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Autonome JetsBoeing setzt im Jet-Drohnen-Rennen auf einen Reifevorsprung

US-Anbieter gehen mit flugfähigen Systemen und Waffentests voran. Deutschland und Großbritannien mobilisieren Industriepartner und Milliardenbudgets – der Wettbewerb verlagert sich auf Produktion, Software und Souveränität.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 8 min
Titelbild: Boeing

Der US-Luftfahrt- und Rüstungskonzern Boeing (ISIN: US0970231058, WKN: 850471) hat auf der britischen Luftfahrtmesse Farnborough International Airshow mit dem unbemannten Kampfflugzeug Ghost Bat seinen Anspruch auf technologische Führung untermauert. Die Maschine soll bemannte Jets begleiten und verschafft dem Konzern eine frühe Position in einem Milliardenmarkt.

Auf dem Rollfeld entscheidet der technische Reifegrad

Während die US-Rüstungsunternehmen General Atomics und Anduril in Farnborough Modelle in Originalgröße präsentierten, brachte Boeing ein funktionsfähiges Fluggerät zur Messe. Boeings zentrales Verkaufsargument: Ghost Bat existiert nicht nur als Entwurf, sondern hat bereits ein umfangreiches Erprobungsprogramm absolviert.

Die militärische Logik beruht vor allem auf den Kosten. Die US Air Force erwartet, dass ein Flugzeug ihres Programms höchstens ein Drittel eines Kampfjets vom Typ F-35 kosten wird. Für diesen werden mindestens 80 Millionen USD veranschlagt. Günstigere Begleitmaschinen könnten damit in größeren Stückzahlen und für riskantere Missionen beschafft werden.

Richard Aboulafia, Geschäftsführer der Luftfahrtberatung AeroDynamic Advisory, hält langfristig einen Absatz von Hunderten Maschinen pro Jahr für möglich. Eine breite Einführung erwartet er erst ab Mitte der 2030er-Jahre.

Boeing baut seinen Vorsprung in der Erprobung aus

Ghost Bat nahm bereits an einer von den USA geführten multinationalen Militärübung teil. Zuvor hatte es im Dezember einen Schusstest gegen ein Luftziel gegeben. Boeing arbeitet seit 2017 an dem Programm und verweist auf seine Flugerfahrung als Vorsprung gegenüber jüngeren Entwürfen.

Inzwischen hat das Flugzeug nach Angaben von Rheinmetall, Boeings deutschem Partner für die Integration der Ghost Bat, mehr als 150 Flüge absolviert. Ende Juni flog die Maschine während der multinationalen Militärübung Valiant Shield über der Philippinensee gemeinsam mit einem Kampfjet vom Typ F-15EX Eagle II. Damit wurde das Zusammenspiel eines unbemannten Systems mit einem modernen bemannten Jet unter den Bedingungen dieser Großübung erprobt.

Für die Australian Defence Force soll Boeing sieben Maschinen fertigen. Grundlage ist ein auf drei Jahre angelegter Auftrag über 754 Millionen AUD (ca. 462 Millionen EUR). Zusätzlich veröffentlichte Boeing im Juni Ergebnisse von Radarreflexionstests. Nach Einschätzung des Konzerns belegen sie, dass das unbemannte Flugzeug für gegnerische Radarsysteme schwerer zu erkennen ist. Unabhängig bestätigt sind die veröffentlichten Testresultate damit nicht.

Washington trennt Flugzeug und Autonomie-Software

Die US Air Force vergab Produktionsaufträge an General Atomics und Anduril. Beide Anbieter sollen Maschinen für die erste Flotte des Programms Collaborative Combat Aircraft (CCA) bauen, das teilautonome Begleitflugzeuge beschaffen soll. Die Verträge wurden vier Monate früher als vorgesehen erteilt. Die Behörde stuft die Entwürfe FQ-42 und FQ-44 als bereit für die Fertigung im industriellen Maßstab ein.

Parallel behandelt die Luftwaffe Missionsautonomie als ein von den Flugzeugen getrenntes Produkt. Ein sechsjähriger Vertragspool lässt Software verschiedener Anbieter auf mehreren Flugzeugtypen zu. Die staatlich kontrollierte Referenzarchitektur soll einen dauerhaften Herstellerzwang verhindern und schnellere Aktualisierungen ermöglichen.

Die Planung reicht über die zunächst vorgesehenen 150 einsatzfähigen Maschinen bis zum Ende des Jahrzehnts hinaus: Langfristig beabsichtigt die US Air Force, rund 1.000 kampffähige CCA einzuführen. Der Hauptanbieter für die Missionsautonomie der ersten Programmstufe soll bis zum Sommer 2027 ausgewählt werden.

Der Waffeneinsatz bleibt unter menschlicher Kontrolle

Andurils teilautonome Kampfdrohne YFQ-44A absolvierte über der Mojave-Wüste einen Schusstest. Das Flugzeug feuerte dabei eine AIM-120-Luft-Luft-Rakete auf ein digitales Ziel ab. Es führte den technischen Einsatzablauf innerhalb vorgegebener Parameter selbstständig aus, die Freigabe der Waffe blieb jedoch ausschließlich einem menschlichen Bediener vorbehalten.

