
Billionenfrage: Der SpaceX-Rekord erhöht den Druck vor den nächsten Mega-IPOs
Bei Anthropic soll die Vermarktung des Börsengangs frühestens Mitte Oktober beginnen. Auch OpenAI hat vertrauliche Unterlagen eingereicht. Zugleich wächst der frei handelbare SpaceX-Bestand. In den kommenden Monaten könnten so neue Aktienpakete um Anlegerkapital konkurrieren.
Lesezeit 7 min
Der US-Raumfahrt- und Technologiekonzern SpaceX ISIN US84615Q1031 WKN A42D4F hatte Mitte Juni mit seinem Börsengang einen historischen Rekord gesetzt und einen Belastungstest für den US-Aktienmarkt eingeleitet. Die KI-Unternehmen Anthropic und OpenAI haben inzwischen beide vertrauliche Börsenunterlagen bei der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) eingereicht. Gleichzeitig wächst bei SpaceX schrittweise der frei handelbare Aktienbestand. Es stellt sich die Frage, wie viele solcher Kapitalrunden der Markt nacheinander aufnehmen kann.
Der Rekord war groß, der Markt blieb liquide
SpaceX platzierte insgesamt rund 639 Mio. Aktien zu 135 USD. Nach Abzug von 575 Mio. USD an Emissionskosten flossen dem Unternehmen über 85,6 Mrd. USD netto zu.
Am vergangenen Freitag schloss die Aktie bei 147,95 USD und damit gut neun Prozent über dem Ausgabepreis. Dazwischen reichte die Handelsspanne allerdings von 104,83 bis 225,64 USD. Der Markt nahm das Volumen also auf, ohne der Aktie eine ruhige Preisfindung zu bescheren.
Operativ erzielte SpaceX im zweiten Quartal rund 7,8 Mrd. USD Umsatz, 91,9 % mehr als ein Jahr zuvor. Unter dem Strich blieb dennoch ein Nettoverlust von 541 Mio. USD. Die IPO-Mittel sollen laut Börsenunterlagen vor allem KI-Rechenkapazität, Startinfrastruktur, Trägerraketen und Satellitennetze finanzieren. Der Rekord-Börsengang liefert damit das Kapital für jene Wachstumsfelder, die künftig hohe Investitionen verlangen.
Nasdaq und S&P setzen unterschiedliche Hürden
Seit Anfang Juli gehört SpaceX zum Nasdaq-100, der 100 der größten an der Nasdaq gelisteten Nicht-Finanzunternehmen umfasst. Mehr als 200 Anlageprodukte mit über 800 Mrd. USD Vermögen orientieren sich nach Angaben der Technologiebörse an diesem Index. Fonds, die ihn vollständig nachbilden, müssen SpaceX entsprechend seinem Indexgewicht halten.
Beim S&P 500, dem US-Leitindex für große börsennotierte Unternehmen, greift dieser Mechanismus vorerst nicht. Dort müssen Börsenneulinge unter anderem zwölf Monate gehandelt worden und mindestens zehn Prozent ihrer Aktien für öffentliche Anleger verfügbar sein. Hinzu kommen Kriterien zur finanziellen Tragfähigkeit. Eine Aufnahme von SpaceX vor dem 12. Juni 2027 ist nach den heutigen Regeln ausgeschlossen.
Streubesitz wächst in mehreren Stufen
Der geringe anfängliche frei handelbare Aktienanteil war nur ein Zwischenstand. Die Aktien von SpaceX-Gründer Elon Musk bleiben laut Börsenprospekt 366 Tage gesperrt und unterliegen keiner vorzeitigen Freigabe. Zusammen mit bestimmten Großinvestoren betrifft die längerfristige Sperre mehr als 63 % der vor dem Angebot ausstehenden Aktien.
Für andere Altaktionäre sind die Beschränkungen kürzer und gestaffelt. Nach den Ergebnissen des zweiten Quartals begann bereits die erste vorzeitige Freigabe von Teilen dieser Bestände. Weitere Tranchen folgen nach festgelegten Zeitpunkten und späteren Quartalsberichten.
Aus dem einmaligen Börsengang entsteht so schrittweise ein wachsendes potenzielles Aktienangebot. Ob daraus tatsächlicher Verkaufsdruck entsteht, hängt davon ab, wie viele Berechtigte ihre Aktien tatsächlich abgeben. Mit jeder Freigabe steigt jedoch die Zahl der Aktien, die verkauft werden dürfen, sodass die künstliche Knappheit des ersten Handelstages abnimmt.
