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Angriff auf die SpritzeVom Forschungshaus zum Lizenzverdiener: Protagonist finanziert die nächste Peptidgeneration

Peptidmedikamente wirken sehr gezielt, müssen aber häufig gespritzt werden. Das US-Biotechnologieunternehmen Protagonist will diese Wirkstoffklasse stärker in Tablettenform bringen. Erste Zulassungen machen die Technologie wirtschaftlich relevant – doch der Wettbewerb wächst.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 11 min
Titelbild: Ruliff Andrean / Unsplash

Das US-Biotechnologieunternehmen Protagonist Therapeutics ISIN US74366E1029 WKN A2AP32 erreicht 2026 eine für kleine Biotechnologieunternehmen ungewöhnliche Ausgangslage. Mit Icotyde und Mimrylo stammen inzwischen zwei zugelassene Medikamente aus seiner eigenen Technologie zur Entwicklung neuartiger Peptidwirkstoffe. Ende Juni verfügte das Unternehmen zugleich über 849,5 Mio. USD an liquiden Mitteln und marktgängigen Wertpapieren. Partnerzahlungen und künftige Lizenzumsätze können damit die vollständig eigenen Forschungs- und Entwicklungsprogramme von Protagonist mitfinanzieren.

Zwei Partnerprodukte schaffen finanziellen Spielraum

Der größere kommerzielle Baustein ist Icotyde, eine einmal täglich eingenommene Tablette gegen Plaque-Psoriasis. Dabei handelt es sich um eine Form der Schuppenflechte mit entzündeten, geröteten und schuppenden Hautstellen. Die FDA erteilte die US-Zulassung im März 2026, die Europäische Kommission folgte im September. Damit kann das Präparat auf zwei wichtigen Pharmamärkten breiter verkauft werden. Der US-Gesundheitskonzern Johnson & Johnson ISIN US4781601046 WKN 853260 vermarktet das Medikament.

Für Protagonist zählt dabei weniger der eigene Vertrieb als die Beteiligung am Umsatz. Das Unternehmen erhält zwischen 6 und 10 % der weltweiten Nettoerlöse. Bei 4 Mrd. USD Jahresumsatz läge der durchschnittliche Lizenzanteil laut Unternehmensangaben bei etwa 7,25 %. Auf zusätzliche Umsätze oberhalb dieser Schwelle entfallen 10 %.

Analysten sehen für Icotyde innerhalb weniger Jahre mehr als 5 Mrd. USD Jahresumsatz. Schon bei niedrigeren Größenordnungen könnte daraus ein dauerhafter Finanzierungsbeitrag entstehen. Zugleich muss Protagonist weder Vertrieb noch Vermarktungsapparat eines großen Pharmakonzerns selbst finanzieren.

Zweite Zulassung stärkt die Einnahmebasis

Mimrylo folgt einer anderen Strategie. Das injizierbare Peptidmedikament behandelt Polycythaemia vera, eine seltene Form von Blutkrebs. Der japanische Pharmakonzern Takeda ISIN JP3463000004 WKN 853849 besitzt die weltweiten Entwicklungs- und Vermarktungsrechte.

Die FDA genehmigte Mimrylo am 28. August 2026 für Erwachsene mit Polycythaemia vera und Erythrozytose, einer Überproduktion roter Blutkörperchen, die das Blut verdicken kann. In der Phase-3-Studie VERIFY erreichten 76,9 % der Patienten während der Wochen 20 bis 32 das festgelegte klinische Ansprechen. Mimrylo ahmt zudem das körpereigene Hormon Hepcidin nach und verringert dadurch die Verfügbarkeit von Eisen für die Bildung roter Blutkörperchen.

Noch vor der Zulassung gab Protagonist seine Beteiligung an einer gemeinsamen US-Gewinnteilung auf. Dieser Schritt brachte zunächst eine Zahlung von 200 Mio. USD. Mit der FDA-Zulassung von Mimrylo kamen anschließend weitere 275 Mio. USD hinzu: 200 Mio. USD aus der Opt-out-Vereinbarung und ein Zulassungsmeilenstein von 75 Mio. USD.

An den Verkäufen bleibt Protagonist trotzdem beteiligt. Die weltweiten Lizenzsätze für Mimrylo mit dem Wirkstoff Rusfertide reichen von 14 bis 29 %. Aus einer früheren Zusammenarbeit mit dem dänischen Biotechnologieunternehmen Zealand Pharma ISIN DK0060257814 WKN A0YJW7 besteht außerdem eine wirtschaftliche Beteiligung an Rusfertide. Zealand verkaufte diese Rechte im August 2026 weitgehend für 100 Mio. USD an Royalty Pharma ISIN GB00BMVP7Y09 WKN A2P62D, einen Spezialisten für den Erwerb von Umsatzbeteiligungen an Arzneimitteln. Hinzu kommen für Protagonist bis zu 775 Mio. USD an möglichen Verkaufsmeilensteinen.