Damit verläuft die entscheidende Trennlinie nicht zwischen bemannt und unbemannt, sondern zwischen automatisierter Missionsausführung und autonomer Entscheidung. Die amerikanische Beschaffungslogik verbindet hohe technische Eigenständigkeit mit menschlicher Befehlsgewalt - ein Modell, das auch für europäische Kunden politisch leichter anschlussfähig sein dürfte.

General Atomics hat mehrere Flugzeuge für das Programm hergestellt und stützt sich auf jahrzehntelange Erfahrung mit unbemannten Systemen. Anduril setzt dagegen auf kurze Entwicklungszyklen und eine Produktionsanlage in Ohio, die nach Unternehmensangaben bis zu 150 Maschinen pro Jahr fertigen kann.

Europa macht aus Industriepolitik einen Standortkampf

Der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus (ISIN: NL0000235190, WKN: 938914) positioniert sich auf der Farnborough International Airshow mit dem unbemannten Kampfflugzeug U760 Ravenstorm, das Anfang der 2030er-Jahre einsatzbereit sein soll. Das ausgestellte Modell misst zehn Meter Spannweite und 13 Meter Länge. Airbus sieht Luft-Boden-Angriffe, Luftverteidigung und elektronische Kampfführung als mögliche Missionsprofile vor.

Für frühere Erprobungen setzt der Konzern auf das unbemannte Erprobungsflugzeug U740 Valkyrie. Testflüge mit zwei Maschinen sind noch für 2026 vorgesehen. Airbus verbindet das Flugzeug mit dem eigenen autonomen Missionssystem MARS und zielt auf eine souverän betreibbare Lösung für die deutsche Luftwaffe bis 2029. Damit konkurriert der Konzern nicht nur über das Flugzeug, sondern auch über die nationale Kontrolle von Software und Missionsdaten.

Boeing hat dafür den deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall (ISIN: DE0007030009, WKN: 703000) als Systemmanager für Deutschland gewonnen. Rheinmetall soll Ghost Bat in Führungs- und Waffensysteme der Bundeswehr integrieren sowie Wartung, Logistik und nationale Anpassungen übernehmen. Das Unternehmen beziffert sein mögliches Umsatzvolumen aus der Zusammenarbeit auf einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag.

Großbritannien eröffnet eine weitere Wettbewerbsfront

Der britische Rüstungskonzern BAE Systems (ISIN: GB0002634946, WKN: 866131) stellte das autonome Begleitflugzeug Brontanax vor. Der britische Entwurf ist ungefähr so groß wie ein Hawk-Trainingsjet und nutzt ebenfalls eine offene, modulare Architektur. Damit tritt neben Airbus und Boeing ein weiterer Anbieter an, der nationale Wertschöpfung ausdrücklich als Verkaufsargument einsetzt.

Das britische Verteidigungsministerium stellt 300 Millionen GBP (ca. 352 Millionen EUR) für das StormFighter-Programm bereit. Ein Demonstrator soll bereits 2027 fliegen, die Einsatzreife ist bis zum Ende des Jahrzehnts vorgesehen. In voller Produktion soll das Programm rund 2.000 Arbeitsplätze tragen.

Die britische Regierung beziffert den weltweiten Markt für CCA, also unbemannte Begleitflugzeuge, bis 2050 auf mehr als 125 Milliarden GBP (ca. 147 Milliarden EUR). Diese Regierungsprognose zeigt, welche industriepolitische Bedeutung London der neuen Flugzeugklasse beimisst.

Höhere Verteidigungsbudgets verbreitern den Absatzmarkt

Die NATO-Mitglieder haben sich verpflichtet, bis 2035 jährlich fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung und sicherheitsbezogene Bereiche aufzuwenden. Davon sollen mindestens 3,5 Prozent auf militärische Kernaufgaben entfallen. Die europäischen Bündnispartner und Kanada steigerten ihre realen Verteidigungsausgaben bereits 2025 um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Europäische Union ergänzt diesen Kurs mit dem Finanzierungsinstrument SAFE, das Darlehen von bis zu 150 Milliarden EUR für gemeinsame Rüstungsbeschaffungen bereitstellt. Auch größere Drohnensysteme zählen zu den förderfähigen Bereichen, sodass CCA-Projekte grundsätzlich von dem Instrument profitieren können.

Die Niederlande haben mit den USA eine Partnerschaft zum Erwerb von CCA-Prototypen geschlossen und arbeiten an flugzeugunabhängigen, offenen Autonomiesystemen. Früh abgestimmte Schnittstellen und Einsatzverfahren können späteren gemeinsamen Ausschreibungen den Weg ebnen.

Mit den ersten Fertigungsaufträgen und europäischen Industriepartnerschaften verlagert sich der Wettbewerb nun von der Flugerprobung auf die Serienproduktion und die Integration in nationale Streitkräfte.