
Cashflow aus dem Boom: Nvidia kauft sich mit KI-Milliarden selbst zurück
Nvidia verfügt dank der enormen Nachfrage nach KI-Prozessoren über außergewöhnlich hohe Mittelzuflüsse. Während viele Technologiekonzerne Milliarden in Rechenzentren stecken, kann der Chiphersteller investieren – und zugleich Kapital an seine Aktionäre zurückgeben.
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Der US-amerikanische Halbleiterkonzern Nvidia ISIN US67066G1040 WKN 918422 baut sein Aktienrückkaufprogramm massiv aus. Der Verwaltungsrat hat das bestehende Programm um weitere 150 Mrd. USD aufgestockt. Damit steigt der noch verfügbare Rückkaufrahmen auf 235 Mrd. USD. Nvidia rechnet damit, den gesamten verbleibenden Rückkaufrahmen bis einschließlich des Geschäftsjahres 2028 auszuschöpfen. Möglich macht die Rekordsumme vor allem die außergewöhnliche Finanzkraft, die der KI-Boom dem Konzern verschafft.
Nvidias Geschäftsmodell produziert ungewöhnlich viel Cash
Während viele Technologiekonzerne Milliarden in neue KI-Infrastruktur stecken, verdient Nvidia bereits unmittelbar an diesem Ausbau. Seine Prozessoren sind ein zentraler Baustein moderner Trainingssysteme und Rechenzentren. Ein erheblicher Teil der Investitionswelle fließt deshalb zunächst in Nvidias Kassen.
Zugleich profitiert der Konzern von einem vergleichsweise kapitalarmen Geschäftsmodell. Große Teile der Chipfertigung lässt Nvidia von externen Partnern übernehmen. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2027 erwirtschaftete der Konzern 74,4 Mrd. USD operativen Cashflow. Für Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte flossen zugleich nur 4,4 Mrd. USD ab.
Allein im zweiten Quartal stieg der Umsatz auf 96,2 Mrd. USD. Davon kamen 89 Mrd. USD aus dem Rechenzentrumsgeschäft. Zugleich lag die Bruttomarge bei 75 %. Nvidia verbindet damit starkes Wachstum mit einer ungewöhnlich hohen Ertragskraft. Analysten rechnen deshalb mit außergewöhnlich hohen freien Mittelzuflüssen. Für das laufende Kalenderjahr werden rund 183 Mrd. USD freier Cashflow erwartet. Für das Kalenderjahr 2027 liegen die Schätzungen sogar bei 317 Mrd. USD.
Zum Ende des Juli-Quartals hielt Nvidia 22,44 Mrd. USD an Barmitteln und vergleichbaren liquiden Mitteln. Zusammen mit marktgängigen Schuldpapieren belief sich dieser Bestand auf 56,6 Mrd. USD. Zusätzlich hielt Nvidia 42,8 Mrd. USD an börsennotierten Beteiligungen.
Rekordrückkauf ist groß, aber nicht automatisch bindend
Mit der Aufstockung um 150 Mrd. USD setzt Nvidia nach eigenen Angaben einen Rekord für die Erhöhung eines Aktienrückkaufprogramms. Sie übertrifft den bisherigen US-Rekord von 110 Mrd. USD aus dem Jahr 2024. Nach Daten des Finanzdatenanbieters LSEG übersteigt allein diese Aufstockung den Börsenwert von rund 84 % der Unternehmen im S&P 500.
Schon vor der neuen Genehmigung kaufte Nvidia in hohem Tempo eigene Aktien. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2027 waren es 203 Mio. Aktien für 39,8 Mrd. USD. Davon entfielen 94 Mio. Aktien im Wert von 19,7 Mrd. USD auf das zweite Quartal.
Der genehmigte verbleibende Rückkaufrahmen von 235 Mrd. USD verpflichtet Nvidia jedoch nicht, den Betrag vollständig auszuschöpfen. Nvidia kann das Programm je nach Marktbedingungen, Kapitalbedarf oder anderen Investitionschancen aussetzen. Der Rahmen beschreibt damit die mögliche Größenordnung, keinen starren Zahlungsplan.
