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Europas Industrie bleibt verwundbarPekings Exporthebel trifft Europas industrielle Basis

Die IEA warnt in ihrem neuen Rohstoffausblick vor einem 6,5-Billionen-US-Dollar-Risiko: Chinas Exportbeschränkungen für Seltene Erden könnten zentrale Industriebranchen in Europa und den USA empfindlich treffen.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 6 min
Titelbild: Wolfgang Weiser / Unsplash

Chinas Ausfuhrbeschränkungen für Seltene Erden bedrohen nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) Produktion im Wert von 6,5 Billionen US-Dollar außerhalb des Landes. Knapp die Hälfte des möglichen Schadens entfiele auf Europa und die USA. Besonders betroffen wären die Auto-, Hightech-, Energie- und Rüstungsindustrie.

Pekings Exportregime reicht tief in Lieferketten

Seltene Erden umfassen 17 chemische Elemente, die vor allem für leistungsstarke Permanentmagnete benötigt werden. Diese kommen unter anderem in Elektromotoren, Windkraftanlagen und Elektronik zum Einsatz. China führte im April 2025 Ausfuhrkontrollen für sieben schwere Seltene Erden sowie daraus gefertigte Verbindungen und Magnete ein.

Im Oktober kündigte Peking eine deutliche Ausweitung an. Erfasst werden sollten fünf weitere Elemente sowie im Ausland gefertigte Produkte, sobald Seltene Erden chinesischer Herkunft mindestens 0,1 Prozent ihres Werts ausmachen oder bei der Herstellung chinesische Verarbeitungstechnik zum Einsatz kommt. Für militärische Endnutzer waren grundsätzlich keine Genehmigungen vorgesehen; Lieferungen für fortgeschrittene Halbleiter und KI-Anwendungen mit möglicher militärischer Nutzung wollte Peking einzeln prüfen. Nach einer Handelsvereinbarung mit den USA setzte China die Verschärfung bis zum 10. November 2026 aus.

Die IEA legt ihre 6,5-Billionen-US-Dollar-Schätzung im neu veröffentlichten "Global Critical Minerals Outlook 2026" vor. Wie störanfällig die Lieferketten bereits sind, zeigten die im April eingeführten Kontrollen: Einzelne Autobauer in den USA und Europa mussten ihre Fertigung drosseln oder zeitweise anhalten. Allein in der Autoindustrie sieht die Behörde jährlich Produktion im Wert von mehr als 3 Billionen US-Dollar gefährdet. Selbst nach der Erholung der Liefermengen lagen die europäischen Preise für Dysprosium, Terbium und Yttrium zeitweise bis zu sechsmal höher als in China.

Der Westen baut Alternativen zu langsam aus

Der Aufbau neuer Lieferketten erhält inzwischen deutlich mehr staatliche Unterstützung. Zwischen 2023 und 2025 haben sich die öffentlichen Finanzierungszusagen für Rohstoffprojekte auf 65 Milliarden US-Dollar mehr als vervierfacht. Neue Verarbeitungsanlagen in den USA und steigende Mengen aus Malaysia drückten Chinas Anteil an der weltweiten Raffination Seltener Erden von mehr als 90 Prozent im Jahr 2023 auf 85 Prozent im Jahr 2025. Gehen die angekündigten Projekte planmäßig in Betrieb, könnte der Anteil bis 2035 auf 70 Prozent sinken.

Gleichzeitig verliert der privat finanzierte Ausbau an Schwung. Die weltweiten Investitionen in kritische Mineralien – wirtschaftlich wichtige Rohstoffe mit stark konzentrierten Lieferketten – sanken 2025 um 9 Prozent. Schwankende Preise und politische Spannungen erschweren vor allem langfristige Vorhaben mit hohen Anfangskosten. Staaten und öffentliche Förderbanken übernehmen deshalb einen wachsenden Teil des Risikos.

Europa und die G7 bündeln ihre Rohstoffpolitik

Die Europäische Kommission will mit RESourceEU, einem Aktionsplan für kritische Rohstoffe, binnen zwölf Monaten 3 Milliarden Euro mobilisieren. Das EU-Rohstoffgesetz setzt bis 2030 Zielmarken von 10 Prozent eigener Förderung, 40 Prozent Verarbeitung und 25 Prozent Recycling. Zugleich soll kein Drittstaat mehr als 65 Prozent des europäischen Bedarfs an einem strategischen Rohstoff liefern. Ein europäisches Zentrum für kritische Rohstoffe soll Finanzierung, gemeinsame Beschaffung und Vorratshaltung koordinieren; zusätzlich bereitet Brüssel eine Krisengruppe für kurzfristige Versorgungsengpässe vor.

Auch die G7 richten ihre Industriepolitik stärker auf kritische Rohstoffe aus. Bis 2030 soll die Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferland bei Seltenen Erden und Permanentmagneten unter 60 Prozent sinken; langfristig peilen die Mitgliedstaaten 50 Prozent an. Um alternative Lieferketten wirtschaftlich tragfähig zu machen, prüfen sie Preisuntergrenzen, Zuschüsse bei Preislücken, gemeinsame Beschaffung und größere strategische Lager.

Raffinerien und Magnetwerke bleiben der Engpass

Die größte Lücke liegt in der Verarbeitung zwischen Mine und industrieller Anwendung. Dort werden Konzentrate getrennt, zu Oxiden und Metallen veredelt und anschließend zu Legierungen oder Magnetmaterial verarbeitet. Außerhalb Chinas stehen bis 2035 mehr als 50.000 Tonnen angekündigte Minenkapazität weniger als 40.000 Tonnen Raffinerie- und Trennkapazität gegenüber. Bei Metallen, Legierungen und fertigen Magneten sind lediglich rund 18.000 Tonnen geplant - etwa ein Drittel der Minenkapazität.

Graphit verschärft das Versorgungsrisiko. Vollständig umgesetzte chinesische Ausfuhrkontrollen könnten außerhalb des Landes Produktion im Wert von rund 300 Milliarden US-Dollar treffen. China stellt mehr als 90 Prozent des weltweit verarbeiteten Graphits her, das vor allem für Batterieanoden benötigt wird. Zudem gibt es außerhalb des Landes nur wenige Anbieter für die erforderlichen Verarbeitungsanlagen.

Für eine breiter aufgestellte Versorgung mit magnetischen Seltenen Erden bis 2035 veranschlagt die IEA rund 60 Milliarden US-Dollar. Fast die Hälfte davon entfiele auf Raffinerien, etwa ein Drittel auf Magnetfabriken. Ein strategischer Vorrat für ein Jahr der gefährdeten Einfuhren außerhalb Chinas würde nach Berechnungen der Behörde rund 200 Millionen US-Dollar kosten.

Der Ausbau zusätzlicher Minen greift deshalb zu kurz. Solange Trennanlagen, Metallverarbeitung und Magnetfertigung fehlen, bleibt ein großer Teil der Wertschöpfung von chinesischen Kapazitäten abhängig.

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