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FinanzierungshürdenEuropas Banken verschärfen Kreditregeln in allen Segmenten

Geopolitische Risiken und hohe Energiepreise dämpfen die Risikobereitschaft im Euroraum. Laut Europäischer Zentralbank verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen vor allem für die Autoindustrie und Hersteller mit hohem Energieverbrauch.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 8 min
Titelbild: Masood Aslami / Unsplash

Für die vierteljährliche Bankkreditumfrage des Eurosystems, den Bank Lending Survey (BLS), befragten die EZB und die nationalen Zentralbanken 159 Institute im Euroraum. Das Ergebnis: Im zweiten Quartal 2026 verschärften die Banken ihre Kreditstandards moderat. Der Nettosaldo, also der Anteil straffender Banken abzüglich des Anteils lockernder Institute, lag bei Firmenkrediten bei 7 Prozent, bei Baufinanzierungen bei 9 Prozent und bei Konsumentenkrediten bei 12 Prozent.

Risikoscheu der Banken bremst die Kreditvergabe

Der BLS erfasst, wie sich Kreditstandards, Kreditkonditionen und Kreditnachfrage im Euroraum entwickeln. Mit Kreditstandards meint die EZB die internen Regeln der Banken für Kreditfreigaben, etwa die Bewertung der Zahlungsfähigkeit eines Kunden oder des Risikos hinterlegter Sicherheiten. Die Ergebnisse fließen in die wirtschaftliche und geldpolitische Beurteilung des EZB-Rats ein.

Nicht nur die Kreditstandards, sondern auch die tatsächlich vereinbarten Konditionen wurden strenger, vor allem wegen höherer Kreditzinsen. Bei Firmenkrediten trugen zudem größere Aufschläge für riskantere Schuldner zur Verschärfung bei. In Deutschland verlangten Banken teilweise mehr Sicherheiten; in Frankreich wirkten restriktivere Vorgaben zur Kredithöhe verschärfend. Zugleich nahm der Anteil abgelehnter Anträge zu: Der Nettosaldo lag bei Firmen- und Baufinanzierungen jeweils bei 6 Prozent, bei Konsumentenkrediten bei 9 Prozent. Für das dritte Quartal erwarten die Institute in allen drei Kreditgruppen eine weitere Verschärfung der Kreditstandards.

Die Verschärfung fiel allerdings schwächer aus als befürchtet. Im April hatte der Nettosaldo der Banken, die für das zweite Quartal strengere Regeln erwarteten, bei 19 Prozent gelegen; tatsächlich erreichte er 7 Prozent. Gleichzeitig verschlechterte sich der Zugang der Banken zu Kundeneinlagen, kurzfristigem Geldmarktgeld und Anleihefinanzierungen leicht. Betroffen waren sowohl kurz- als auch langfristige Finanzierungswege.

Industrie gerät zuerst unter den Kreditdruck

Am deutlichsten verschärften Banken ihre Vergaberegeln für die Autoindustrie und für Hersteller mit hohem Energieverbrauch. In diesen Branchen treffen schwache Wachstumsaussichten auf Handelskonflikte, gestörte Lieferketten und strukturellen Wettbewerbsdruck. Auch im Bau sowie im Groß- und Einzelhandel wurden Kredite schwerer zugänglich. Weitgehend stabil blieben die Standards lediglich für Dienstleistungen außerhalb des Finanz- und Immobiliengeschäfts.

Die schwache Industriekonjunktur verstärkt den Druck. Die Produktion im Euroraum sank im Mai 2026 um 0,2 Prozent zum Vormonat und um 1,2 Prozent zum Vorjahresmonat. Besonders deutlich fiel der Rückgang bei langlebigen und kurzlebigen Konsumgütern aus. Kapitalintensive Hersteller müssen Investitionen und Betriebsmittel daher häufiger mit größeren Risikozuschlägen kalkulieren.

Großunternehmen tragen die schwache Kreditbelebung

Trotz der härteren Vergabe stieg die Kreditnachfrage der Unternehmen leicht. Der Nettosaldo lag bei 3 Prozent, während die Banken im April noch einen deutlichen Rückgang um 10 Prozent erwartet hatten. Gefragt waren vor allem Mittel für Lagerbestände und laufende Ausgaben, Investitionskredite großer Unternehmen sowie Geld für die Neuordnung bestehender Schulden. Bei Großunternehmen stieg die Nachfrage netto um 7 Prozent, bei kleinen und mittleren Unternehmen sank sie um 3 Prozent.