Für ein Biotechnologieunternehmen dieser Größe und Entwicklungsstufe verändert diese Struktur die Ausgangslage erheblich. Gleichzeitig sollen die Forschungsausgaben in der zweiten Jahreshälfte deutlich steigen. Die Partnererträge fließen damit zunehmend in Programme, deren wirtschaftlicher Erfolg vollständig Protagonist zugutekäme.

Technischer Kern ist der Verdauungstrakt

Hinter diesem Geschäftsmodell steckt ein grundlegendes Problem der Arzneimittelentwicklung. Peptide sind kurze Ketten aus Aminosäuren – den Bausteinen von Eiweißen – und können biologische Prozesse sehr gezielt beeinflussen. Im Magen-Darm-Trakt werden viele dieser Moleküle jedoch von Enzymen zerlegt, bevor genügend Wirkstoff in den Körper gelangt. Deshalb mussten viele Peptidmedikamente bislang gespritzt werden. Protagonist entwickelt stabilere Strukturen, die den Bedingungen im Darm besser standhalten sollen. Als chemisches Vorbild dienen unter anderem Peptidstrukturen aus natürlichen Tiergiften, etwa von Schlangen und Schnecken. Deren oft ringförmige Bauweise einzelner Moleküle macht sie widerstandsfähiger.

Mehrere Pharmakonzerne arbeiten inzwischen mit unterschiedlichen chemischen Ansätzen an demselben Problem. Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk ISIN DK0062498333 WKN A3EU6F nutzt für die Wegovy-Tablette den Wirkstoff Semaglutid. Er wirkt am Rezeptor des Darmhormons GLP-1 und wird zur Gewichtsreduktion eingesetzt. In Europa erhielt die Wegovy-Tablette im Juli 2026 die Zulassung. In den USA überschritt sie im Juli nach Unternehmensangaben 265.000 wöchentliche Verordnungen.

Merck ISIN US58933Y1055 WKN A0YD8Q, ein US-amerikanischer Pharmakonzern, setzt auf makrozyklische Peptide, also ringförmig geschlossene Moleküle. Das Medikament Lipfendra enthält den Wirkstoff Enlicitide. Dieser blockiert das Protein PCSK9, sodass mehr LDL-Rezeptoren für die Entfernung von LDL-Cholesterin aus dem Blut verfügbar bleiben. Die FDA genehmigte Lipfendra im Juli als ersten oralen PCSK9-Hemmer. In zwei zulassungsrelevanten Studien sank der LDL-Wert nach 24 Wochen gegenüber Placebo um 56 beziehungsweise 59 %.

Auch frühe Technologien werden inzwischen hoch bewertet. Novo vereinbarte im September eine Kooperation mit Orbis Medicines, einem dänischen Biotechnologieunternehmen für oral verfügbare ringförmige Wirkstoffe. Das Paket kann einschließlich Meilensteinen bis zu 1,4 Mrd. USD erreichen, zusätzlich sind gestaffelte Lizenzgebühren vorgesehen.

Icotyde muss sich im Milliardenmarkt behaupten

Für Protagonist liefert Icotyde den bisher wichtigsten kommerziellen Nachweis der eigenen Technologie. Ausschlaggebend ist nicht allein die Tablettenform, denn Psoriasis wird schon länger auch mit Tabletten behandelt. Relevant ist vielmehr die Kombination aus einfacher Einnahme und hoher Wirksamkeit.

In der Phase-3-Studie ICONIC-LEAD erreichten nach 24 Wochen 65 % der Patienten eine Verbesserung um mindestens 90 % im Psoriasis-Schweregradindex PASI. Dieser bewertet Ausdehnung, Rötung, Dicke und Schuppung der betroffenen Haut. 74 % hatten zu diesem Zeitpunkt klare oder nahezu klare Haut. In weiteren Phase-3-Studien übertraf Icotyde zudem Deucravacitinib, den Wirkstoff des bereits zugelassenen Psoriasis-Medikaments Sotyktu, bei wichtigen Wirksamkeitszielen.