Trotzdem ist die Wirkung auf den Gewinn je Aktie begrenzt. Nach einer Schätzung der Schweizer Großbank UBS würde die durch den Rückkauf geringere Aktienzahl den für 2027 erwarteten Gewinn je Aktie um lediglich 0,08 USD erhöhen.
Aktienrückkäufe können die Zahl der ausstehenden Papiere verringern, solange die zurückgekauften Aktien nicht wieder ausgegeben werden.
Bewertung spiegelt neue Zweifel am Tempo des KI-Ausbaus
Die Rückkaufentscheidung fällt in eine ungewöhnliche Bewertungssituation. Am Montag stieg die Nvidia-Aktie um mehr als zwei Prozent. Dennoch lag ihr Kursanstieg im laufenden Jahr zuletzt nur wenig über 20 %. Gleichzeitig war das Papier mit rund dem 16,5-Fachen der erwarteten Gewinne der kommenden zwölf Monate bewertet. Nach den vorliegenden Marktdaten war das der niedrigste Wert seit Januar 2015. Der langfristige Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre lag deutlich höher.
Darin spiegelt sich eine neue Skepsis. Anleger fragen stärker, wie lange die enormen Investitionen in KI-Rechenzentren noch in diesem Tempo wachsen können. Diese Ausgaben haben Nvidias Umsatz und Cashflow bislang maßgeblich geprägt.
Nvidia setzt dieser Skepsis hohe Wachstumserwartungen entgegen. Zuletzt stellte der Konzern für das Geschäftsjahr 2028 ein Umsatzwachstum von rund 70 % in Aussicht. Das Management geht damit weiterhin von einer robusten Nachfrage nach seiner Technik aus.
Nvidias Kunden tragen den größeren Investitionsdruck
Der Unterschied zwischen Nvidia und seinen Großkunden liegt vor allem im Zeitpunkt der Geldflüsse. Nvidia verkauft heute die Hardware für den Ausbau. Cloud- und Plattformkonzerne müssen ihre Kapazitäten dagegen vorfinanzieren.
Wie stark das den freien Cashflow belastet, fällt allerdings sehr unterschiedlich aus. Der US-Softwarekonzern Microsoft ISIN US5949181045 WKN 870747 wies im Juni-Quartal Investitionsausgaben von 41 Mrd. USD aus. Davon entfielen 35,8 Mrd. USD auf bar bezahlte Sachanlagen. Trotzdem erwirtschaftete Microsoft 19,6 Mrd. USD freien Cashflow.
Beim Google-Mutterkonzern Alphabet ISIN US02079K3059 WKN A14Y6F fiel das Bild anders aus. Der Konzern investierte im zweiten Quartal 44,9 Mrd. USD und meldete einen negativen freien Cashflow von 5,9 Mrd. USD. Der Investitionsdruck lässt sich daher nicht pauschal mit negativem Cashflow gleichsetzen.
Für Nvidia bleibt die Grundmechanik dennoch günstig. Der Konzern monetarisiert den Ausbau, bevor viele Kunden ihre eigenen Investitionen vollständig in zusätzliche Erträge verwandeln. Diese Konstellation schafft den finanziellen Spielraum für den Rekordrückkauf.
Signal ohne Gewinngarantie
Die Entscheidung für das Milliardenprogramm zeigt, dass Nvidia Investitionen, operative Anforderungen und Kapitalrückgaben derzeit gleichzeitig finanzieren kann. Ob die Aktie deshalb unterbewertet ist, lässt sich daraus allein jedoch nicht ableiten. Für den weiteren Verlauf kommt es darauf an, wie lange der Ausbau der KI-Infrastruktur auf hohem Niveau anhält.
Sollte die Investitionswelle deutlich abkühlen, würde sich auch Nvidias Cashflow-Dynamik verändern. Hält die Nachfrage dagegen länger an, könnte der aktuelle Rückkaufrahmen kaum der letzte große Kapitaltransfer an die Aktionäre bleiben.