teilnehmer des geldpolitischen Ausschusses der US-Notenbank erwarten für 2026 im Median 2,3 % Wachstum, gemessen vom vierten Quartal 2025 bis zum vierten Quartal 2026.

Der Abstand ist erheblich. ARK erwartet damit eine grundlegende Veränderung des bisherigen Wachstums- und Inflationsmusters. Damit die Kombination aus mehr als 7 % realem Wachstum und deutlich niedrigerer Inflation eintritt, müsste KI ihre Wirkung wesentlich breiter entfalten als bisher.

KI kann Kosten senken und Nachfrage erzeugen

Bei der Inflation wird das Bild komplexer. Produktivitätsfortschritte können Kosten senken, während ein Investitionsboom gleichzeitig zusätzliche Nachfrage erzeugt. Rechenzentren benötigen Chips, Strom, Netze, Kühlung - und große Mengen Kapital.

Fed-Gouverneurin Lisa Cook sieht das Risiko, dass der KI-Ausbau kurzfristig zusätzlichen Preisdruck erzeugt. Ende September verwies sie darauf, dass Strom- und Wasserkosten jeweils rund 5 % über dem Vorjahresniveau lagen und teilweise mit KI zusammenhängen könnten. Mittelfristig erwartet Cook eine moderate Entlastung des Preisdrucks durch höhere Produktivität. Zeitpunkt und Ausmaß dieser Wirkung seien allerdings unsicher.

Die offiziellen Inflationsdaten passen vorerst eher zu dieser vorsichtigen Sicht. Der PCE-Preisindex, der die Preisentwicklung der persönlichen Konsumausgaben in den USA misst, lag im August 2026 3,4 % über dem Vorjahr. Ohne Energie und Nahrungsmittel betrug die Rate 3,0 %. Eine gesamtwirtschaftlich sichtbare Deflationswirkung der Technologie lässt sich daraus bislang nicht ablesen.

Sinkende Kosten einzelner Technologien müssen allerdings nicht sofort den gesamten Warenkorb verbilligen. Maßgeblich wäre, ob sich Produktivitätsgewinne später auf viele Branchen ausbreiten. In diesem Fall könnten Unternehmen je Arbeitsstunde mehr produzieren, ohne dass ihre Kosten im gleichen Verhältnis steigen. Unternehmen hätten mehr Spielraum für niedrigere Preise, höhere Margen oder zusätzliche Investitionen. Welche Verwendung dominiert, bestimmt den tatsächlichen Inflationseffekt.

Technologieboom trotz deutlich höherer Zinsen

Noch ungewöhnlicher ist das Zinsbild. Die Investmentgesellschaft hält kurzfristige US-Zinsen von 6 bis 8 % bei gleichzeitig niedriger Inflation für denkbar. Langfristige Renditen könnten darunter bleiben und die Zinskurve damit erneut invertieren.

Die Logik unterscheidet zwischen Wachstum und Inflation. Kurzfristige Zinsen würden dem starken nominalen Wachstum folgen, während langfristige Renditen stärker auf gedämpfte Inflation reagieren. Eine inverse Zinskurve wäre dann kein Rezessionssignal, sondern Begleiterscheinung eines Produktivitätsbooms.

Die derzeitige US-Geldpolitik liegt von diesem Szenario noch weit entfernt. Die US-Notenbank hob ihren Leitzinskorridor Mitte September auf 3,75 bis 4,00 % an. Die Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der US-Notenbank erwarten für Ende 2026 im Median einen Leitzins von 4,1 %.

ARKs Szenario liegt damit beim Zinsniveau deutlich über diesen aktuellen Projektionen. Relevant bleibt es dennoch, weil es einen verbreiteten Reflex infrage stellt. Höhere Zinsen wären in diesem Modell nicht zwingend Ausdruck einer überhitzten Wirtschaft. Für hoch verschuldete Unternehmen bliebe das Umfeld trotzdem gefährlich. Besonders anfällig wären Geschäftsmodelle mit variabel verzinsten Schulden und begrenztem Produktivitätsfortschritt. Besser gestellt wären Unternehmen, die fallende Technologiekosten in höhere Margen oder schnelleres Wachstum umsetzen können.

Für Anleger zählt der wirtschaftliche Mechanismus

ARK zieht aus seiner These eine klare Konsequenz. Ein produktivitätsgetriebener Boom würde Aktien gegenüber Anleihen attraktiver machen. Zugleich könnten klassische Rezessionssignale wie eine inverse Zinskurve einen Teil ihrer bisherigen Aussagekraft verlieren. Für Anleger ist es trotzdem riskant, die extremen Wachstumszahlen als Basisszenario zu behandeln. Die aktuellen Daten zeigen bessere Produktivität, aber keinen historischen Sprung. Gleichzeitig bleibt die Inflation deutlich über dem Ziel der US-Notenbank.

Interessanter ist deshalb die zugrunde liegende Frage. Erweitert KI das Angebot schneller als die Nachfrage, können Wachstum und sinkender Preisdruck miteinander einhergehen. Überwiegt zunächst die zusätzliche Nachfrage, dürfte der Investitionsboom eher inflationär wirken. Diese Unterscheidung hat direkte Folgen für Bewertungen. Ein echter Produktivitätsschub würde höhere Gewinne und höhere reale Zinsen gleichzeitig plausibler machen. Bleibt der Effekt kleiner, steigt dagegen das Risiko überzogener Erwartungen an Technologieaktien.

Cathie Woods Szenario muss also nicht vollständig eintreten, um für die Märkte relevant zu werden. Schon ein moderater Produktivitätsschub könnte die gewohnte Beziehung zwischen Wachstum, Inflation und Zinsen verändern. Maßgeblich ist letztlich, wie stark sich sinkende KI-Kosten in der Gesamtwirtschaft niederschlagen.