
KI-Doomsday: Das steht im Weltuntergangsreport von Citrini Research
Ein hypothetischer Doomsday-Report geht viral und schickt die Aktienmärkte auf Talfahrt. Könnte die KI-Entwicklung zu einer nicht mehr aufzuhaltenden realwirtschaftlichen Abwärtsspirale führen?
Lesezeit 7 min
Es war ausdrücklich als hypothetisches Szenario und nicht als Prognose gemeint. Dennoch schickte ein Text von Citrini Research - einem kleinen Analysehaus, das sich vor allem über einen Substack einen Namen gemacht hat - die Märkte zum Wochenauftakt auf Talfahrt. Was steht drin im Beitrag "The 2028 Global Intelligence Crisis", der nichts Geringeres thematisiert als eine globale Intelligenzkrise und epochale, teils katastrophale Umbrüche in der Wirtschaft an die Wand malt, auf die es bislang keine Antworten gibt?
Ein Entwickler kann Kernfunktionen von SaaS innerhalb von Wochen nachbilden
Das Szenario beginnt Ende 2025. Zu diesem Zeitpunkt machten agentenbasierte Codierungswerkzeuge einen sprunghaften Leistungssprung. "Ein kompetenter Entwickler, der mit Claude Code oder Codex arbeitet, könnte nun die Kernfunktionalität eines mittelständischen SaaS-Produkts innerhalb weniger Wochen nachbilden", skizziert der Beitrag eine Entwicklung, die wenige Quartale später dramatisch auf den Softwaremarkt durchschlagen sollte.
"KI vereinfachte die Entwicklung und Bereitstellung neuer Funktionen, wodurch die Differenzierungsmöglichkeiten schwanden. Die etablierten Anbieter lieferten sich einen ruinösen Preiskampf." Dann geschah etwas, das traditionelle Disruptionsmodelle nicht vorhergesehen hatten: Die Unternehmen, die am meisten von KI bedroht wurden, wurden zu den aggressivsten Anwendern von KI. Sie reduzierten die Belegschaft, investierten die Einsparungen in KI-Tools und nutzten diese, um die Produktion bei geringeren Kosten aufrechtzuerhalten.
Unternehmen investieren eingesparte Personalkosten in KI, die Personal einspart
Dadurch setzte eine Abwärtsspirale ein: "Die Reaktion jedes einzelnen Unternehmens war rational. Das kollektive Ergebnis war katastrophal. Jeder eingesparte Dollar an Personalkosten floss in KI-Kapazitäten, die die nächste Entlassungsrunde erst ermöglichten." Doch der Softwaremarkt war nur der Auftakt: Dieselbe Logik, die den Personalabbau bei Softwareanbietern rechtfertigte, galt für jedes Unternehmen mit einer Kostenstruktur, die auf Angestellten basierte.
Anfang 2027: In dem Szenario nutzen Menschen KI-Agenten, ohne diese überhaupt zu verstehen - "ähnlich wie Menschen Streaming-Dienste nutzten, ohne je etwas über Cloud Computing gelernt zu haben." Die Agenten trafen massenhaft und stets optimierte Kauf- und Vertragsentscheidungen für ihre Nutzer. "Der Handel hörte auf, eine Reihe einzelner menschlicher Entscheidungen zu sein, und wurde zu einem kontinuierlichen Optimierungsprozess, der rund um die Uhr im Interesse jedes vernetzten Konsumenten ablief."
"Menschen haben in der Regel nicht die Zeit, vor dem Kauf einer Packung Proteinriegel die Preise auf fünf verschiedenen Plattformen zu vergleichen. Maschinen hingegen schon." Der KI-gestützte Optimierungsprozess jeglichen Konsumverhaltens traf viele Bereiche. Abonnements und Mitgliedschaften, die sich trotz monatelanger Inaktivität automatisch verlängerten. Versicherungsverlängerungen, deren gesamtes Modell auf der Trägheit der Versicherungsnehmer beruhte. Finanzberatung. Steuererklärung. Routinemäßige Rechtsangelegenheiten. Jede Kategorie, in der das Wertversprechen des Dienstleisters letztlich darin bestand, "Ich kümmere mich um die Komplexität, die Sie als mühsam empfinden", wurde durcheinandergebracht, darunter auch der Immobilienmarkt und sein Maklergeschäft.
