
KI treibt Schwellenländer: China und die Golfstaaten rücken bei der Einführung von KI nach vorn
Während US-Aktien den KI-Boom dominieren, steigt der praktische Einsatz der Technik in China und den Golfstaaten besonders schnell. HSBC und Deutsche Bank sehen dort wachsende Chancen, warnen kurzfristig aber auch vor geopolitischen Risiken.
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Der KI-Boom ist an der Börse weiterhin stark auf die USA ausgerichtet. Im Alltag von Unternehmen und Beschäftigten verschiebt sich das Bild aber. Besonders in China und in den Golfstaaten wird künstliche Intelligenz bereits breit genutzt, wie Analysen von HSBC und der Deutschen Bank nahelegen. Für Anleger und Unternehmen ist das mehr als eine Randnotiz, weil sich daraus neue Produktivitäts- und Ertragspotenziale ergeben könnten.
Nach Einschätzung von Alastair Pinder, Leiter für Schwellenländer- und globale Aktienstrategien bei HSBC, ist rund ein Fünftel der Umsätze von Unternehmen aus Schwellenländern bereits mit KI verknüpft. Zugleich seien 40 % der Arbeitskosten und damit etwa 5 % der gesamten operativen Kosten potenziell durch Automatisierung betroffen. Entscheidend ist nun, wie schnell Unternehmen die Technik tatsächlich in Prozesse übersetzen.
Vor allem in der Golfregion ist KI längst im Arbeitsalltag angekommen
Beim regelmäßigen Einsatz von KI und beim Vertrauen in die Systeme liegen die USA laut Deutscher Bank nur auf Rang zehn. Vorn stehen Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate, China und Saudi-Arabien. Besonders auffällig ist der Befund für die Emirate: Dort nutzen demnach fast 65 % der Menschen im erwerbsfähigen Alter KI-Werkzeuge.
Für den Golf sprechen aus Sicht von Adrian Cox, Anlagestratege der Deutschen Bank, gleich mehrere Faktoren. Die Region verfügt über günstige Energie, große staatliche Investitionsfonds und eine Bevölkerung, die der Technik vergleichsweise offen begegnet. Nach Virginia und Texas zählen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate demnach bereits zu den wichtigsten Standorten für Rechenzentren.
Der Krieg mit Iran wirft neue Fragen für den Ausbau auf
Kurzfristig wird dieses Bild jedoch durch den Krieg mit Iran getrübt. Nach Angaben von Barron's wurden Rechenzentren in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Bahrain angegriffen. Hinzu kommen Störungen bei rund einem Drittel des weltweiten Heliumangebots, das für die Halbleiterproduktion wichtig ist.
Cox warnt deshalb vor länger anhaltenden Belastungen. Die größere Gefahr liege auf längere Sicht nicht nur in einzelnen Angriffen, sondern in einem möglichen Druck auf die Öl- und Gaseinnahmen, die viele der großen KI-Investitionen der Region im In- und Ausland finanzieren. Die Golfstaaten halten zwar an ihren langfristigen Plänen fest, doch der Konflikt bleibt ein Unsicherheitsfaktor.
In China zeigt sich der Nutzen der Technik besonders konkret
HSBC zählt Taiwan, Südkorea und Festlandchina zu den wahrscheinlichsten Profiteuren der nächsten KI-Phase. Dahinter folgt eine zweite Gruppe mit Ländern aus dem Nahen Osten, Osteuropa und Südafrika, in denen die unternehmerische Nutzung zunimmt und zugleich spürbare Kostenvorteile möglich erscheinen.
Wie konkret das schon aussieht, zeigen einzelne Firmenbeispiele. Saudi Arabian Oil (Aramco) (ISIN: SA14TG012N13, WKN: A2PVHD) nutzt KI laut HSBC zur Optimierung des Betriebs und zur Verkürzung von Bohrzeiten. Bei Baidu (ISIN: US0567521085, WKN: A0F5DE) kommt generative KI über weite Teile des Portfolios zum Einsatz, darunter auch OpenClaw, ein quelloffenes Framework für programmierte KI-Assistenten. Tencent (ISIN: KYG875721634, WKN: A1138D) beschleunigt damit die Erstellung von Spielinhalten und verbessert die Werbeansprache.
Auch im Dienstleistungssektor wird der Effekt sichtbar. Trip.com (ISIN: US89677Q1076, WKN: A2PUXF) setzt einen KI-Agenten für die Reiseerfahrung ein, außerdem Werkzeuge für mehrsprachige Echtzeitkommunikation mit Hotels. Yum China (ISIN: US98850P1093, WKN: A2ARTP) analysiert Kundenfeedback binnen ein bis zwei Tagen nach Produkteinführungen und löst laut HSBC 90 % der Kundenanfragen per generativer KI, bevor menschliche Teams eingreifen müssen. Im chinesischen Biotechsektor beschleunigt GenScript Biotech (ISIN: KYG3825B1059, WKN: A2ACSB) nach Angaben der Analysten Forschung und Entwicklung.
Damit verschiebt sich der Blick auf die nächste Etappe des KI-Markts. Die Marktstimmung der Börse bleibt zwar stark amerikanisch geprägt. Doch dort, wo Unternehmen KI bereits messbar in Kosten, Tempo und Produktivität integrieren, entsteht ein zweites Kraftzentrum des Booms.