Aus Sicht der Unternehmen ist die Verschärfung bereits im Preis angekommen. In der jüngsten EZB-Unternehmensumfrage zum Finanzierungszugang, kurz SAFE, meldeten netto 42 Prozent höhere Bankzinsen. 31 Prozent berichteten von steigenden Gebühren und Provisionen, 10 Prozent von strengeren Anforderungen an Sicherheiten. Während große Firmen einen etwas besseren Zugang zu Bankkrediten meldeten, verschlechterte er sich für kleine und mittlere Unternehmen. Der Nachfrageanstieg konzentriert sich damit auf Großunternehmen und ausgewählte Finanzierungszwecke.

Solide Bankbilanzen verdecken wachsende Ausfallrisiken

Die strengeren Regeln folgen vor allem aus Vorsicht; die Kreditqualität der Bankbilanzen bleibt insgesamt hoch. Der Anteil notleidender Kredite lag in der zweiten Jahreshälfte 2025 unverändert bei 2,2 Prozent und damit auf einem historischen Tief. Als notleidend gilt ein Kredit, wenn Zahlungen seit mehr als 90 Tagen ausstehen oder eine vollständige Rückzahlung unwahrscheinlich ist. Bei Mittelstandskrediten zeigen sich jedoch erste Schwachstellen: Deutsche Banken verzeichneten zuletzt weiter steigende Ausfallraten.

Die direkten Kredit- und Wertpapierbestände großer Banken im Nahen Osten machen lediglich rund 0,6 Prozent ihrer gesamten Vermögenswerte aus. Größer sind die indirekten Gefahren. Höhere Energiepreise und Störungen im Außenhandel schwächen vor allem Unternehmen mit hohem Energiebedarf oder international verzweigten Lieferketten. Verschlechtert sich deren Fähigkeit, Zinsen und Tilgungen zu bedienen, dürften Banken ihre Vergaberegeln weiter verschärfen.

Rückzug der Banken bremst Wohnen und Konsum

Bei privaten Haushalten verschärft sich die Lage ebenfalls. Die Nachfrage nach Baufinanzierungen sank im zweiten Quartal netto um 15 Prozent, belastet von geringerem Verbrauchervertrauen, dem Zinsniveau und trüberen Aussichten am Immobilienmarkt. Bei Konsumentenkrediten betrug der Rückgang 2 Prozent. Zugleich lag der Anteil der Banken, die ihre Standards für Baufinanzierungen verschärften, abzüglich der lockernden Institute bei 9 Prozent; bei Konsumentenkrediten erreichte dieser Saldo 12 Prozent. Die Werte beschreiben somit die Verbreitung der Verschärfung unter den Banken, nicht deren Stärke.

Für das dritte Quartal erwarten die Banken bei Baufinanzierungen einen weiteren Nachfragerückgang um netto 12 Prozent. Bei Konsumentenkrediten rechnen sie dagegen mit stabiler Nachfrage, wollen die Vergaberegeln aber weiter straffen. Der Druck verlagert sich damit von den reinen Zinskosten zunehmend auf den Zugang zum Kredit selbst.

Bei Immobilienkrediten unterscheiden Banken stärker nach dem energetischen Zustand der Gebäude. Für Immobilien mit guter oder geplanter hoher Energieeffizienz lockerten sie ihre Maßstäbe im Saldo und meldeten zusätzliche Nachfrage. Bei dauerhaft ineffizienten Gebäuden wurden die Regeln dagegen strenger. Als wichtigsten klimabezogenen Risikofaktor nennen die Institute mögliche Schäden durch Hochwasser, Hitze oder Stürme.

Geldpolitik verschärft den Gegenwind für Kredite

Die EZB hat ihre drei Leitzinsen am 11. Juni um jeweils 0,25 Prozentpunkte angehoben. Seit dem 17. Juni liegt der Einlagensatz für Übernachtguthaben der Banken bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz für reguläre EZB-Kredite bei 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz für Übernachtkredite bei 2,65 Prozent. Die Bankenumfrage lief vom 15. bis 30. Juni und fiel damit in die ersten Tage nach dem Zinsschritt. Höhere Zentralbankzinsen und strengere interne Regeln wirken nun gleichzeitig.

Die Inflation im Euroraum sank im Juni von 3,2 auf 2,8 Prozent, blieb damit aber über dem EZB-Ziel von 2 Prozent. Energie verteuerte sich gegenüber dem Vorjahresmonat um 8,7 Prozent. Am 23. Juli entscheidet der EZB-Rat erneut über die Zinsen. Alle 74 von Reuters befragten Ökonomen rechnen mit unveränderten Sätzen; 52 erwarten bis zum Jahresende eine weitere Erhöhung, wahrscheinlich im September. Für Kreditnehmer bleibt der Spielraum damit auch bei einer kurzfristigen Zinspause eng.