
0,20 % vs. 0,70 % des BIP: Europas Markt für Venture Capital bleibt tief im Schatten der USA
Venture Capital bleibt in Europa schwach, während die USA einen Boom verzeichnen. Europa ist aus Investorensicht zu fragmentiert – und daran dürfte sich absehbar auch nicht viel ändern.
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Der europäische Markt für Venture Capital bleibt weiter schwach. "VC als Ganzes verlangsamte sich im Jahr 2024", kommentierte Nicolas Moura, leitender Forschungsanalyst im EMEA Private Capital-Team von PitchBook im Rahmen der Vorstellung des VC-Jahresberichts der Morningstar-Tochter. Nur einzelne Bereiche zeigten Anzeichen von Wachstum bei der Geschäftsabwicklung, wie etwa KI und Biowissenschaften.
"Risikokapital konnte sich nicht erholen"
"Risikokapital konnte sich jedoch nicht erholen, obwohl die Bewertungen im Jahresverlauf anzogen und das Makro von Gegenwind zu Rückenwind wechselte", heißt es in dem Bericht.
Pitchbook taxiert die Wagniskapitalinvestitionen in europäische Startups im vergangenen Jahr auf 57 Mrd. EUR. Es handelt sich um den dritten Rückgang in Folge – sowohl gemessen am gesamten investierten Volumen als auch an der Anzahl der abgeschlossenen Deals.
Gegen gesamtwirtschaftliche Ursachen sprechen die positiven Trends an den Aktenmärkten ebenso wie die gute Entwicklung des Private Equity-Marktes. Laut dem Pitchbook-Bericht wurden 2024 knapp PE-8.300 Deals mit einem Gesamtwert von 595 Mrd. EUR abgeschlossen – deutlich mehr als im Vorjahr.
Im Vergleich mit den USA hinkt Europa weit hinterher. Jenseits des Atlantiks legten die Risikokapitalinvestitionen in Start-Ups um rund 30 % auf 209 Mrd. USD zu. Der US-Markt für VC entspricht damit 0,7 % des BIP. Die 7 Mrd. EUR, die in deutsche Start-Ups investiert wurden, entsprechen dagegen lediglich rund 0,20 % der Wirtschaftsleistung.
Durch die erwarteten Zinssenkungen der EZB und eine Beruhigung auf politischer Ebene könne der Markt etwas Rückenwind erhalten, meint Moura. An der klaffenden Lücke zwischen den USA und Europa wird dies jedoch wenig ändern. Dabei sind sich alle Ökonomen einig: Ein Mangel an Wagniskapital in der Gegenwart reduziert das Potenzialwachstum der Volkswirtschaft in der Zukunft.
Für die große Lücke gibt es Gründe, darunter ein größeres Engagement institutioneller US-Investoren wie etwa Pensionsfonds im Bereich VC. Doch auch ein einfacherer und einheitlicher Rechtsrahmen in den USA macht den Markt für Risikokapitalgeber attraktiver.
Die Branche versucht seit langer Zeit, auf den Gesetzgeber einzuwirken und steuerliche und regulatorische Rahmenbedingungen für Investoren zu verbessern. Der Fondsmanager (und Co-Founder des Start-Ups Socialisten) Andreas Klinger erklärte jüngst gegenüber der "Börsen-Zeitung", wo es hakt: "Wenn in den USA ein Programmierer eine Geschäftsidee hat, dann muss er lediglich eine Website anklicken, ein Formular ausfüllen und dann hat er ein Unternehmen gegründet, in das Investoren sofort Geld reinstecken können, egal ob sie in Boston, in New York, in San Diego, San Francisco oder Los Angeles ansässig sind."
Fragmentierte europäische Standards
Die regulatorischen Standards für solche Investmentprozesse seien in den USA einheitlich, in Europa aber nicht. Investoren müssten deshalb vor Investitionen zunächst Anwälte und Steuerberater konsultieren um Rechtsform, Shareholder Agreement und steuerliche Aspekte zu klären.
Konkrete Ideen legt die Branche selbst auf den Tisch. Klinger etwa engagiert sich als Co-Leiter der Initiative EU Inc., dem auch Gründer, Investoren wie Sequoia, Speedinvest, HV Capital, Lightspeed und Creandum sowie Verbände beigetreten sind. Das Ziel der Initiative ist die Schaffung einer einheitlichen europäischen Rechtsform für Start-ups. Gefordert werden standardisierte und digitale Prozesse, die Gründung und Investition vereinfachen.
EU Inc. hat prominente Befürworter wie den früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi. Der hatte in seinem vielbeachteten Bericht zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der EU vorgeschlagen, innovativen Start-ups die Möglichkeit zur Annahme eines "neuen, EU-weiten Rechtsstatus" einzuräumen.Laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wird an einem solchen Vorhaben bereits gearbeitet.
Wirklich realistisch ist die Umsetzung in näherer Zukunft jedoch nicht. Schließlich würde eine einheitliche Rechtsform sensible Aspekte des Steuer-, Arbeits- und Gesellschaftsrechts betreffen. Diesen Änderungen müssten alle EU-Mitgliedstaaten zustimmen, was im aktuellen Umfeld nicht absehbar ist.