
Century Bonds: Warum kaufen Fondsmanager 100-jährige Anleihen mit schmalem Kupon?
Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit werden durch institutionelle Anleger stark nachgefragt. Die Titel eignen sich zur Abdeckung ultralangfristiger Zahlungsverpflichtungen und als Absicherung gegen sinkende Zinsen.
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Österreich hat es mehrfach getan, das Land NRW folgte und die Google-Mutter Alphabet nun ebenso: Emittenten 100-jähriger Anleihen mussten sich in den vergangenen Jahren nicht um mangelnde Nachfrage nach ihren Schuldtiteln sorgen.
Die Zinskupons jedenfalls erscheinen eher unspektakulär, selbst wenn das Zinsumfeld im Jahr der Emission berücksichtigt wird. Österreich etwa stattete eine 2017 begebene, im Jahr 2117 fällige Anleihe mit einem Kupon von 2,1 % aus. Eine 2021 begebene und 2121 fällige Schuldverschreibung des Landes NRW bietet sogar nur 0,95 %.
Ultralange Laufzeit, niedriger Kupon: Gläubiger greifen zu
Gründe gegen eine Investition in 100-jährige Anleihen lassen sich ohne viel Aufwand finden. So ist es vollkommen unklar, wie sich die Inflation in diesem langen Zeitraum entwickelt – und damit auch, welcher reale Wert bei Fälligkeit zurückgezahlt wird. Der Emittent könnte zahlungsunfähig werden oder vollständig von der Landkarte verschwinden.
Sicher scheint zu Beginn der Laufzeit 100-jähriger Schuldtitel vor allem das Kursrisiko: Steigende Zinsen wirken sich umso stärker negativ auf den Kurs aus, je länger die Laufzeit bis zur Fälligkeit noch ist. Umgekehrt führt ein sinkendes Zinsniveau zu hohen Gewinnen.
Ein Blick auf die Kursentwicklung in den vergangenen Jahren belegt dies. Die 2021 begebene NRW-Anleihe notiert beispielsweise bei rund 30 % ihres Nennwertes. Die Emission erfolgte relativ kurz vor dem Anstieg der Zinsen. Danach wirkte die Duration wie ein Hebel. Anders der Kurs des 2017 emittierten Papiers aus Österreich: Hier kam es zunächst zu einem Kursanstieg auf 225 % des Nennwertes Anfang 2021, dann aber zu einem Kursrückgang unter 60 %.
Und doch erfreuen sich Jahrhundertanleihen bei institutionellen Anlegern großer Beliebtheit. Als Alphabet kürzlich eine Anleihe mit Fälligkeit im Jahr 2126 auflegte, überstieg die Nachfrage das Angebot um das Zehnfache.
Hohe Konvexität macht langfristige Anleihen für Portfoliomanager attraktiv
Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens: Einige institutionelle Anleger haben großes Interesse an den – am Gesamtvolumen des Bondmarktes gemessen – seltenen Jahrhundertanleihen, weil ihre eigenen Verpflichtungen ebenfalls bis weit in die Zukunft reichen. Dies gilt etwa für Versicherungen und Pensionsfonds. Die Aufnahme 100-jähriger Bonds ins Portfolio reduziert die Laufzeiten-Inkongruenz und damit Zinsrisiken.
Zweitens: Hundertjährige Anleihen weisen typischerweise eine hohe (positive) Konvexität auf, sofern die Bedingungen kein Kündigungsrecht des Emittenten vorsehen. Das bedeutet, dass der Kurs der Anleihe bei sinkenden Zinsen überproportional steigt und bei steigenden Zinsen unterproportional fällt.
Anders gesagt: Wer auf sinkende Zinsen setzt, verliert bei hoher Konvexität im Fall steigender Renditen weniger, als im Fall sinkender Renditen gewonnen wird. "Diese Asymmetrie ist für einige Anleger sehr interessant, da sie diese als Absicherung nutzen können, falls die Zinsen sinken", erläutert Ioannis Rallis von JP Morgan.
Die Konvexität steigt typischerweise mit der Laufzeit und fällt umso höher aus, je niedriger der Zinskupon ist. Das macht während der Niedrigzinsphase begebene Jahrhundertanleihen in dieser Hinsicht besonders.
Institutionelle Investoren kaufen Bonds mit hundert Jahren Laufzeit deshalb nicht, um sie bis zur Fälligkeit im Portfolio zu halten, sondern als mathematische Wetten auf die Volatilität und die Zinsstrukturkurve und Performance-Treiber im Fall sinkender Zinsen.
Die Kursentwicklung der Anleihen aus NRW und Österreich bestätigt die Eignung der Papiere zu diesem Zweck. Die Verluste fallen zwar auf den ersten Blick hoch aus, bleiben aber deutlich hinter den Verlusten zurück, die sich aus einer simplen, linearen Schätzung anhand der Duration ergeben würden. Diese Schätzungen würden Größenordnungen in Richtung eines Totalverlusts implizieren, der erkennbar nicht eingetreten ist. Der Unterschied erklärt sich mit der Konvexität, die Bondholdern beim nächsten Zinsrückgang erhebliche Gewinne bescheren wird.