Aus dem US-Markt liegen inzwischen erste Hinweise zur Nutzung vor. Bis Mitte Juli waren mehr als 18.000 Rezepte für rund 11.000 Patienten geschrieben worden. Johnson & Johnson sprach außerdem von 6.000 unterschiedlichen Ärzten und anderen zur Verordnung berechtigten Fachkräften. Innerhalb von 90 Tagen lag die kommerzielle Versicherungsabdeckung nach Angaben von Johnson & Johnson bei über 50 %. Für Aussagen über die langfristige Marktposition ist diese frühe Phase noch zu kurz. Die Zahlen belegen jedoch, dass das Präparat bereits in nennenswertem Umfang eingesetzt wird.

Die wirtschaftliche Auseinandersetzung findet vor allem bei neuen Therapieentscheidungen statt. Bereits gut mit einer Injektion behandelte Patienten haben weniger Anlass für einen Wechsel. Bei neu eingestellten Patienten kann eine wirksame Tablette dagegen den bisherigen Behandlungspfad verändern.

Das betrifft auch den Pharmakonzern AbbVie ISIN US00287Y1091 WKN A1J84E aus den USA. Der Konzern erzielte 2025 mit Skyrizi, einem bei Psoriasis injizierten Biologikum mit dem Wirkstoff Risankizumab, weltweit rund 17,5 Mrd. USD Umsatz. Biologika sind biotechnologisch hergestellte Medikamente, die häufig gespritzt werden. Eine leistungsfähige Tablette kann verhindern, dass Patienten nach schwächeren oralen Therapien regelmäßig zu solchen Arzneien wechseln.

Allerdings verbessert sich auch die Konkurrenz unter den Tabletten. Takeda hat für den noch nicht zugelassenen Psoriasis-Wirkstoff Zasocitinib inzwischen eine vorrangige FDA-Prüfung erreicht. In einer Phase-3-Direktstudie erreichten 36,5 % der Patienten vollständige Hautfreiheit, gegenüber 13,9 % unter Deucravacitinib. Zasocitinib ist kein Peptid. Die Daten erhöhen dennoch die Anforderungen an neue orale Psoriasistherapien.

Eigene Programme entscheiden über den nächsten Schritt

Die bisherigen Zulassungen zeigen, dass Protagonists Technologie zur Entwicklung von Peptidwirkstoffen Medikamente hervorbringen kann. Beim wirtschaftlichen Ergebnis teilen sich jedoch Partner einen erheblichen Teil des Werts. Die nächste Entwicklungsstufe hängt deshalb stärker von den vollständig eigenen Programmen ab.

Am weitesten ist PN-881, ein Wirkstoffkandidat zum Schlucken, der bestimmte Entzündungssignale blockieren soll. Protagonist plant für Anfang 2027 eine Phase-2b-Studie gegen Psoriasis, in der Dosierung und Wirksamkeit an Patienten genauer geprüft werden. Nach Unternehmensangaben blieb die Wirkstoffkonzentration in Phase 1 lange genug hoch, um eine einmal tägliche Einnahme zu unterstützen.

Parallel entwickelt Protagonist eigene Mittel gegen Adipositas. Mit der injizierbaren Variante von PN-477 läuft bereits eine Phase-1-Studie. Der Wirkstoffkandidat soll gleichzeitig drei Rezeptoren für die Stoffwechselhormone GLP-1, GIP und Glukagon aktivieren. Diese Botenstoffe sind unter anderem an der Regulierung von Blutzucker, Appetit und Energiehaushalt beteiligt. Für eine Tablettenform plant das Unternehmen den Studienbeginn im ersten Halbjahr 2027.

Auch Icotyde kann die wirtschaftliche Basis verbreitern. Johnson & Johnson untersucht den Wirkstoff inzwischen bei Psoriasis-Arthritis, einer Gelenkentzündung im Zusammenhang mit Schuppenflechte, sowie bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn. Die beiden letztgenannten Erkrankungen sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Erfolgreiche zusätzliche Einsatzgebiete würden die potenzielle Lizenzbasis von Protagonist erweitern.

Dass die Technologie grundsätzlich funktioniert, ist mit zugelassenen Produkten gezeigt. Offen ist, wie häufig Protagonist diesen Erfolg mit eigenen Wirkstoffen wiederholen kann. Scheitern PN-881 und die Programme für Stoffwechselerkrankungen, bleibt ein erheblicher Teil des Unternehmenswerts von Partnerprodukten abhängig. Klinische Erfolge würden dagegen ein anderes Modell begründen. Protagonist könnte Forschung zunehmend aus bestehenden Einnahmen finanzieren und zugleich einen größeren Anteil am Wert neuer Medikamente behalten. Die kommenden Studien müssen zeigen, ob aus einer erfolgreichen Peptidtechnologie ein wiederholbares Geschäftsmodell entsteht.