
Nach Rettung: Credit Suisse: Märkte fürchten AT1 Bonds
Additional Tier-1-Bonds (AT1) sind heute das Schlagwort der "Finanzkrise 2.0". Credit Suisse Anleihen im Wert von 16 Mrd. CHF wurden einfach ausgebucht. Die Norm ist das aber nicht.
Lesezeit 5 min
Der Markt für sogenannte AT1 Bonds ist weltweit rund 250 Mrd. USD schwer. AT1 steht für Additional Tier-1 – eine Kennziffer, die sich auf das Kernkapital von Banken bezieht. AT1 Anleihen werden durch Banken emittiert.
AT1 Bonds der Credit Suisse: 16 Mrd. CHF vollständig abgeschrieben
Gerät die Emittentin in Schwierigkeiten, werden die Anleihen gemäß den enthaltenen Klauseln abgeschrieben, d.h. die Ansprüche der Gläubiger gestrichen. Durch den Wegfall von Verbindlichkeiten verbessert sich automatisch die Kernkapitalquote der betreffenden Bank.
So geschah es nun bei der in Schieflage geratenen Credit Suisse. Am Sonntag teilte die schweizerische Finanzmarktaufsicht (Finma) im Rahmen einer Mitteilung lapidar mit: "Die außerordentliche staatliche Unterstützung löst eine vollständige Abschreibung des Nennwerts aller AT1-Anleihen der Credit Suisse im Umfang von rund sechzehn Milliarden Franken und damit eine Steigerung des Kernkapitals aus."
Was sind AT1 Anleihen?
AT1-Anleihen – auch bekannt als Contingent Convertible Bonds oder CoCos – wurden nach der Finanzkrise eingeführt. Regierungen und Aufsichtsbehörden wollten damit erreichen, dass in Schieflage geratenen Banken nicht durch den Steuerzahler unter die Arme gegriffen werden muss. Vielmehr sollten die Anleihegläubiger zur Verantwortung gezogen werden.
Viele europäische Banken emittieren AT1 Anleihen. Aus Sicht der Banken lassen sich mit AT1 Bonds die Anforderungen der Aufsichtsbehörden an das Kernkapital leichter erfüllen als durch klassische Kapitalerhöhungen.
Auch viele institutionelle Anleger investieren in die Titel. Die Renditen sind signifikant höher als bei anderen Anleihen. So notierte ausgerechnet die Investmentsparte der Credit Suisse in einem Bericht vom Januar 2021, dass der CoCo Markt eine Rendite von 3,62 % biete. Im Vergleich dazu lagen damals europäische Hochzinsanleihen bei 2,88 %. Im August 2020 emittierte die Credit Suisse selbst eine AT1 Anleihe im Volumen von 1,5 Milliarden USD zu einem Zinssatz von 5,25 %.
Der Großteil der Anleihen wird von Versicherungen und Pensionskassen sowie Investmentfonds gehalten. Einzelne Banken wie Commerzbank und Deutsche Bank teilten bereits mit, nicht oder nicht in nennenswertem Umfang in AT1 Anleihen der Credit Suisse investiert gewesen zu sein.
EBA: AT1 Bonds in der Eurozone werden erst nach dem Eigenkapital herangezogen
Viele Titel aus dem Segment gaben am Montag deutlich ab. Die Anleger gewichten das Risiko offensichtlich höher, dass die kritischen Vertragsklauseln tatsächlich gezogen werden könnten.
Die Vorgänge in der Schweiz sind allerdings keine Blaupause für das Schicksal von AT1 Anleihen im Fall anderer Banken. Bemerkenswert ist, dass die Aktionäre der CS (die je eigener Aktie nun 0,0445 UBS Aktien erhalten) nun besser dastehen als die Anleihegläubiger.
Eigentlich gilt: Eigenkapital haftet vor Fremdkapital. Im Fall der AT1 Bonds der Credit Suisse waren die Klauseln so strukturiert, dass Aufsichtsbehörden eine vollständige Abschreibung auch ohne vorherige Inanspruchnahme der Aktionäre anordnen konnten.
Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) teilte deshalb am Montag umgehend mit, dass es sich bei AT1 Bonds in der Eurozone anders verhalte. "Stammaktieninstrumente sind die ersten, die Verluste absorbieren, und erst nach ihrer vollständigen Nutzung müsste das Additional Tier 1 abgeschrieben werden", heißt es in der Erklärung.
Jérôme Legras, Managing Partner bei dem auf Bankanleihen spezialisierten Fonds Axiom Alternative Investments, geht davon aus, dass der Markt nicht "so fassungslos" gewesen wäre, hätten alle Beteiligten inklusive der Aktionäre einen Totalverlust erlitten. Das Vorgehen in der Schweiz wirft seiner Ansicht nach Fragen auf. Er werde wahrscheinlich nicht mehr in schweizerische AT1 Bonds investieren.
Eingetrübtes AT1 Bond Umfeld könnte Refinanzierung erschweren
Das Magazin "Institutional Money" berichtet, die US Investment Bank Goldman Sachs plane den Einstieg in den Handel mit Forderungen aus AT1 Anleihen der Credit Suisse. Damit könnten Investoren darauf wetten, später doch einen gewissen Teil ihrer Ansprüche zurück zu erhalten – etwa nach einem Rechtsstreit.
AT1 Anleihen sind wichtige Refinanzierungsinstrumente für Banken. Der rund 250 Milliarden USD schwere Markt wird nach Ansicht vieler Beobachter nun zunächst deutlich beeinträchtigt. Dies könnte auch die Kreditvergabe der Banken einschränken.