
Grüne Nachfrage zieht an: Energiekrise in Europa verleiht grünen Aktien neuen Auftrieb
Während Ölkonzerne kurzfristig profitieren, wächst der Druck zum Umstieg. Vor allem Europa beschleunigt den Ausbau eigener Energiequellen. Davon könnten Iberdrola, Enel und Brookfield Renewable profitieren.
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Der Konflikt mit dem Iran sorgt an den Energiemärkten für divergierende Trends. Kurzfristig steigen die Gewinne westlicher Öl- und Gaskonzerne parallel zu den Preisen. Mittel- und langfristig wächst jedoch der Druck, sich von teuren und geopolitisch riskanten Importen fossiler Brennstoffe zu lösen. Davon könnten ausgerechnet jene Unternehmen profitieren, die Windparks, Solarparks und Stromnetze bauen oder betreiben. Darauf deuten erste Marktdaten hin. Wie das US-Wirtschaftsmagazin Barron's berichtet, haben sich Chinas Exporte von Photovoltaik-Komponenten im März gegenüber dem Februar verdoppelt. Die Ausfuhren von Batterien legten im selben Zeitraum um 44 % zu. In mehreren Märkten Asiens und Europas stiegen zudem die Zulassungen von Elektroautos und Plug-in-Hybriden deutlich. Für viele Käufer geht es dabei nicht nur ums Klima, sondern um den Schutz vor hohen Preisen für Benzin, Diesel und Gas.
Europa sucht Sicherheit durch Eigenversorgung
Besonders deutlich ist der Stimmungswechsel in Europa. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte Ende April, den Umstieg auf heimische, saubere Energien zu beschleunigen. Der Hintergrund ist wirtschaftlicher Natur. Europas Ausgaben für fossile Energie stiegen in den ersten sieben Kriegswochen um 24 Mrd. EUR. Gleichzeitig verschärft sich der Mangel an Kerosin. Das verändert die Anlagelogik. Wer Strom aus Wind, Sonne oder Wasserkraft im eigenen Markt erzeugen kann, ist weniger abhängig von Importen und Krisenregionen. Edwin Palma Egea, Kolumbiens Minister für Bergbau und Energie, formulierte es gegenüber Barron's so: Länder wollten bei der Energieversorgung nicht länger "fossilen Brennstoffen oder ausländischen Kriegen ausgeliefert" sein.
Chinas Industrie liefert - doch Börsenrisiken bleiben hoch
Die globale Lieferkette für den Ausbau sauberer Energie liegt weiter stark in chinesischer Hand. Nach Einschätzung der Ökonomin Leah Fahy vom Analysehaus Capital Economics produziert China rund 80 % der zentralen Komponenten für Solarsysteme. Viele Hersteller arbeiten demnach noch deutlich unter ihrer Kapazitätsgrenze. Das spricht für weiteres Wachstum, falls die Nachfrage anhält. Für Anleger ist das allerdings kein Selbstläufer. Bei vielen chinesischen Solarwerten könnte, staatlicher Einfluss, Überkapazitäten und harte Preiszyklen die Gewinne belasten können. Der chinesische Solarpanel-Hersteller JinkoSolar (ISIN: US47759T1007, WKN: A0Q87R) steht dafür exemplarisch. Trotz steigender Nachfrage lag die Aktie im laufenden Jahr dem Bericht zufolge um 21 % im Minus.
Betreiber und Entwickler rücken in den Fokus
Aussichtsreicher erscheinen in diesem Kontext jene Konzerne, die Projekte im Bereich erneuerbare Energien in vielen Märkten entwickeln, installieren und betreiben. Dazu zählt Iberdrola (ISIN: ES0144580Y14, WKN: A0M46B), das in Europa und darüber hinaus zu den führenden Akteuren beim Ausbau zählt. Die Aktie wird mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 20 für 2026 und einer Dividendenrendite von 2,7 % bewertet. Ähnlich positioniert ist Enel (ISIN: IT0003128367, WKN: 928624), das über seine Tochtergesellschaft Enel Green Power weltweit investiert. Barron's nennt für den italienischen Konzern ein erwartetes KGV von 13 und eine Dividendenrendite von 4,9 %, weist aber auch auf höhere Schulden und geringere Margen im Vergleich zu Iberdrola hin. Brookfield Renewable (ISIN: CA11285B1085, WKN: A40WAG) wiederum verfüge über eine Kapazität von 46 Gigawatt an erneuerbaren Anlagen und profitiert zusätzlich von seiner Beteiligung am US-Kernkraftspezialisten Westinghouse.
Der Umbau des Energiesystems verläuft dabei nicht überall gleich schnell. In den USA etwa gibt es bisher kaum Zeichen für einen breiten Schub bei Dach-Solaranlagen oder den Abschied vom Verbrenner. Umso stärker fällt der Kontrast zu Europa aus. Das ist die Kernbotschaft dieser Entwicklung: Der Krieg verteuert konventionelle Energieträger und macht neue Energiequellen politisch wie ökonomisch dringlicher.