Anthropic und OpenAI bereiten Börsengänge vor
Bei den beiden KI-Unternehmen sind die Pläne inzwischen konkreter. Anthropic reichte am 1. Juni vertrauliche Unterlagen für einen möglichen Börsengang bei der SEC ein. Ein Emissionsvolumen und ein Ausgabepreis stehen offiziell weiterhin nicht fest.
OpenAI bestätigte wenige Tage später ebenfalls die vertrauliche Einreichung entsprechender Börsenunterlagen. Das Unternehmen betont zugleich, dass der Zeitpunkt eines Börsengangs nicht entschieden sei und die Privatphase noch länger dauern könne.
Für Anthropic zeichnet sich der Zeitplan konkreter ab. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am vergangenen Freitag, der öffentliche Prospekt werde nun erst für Ende September erwartet. Die Vermarktung des Börsengangs solle frühestens Mitte Oktober beginnen, wobei sich die Pläne weiterhin ändern könnten. Einige Investoren halten laut Reuters eine Bewertung von rund zwei Billionen USD für möglich. Anthropic selbst hat aktuell weder Emissionsvolumen noch Ausgabepreis festgelegt.
Die nächste große Kapitalrunde zeichnet sich somit greifbarer ab, auch wenn Zeitpunkt und Umfang offen bleiben. Maßgeblich bleibt allerdings das tatsächliche Emissionsvolumen. Erst daraus ergibt sich, wie viel zusätzliches Anlegerkapital Anthropic oder später OpenAI tatsächlich binden würden.
Die Kapitalfrage reicht über Mega-IPOs hinaus
Zusätzlich kommt neues Aktienangebot von etablierten Technologiekonzernen. Der US-Technologiekonzern Alphabet ISIN US02079K3059 WKN A14Y6F kündigte im Juni eine Eigenkapitalaufnahme von insgesamt 84,75 Mrd. USD an. Ein Teil der bereits aufgenommenen Mittel ist unter anderem für KI-Infrastruktur und Rechenkapazität vorgesehen. Von dem angekündigten Gesamtvolumen können bis zu 40 Mrd. USD über ein laufendes Aktienprogramm in den Markt kommen. Dessen Erlöse sollen laut Alphabet vor allem Steuerpflichten aus aktienbasierten Mitarbeitervergütungen decken.
Über einzelne Börsengänge hinaus verändert sich damit auch das Aktienangebot etablierter Konzerne. Große Technologiekonzerne haben jahrelang eigene Aktien zurückgekauft und das verfügbare Angebot verknappt. Inzwischen beansprucht der Ausbau der KI-Infrastruktur erhebliche zusätzliche Mittel.
Gleichzeitig entfallen nach S&P-Angaben 37,8 % des S&P 500 auf seine zehn größten Mitglieder. Neue hoch bewertete Technologietitel treffen damit auf einen Markt, dessen Gewicht ohnehin stark auf wenige Konzerne konzentriert ist.
Langfristig schwache Bilanz hoch bewerteter IPOs
Hinzu kommt die historische Bilanz hoch bewerteter Börsengänge. Der Finanzwissenschaftler Jay Ritter, emeritierter Professor und Leiter der IPO-Initiative an der University of Florida, untersuchte US-Börsengänge zwischen 1980 und 2024. Im Durchschnitt blieben diese Aktien über drei Jahre 20 Prozentpunkte hinter dem breiten Markt zurück. In einer Teilstichprobe von Emittenten mit mehr als 100 Mio. USD Umsatz lag der Rückstand bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis über 40 bei rund 58 Prozentpunkten.
Für einzelne Unternehmen wie SpaceX, Anthropic oder OpenAI besitzen solche Durchschnittswerte nur begrenzte Aussagekraft. Allerdings illustrieren sie, wie anspruchsvoll hohe Einstiegsbewertungen für spätere Renditen sein können.
Der amerikanische Aktienmarkt hat den Rekord-Börsengang von SpaceX bislang aufgenommen. Das zusätzliche Angebot kann sich jedoch über Monate aufbauen, weil Sperrfristen auslaufen, weitere Börsengänge folgen und Unternehmen zusätzliches Kapital aufnehmen. Solange neue Mittel nachfließen, kann der Markt diese Aktien absorbieren. Müssen Anleger dafür bestehende Positionen verkaufen, spüren auch andere Kurse den Kapitalbedarf. Die entscheidende Frage lautet daher, wie viele hoch bewertete Neuemissionen der Markt gleichzeitig finanzieren kann.