
Aktienmarkthistorie: Aktien kaufen trotz hoher Bewertungen: Wie schlimm kann ein Crash werden?
Die hohen Marktbewertungen halten manche Anleger vom Einstieg ab. Was, wenn genau jetzt der Crash kommt? Ein Blick zurück zeigt, welche Verluste dann wirklich drohen können - und wie lange es dauern kann, bis das Einstiegsniveau wieder erreicht ist.
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Wer langfristig, d. h. mit einem Horizont von Jahrzehnten, in die Aktienmärkte investiert, sieht sich am Ende in der Regel auf der Gewinnerseite. Doch angesichts rekordhoher Bewertungen zögern viele Investoren derzeit mit dem Einstieg. So hohe Kurse, so viele Unsicherheiten: Ist das nicht regelrecht töricht, jetzt die Aktienquote hochzufahren?
Letztlich kann jeder Investor diese Frage nur für sich selbst beantworten. Was recht objektiv darstellen lässt ist das Verlustpotenzial, sollte ausgerechnet kurz nach dem Einstieg ein Crash einsetzen. Denn dafür genügt ein Blick zurück.
In harten Bärenmärkten drohen Verluste über 50 %
Ein aktueller Beitrag von Morningstar Analystin Emilia Fredlick betrachtet die härtesten Bärenmärkte von 1871 bis heute. Fredlick greift dabei auf Daten von Morningstar Research Leiter Paul Kaplan zurück. Ein Crash beginnt per definitionem, wenn der Markt von seinem letzten Hoch aus gesehen 20 % verliert - und endet, wenn das frühere Niveau wiederhergestellt wurde.
Zu den härtesten Bärenmärkten der Welt gehört die Entwicklung von 1911 bis 1920, die Fredlick unter "Erster Weltkrieg und Spanische Grippe" zusammenfasst. In dieser Zeit gab der US-Aktienmarkt um 51 % nach. Bis zur vollständigen Erholung dauerte es bis 1924, also rund 13 Jahre.
1929 folgte der bislang schlimmste Crash, der bis heute als Maßstab gilt: Die große Depression, hierzulande besser bekannt als Weltwirtschaftskrise. Von August 1929 bis Mai 1932 gaben die Aktienkurse um 79 % nach. Vollständig erholt hatten sich die Kurse erst im November 1936.
Bereits im Februar 1937 setzte der nächste Bärenmarkt ein: Bis März 1938 gaben die Aktienkurse um 49,9 % nach, erst im Februar 1945 war das frühere Niveau wieder erreicht.
Bei einer gemeinsamen Betrachtung der Bärenmärkte von 1929 und 1937 ergibt sich eine sehr lange Zeitspanne, in der Aktieninvestments nichts einbrachten. Der Berechnung von Morningstar zufolge hätte, wer im August 1929 90 USD investiert hätte, 94 USD gehabt und somit einen Gewinn von 4,4 % erzielt - in fast 16 Jahren.
Im August 1929 investiert: 42 % Rendite bis Oktober 1950
Dieses Beispiel mag abschreckend wirken. Umgekehrt ließe sich genauso argumentieren, dass das Vermögen selbst im Anschluss an eine der schlechtesten Episoden der Weltgeschichte noch vorhanden war.
Doch selbst die fast 16 Jahre Geduld waren rückblickend nicht genug. Im Mai 1946 setzte der Nachkriegsbärenmarkt ein und die Kurse gaben bis Februar 1948 um 37,2 % nach. Erst im Oktober 1950 war das vorherige Niveau wieder erreicht.
Werden der Börsencrash und die anschließende Depression 1929, die Entwicklung von 1937 bis 1945 und der Nachkriegsbärenmarkt von 1946 bis 1948 zusammengezählt, ergibt sich ein Zeitraum von August 1929 (erster Crash) bis Oktober 1950 und damit von mehr als 21 Jahren, in denen es an der US-Börse summa summarum schlecht lief. Doch selbst in diesem Umfeld wuchs den Daten von Morningstar zufolge ein hypothetisches Vermögen von 90 USD auf 128 USD - ein Plus von 42 %.
Goldene Dekaden: Die Seitenlinie kostet auch
Auf die zwei verlorenen folgten zwei goldene Dekaden. Wer im Oktober 1950 mit 128 USD investiert war, konnte seinem Vermögen bis 1969 im Wesentlichen beim Wachsen zusehen: 1057 USD standen zu Buche, als im Dezember 1972 Inflation, Vietnam und Watergate die Kurse drückten. Der Bärenmarkt dauerte bis September 1974 und forderte einen Verlust von 51,9 %. Es dauerte bis Juni 1983, bis diese Verluste wieder aufgeholt waren.
Der letzte größere Bärenmarkt dürfte vielen Anlegern noch in Erinnerung sein: Von August 2000 bis Februar 2009 gaben die Kurse zunächst durch die Dotcom-Krise und dann durch die Finanzkrise um 54 % nach. Die Erholung dauerte bis Mai 2013. Dadurch war diese verlorene Dekade eine der schlechtesten Börsenphasen überhaupt: Morningstar rankt diese Zeit auf dem zweiten Platz hinter 1929, unterlässt allerdings auch die Verknüpfung mit den auf die Erholung nach 1929 folgenden Bärenmärkten.
Was also kann passieren, wenn der Einstieg in den Aktienmarkt unmittelbar vor einem Crash erfolgt? Die ehrliche Antwort: Im schlimmsten Fall drohen Jahrzehnte Saure-Gurken-Zeit. Doch wer diese durchstand, hatte historisch erstens sein Vermögen noch - und konnte zweitens von den sich anschließenden Bullenmärkten profitieren.
Fredlick gibt in einem Nebensatz auch einen Eindruck davon, was die Seitenlinie kostet: "Unter Berücksichtigung der Inflation wäre ein Dollar (in US-Dollar von 1870), der 1871 in einen hypothetischen US-Aktienmarktindex investiert worden wäre, bis Ende Dezember 2025 auf 35.139 Dollar angewachsen."