Der Schutzwall der Gewohnheit wird durch KI-Agenten zerstört
Damit, so heißt es in dem Szenario, wurde eine besondere Art von Schutzwall zerstört: "Die gewohnte Vermittlung." Der Lieferdienst DoorDash wird als Paradebeispiel für die Entwicklung genannt: "Programmierer hatten die Markteintrittsbarriere für die Entwicklung von Liefer-Apps drastisch gesenkt. Kompetente Entwickler konnten innerhalb weniger Wochen eine funktionsfähige Konkurrenzlösung bereitstellen, und Dutzende taten dies, indem sie Fahrer von DoorDash und Uber Eats abwarben, indem sie 90-95 % der Liefergebühr an die Fahrer weitergaben."
Die gewohnte App-Nutzung, die Grundlage des gesamten Geschäftsmodells, existierte für eine Maschine schlichtweg nicht. Das ist für viele erfolgreiche Unternehmen hochrelevant, da Geschäftsmodelle oft auf diesen Gewohnheiten von Konsumenten basieren.
Im nächsten Schritt suchten die Agenten nach weiteren Einsparungsmöglichkeiten. Dies betraf besonders stark Kreditkartengesellschaften, da die Agenten kostengünstigere Stablecoin-Transaktionen vorzogen. "American Express wurde am härtesten getroffen; der kombinierte Gegenwind aus Personalabbau im Verwaltungsbereich, der den Kundenstamm stark dezimierte, und der Umleitung von Agenten um Interchange-Gebühren, die das Umsatzmodell beeinträchtigte, trug maßgeblich dazu bei."
Das Szenario geht weiter: KI entwickelt sich von einem Risiko für bestimmte Sektoren zu einem Systemrisiko. "Die US-Wirtschaft ist eine Dienstleistungswirtschaft mit einem hohen Anteil an Angestellten im Dienstleistungssektor. Diese Angestellten stellten 50 % der Beschäftigten und trugen zu rund 75 % der Konsumausgaben bei. Die Unternehmen und Arbeitsplätze, die durch KI verdrängt wurden, waren nicht nur von untergeordneter Bedeutung für die US-Wirtschaft, sondern bildeten deren Kern."
"Freigesetzte Programmierer können nicht einfach ins KI-Management"
Die alte Regel, nach der Produktivitätsgewinne neue Arbeitsplätze schaffen, gilt in dem Szenario nicht mehr. "Freigesetzte Programmierer können nicht einfach ins "KI-Management" wechseln, denn dazu ist KI bereits in der Lage. (...) Für jede neue Stelle, die KI geschaffen hat, sind Dutzende alte überflüssig geworden. Die neuen Stellen sind deutlich schlechter bezahlt als die alten."
KI führt in dem Szenario zu einem neuen Konjunkturzyklus - einem Zyklus ohne natürliche Bremse. "KI wurde besser und günstiger. Unternehmen entließen Mitarbeiter und nutzten die Einsparungen, um in weitere KI-Kapazitäten zu investieren, was wiederum zu weiteren Entlassungen führte. Die entlassenen Mitarbeiter gaben weniger Geld aus. Unternehmen, die Produkte an Endverbraucher verkaufen, reduzierten ihre Umsätze, gerieten ins Wanken und investierten verstärkt in KI, um ihre Gewinnmargen zu sichern. KI wurde besser und günstiger."
Was passiert, wenn Konsumenten durch Maschinen ersetzt werden?
Die Folgen für den Arbeitsmarkt sind in dem Szenario gravierend: "Überqualifizierte Arbeitskräfte, die den Dienstleistungs- und Gig-Economy-Markt überschwemmten, drückten die Löhne der ohnehin schon ums Überleben kämpfenden Arbeitnehmer. Branchenspezifische Umbrüche führten zu einer gesamtwirtschaftlichen Lohnkompression."
Ökonomen drängt sich angesichts dieser Rückkopplungsschleife die Frage auf: "Was passiert mit einer Konsumkreditwirtschaft, wenn Konsumenten durch Maschinen ersetzt werden?
Problematisch erscheint den Autoren dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die Entlassungen überproportional viele Gutverdiener betreffen. "Ein Rückgang der Beschäftigung im Angestelltenbereich um 2 % bedeutete einen Rückgang der Konsumausgaben um etwa 3-4 %." Die Folge: Massive Probleme an Immobilien- und Kreditmärkten sowie drastische Steuerausfälle, die eine fiskalische Reaktion auf die Entwicklung erschweren.