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Wachstum auf schmaler BasisKI-Aufschwung macht Amerikas Wirtschaft verwundbar

Rechenzentren, Software und steigende Aktienkurse dürften rund ein Drittel des US-Wachstums tragen. Die Konzentration schafft Wohlstand, erhöht aber die Abhängigkeit von Kapitalmärkten, Chippreisen und der Investitionslust weniger Konzerne.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: Getty Images / Unsplash

Amerikas Konjunktur hängt zunehmend an einer ungewöhnlichen Allianz aus Investitionen weniger finanzstarker Technologiekonzerne und aktiengetriebenem Konsum. Der Technologiekonzern Alphabet und weitere Großinvestoren machen Rechenzentren zu den neuen Maschinenräumen dieses Aufschwungs. Deren Server binden wachsende Mengen Strom, Speicherchips, Kühlung und Kapital.

Michael Pearce, Ökonom beim britischen Analysehaus Oxford Economics, beziffert den KI-Beitrag auf rund ein Drittel des jüngsten Wirtschaftswachstums. Forschende der Federal Reserve sehen die Wirkungen bislang auf wenige Bereiche konzentriert, was die Abhängigkeit von Aktienbewertungen und Kreditmärkten erhöht.

Investitionen tragen eine schwächere US-Konjunktur

Allein die KI-Investitionen sollen nahezu ein Viertel des Zuwachses beim Bruttoinlandsprodukt erklären. Die Statistikbehörde der USA meldete für das zweite Quartal annualisiert 1,5 % reales Wachstum. Im Vorquartal waren es noch 2,1 %.

Die Größenordnung ist gewaltig. Ausgaben für Software, Rechenzentren sowie Computer- und Kommunikationstechnik erreichten zuletzt hochgerechnet rund 1,5 Bill. USD pro Jahr. Zwei Jahre zuvor waren es etwa 1 Bill. USD. Die amtliche Detailrechnung nennt Informationstechnik und Software ausdrücklich als Wachstumstreiber der Unternehmensinvestitionen.

Das US-Handelsministerium meldete für Juni annualisierte Bauausgaben von 68,3 Mrd. USD für Rechenzentren. Binnen eines Jahres stieg der Betrag um 21,5 Mrd. USD. Der Ausbau verschafft Bauwirtschaft und Standortkommunen zusätzliche Aufträge sowie Steuereinnahmen. Auch das Institute for Supply Management registrierte im Juli eine robuste Nachfrage aus dem KI-Umfeld. Der Ausbau erreicht längst Hersteller von Kühlsystemen, Notstromaggregaten und weiteren technischen Anlagen.

Importe und Chippreise dämpfen den Wachstumseffekt

Ein Teil der Nachfrage landet allerdings im Ausland. In den ersten fünf Monaten 2026 importierten die USA Elektronik und Halbleiter im Wert von rund 90 Mrd. USD aus Taiwan. Zwei Jahre zuvor waren es etwa 20 Mrd. USD.

Steigende Chippreise schmälern den realen Effekt zusätzlich. Jeder investierte USD kauft effektiv weniger Rechenleistung: Milliardenbeträge überzeichnen deshalb einen Teil des tatsächlichen Kapazitätszuwachses.

Die Börse verlängert den Aufschwung in den Konsum

Der zweite Konjunkturkanal verläuft über die Börse. Nach Angaben der Federal Reserve erreichte das Nettovermögen privater Haushalte im ersten Quartal 174 Bill. USD. Gegenüber dem Vorjahr entsprach das einem Plus von rund 13 Bill. USD, vor allem durch höhere Aktienkurse. Die Kursgewinne rund um Künstliche Intelligenz stärken besonders den Konsum vermögender Haushalte, die den größten Teil der Aktien halten.

Konzernbilanzen finanzieren den neuen Maschinenraum

Die Dynamik konzentriert sich allerdings auf wenige Konzerne. Der Onlinehändler und Rechenzentrumsanbieter Amazon (ISIN: US0231351067, WKN: 906866) sowie der Technologiekonzern Meta (ISIN: US30303M1027, WKN: A1JWVX) investieren besonders aggressiv. Gleiches gilt für die Softwarekonzerne Microsoft (ISIN: US5949181045, WKN: 870747) und Oracle (ISIN: US68389X1054, WKN: 871460). Zusammen mit Alphabet (ISIN: US02079K3059, WKN: A14Y6F) bilden sie die fünf großen Investoren der aktuellen Ausbauwelle.

Der Finanzdatenanbieter FactSet bündelt die Analystenschätzungen für diese fünf Unternehmen. Demnach summieren sich deren Kapitalausgaben in den vier Jahren bis Ende 2029 auf fast 4 Bill. USD. Die Schätzung liegt mehr als 300 Mrd. USD über dem Stand von vor einem Monat. Die fortlaufenden Anhebungen zeigen, wie schnell frühere Bedarfsannahmen veralten.

Alphabet – der Mutterkonzern von Google – erhöhte seine Ausgabenplanung für 2026 auf 195 bis 205 Mrd. USD, weil Kapazitäten schneller bereitstehen sollen. Alphabet nahm im zweiten Quartal netto 49,6 Mrd. USD neues Eigenkapital auf, erweitert so die Finanzierungsbasis und verteilt das Investitionsrisiko unmittelbar auf die Anteilseigner. Hinzu kamen 20,3 Mrd. USD aus unbesicherten Anleihen.

Amazon erhöhte seine Investitionsplanung für 2026 auf 220 Mrd. USD. Der freie Mittelzufluss drehte binnen zwölf Monaten auf minus 7,6 Mrd. USD, vor allem wegen KI-bezogener Sachinvestitionen.

Meta lenkte im zweiten Quartal nahezu seinen gesamten operativen Mittelzufluss in Sachinvestitionen. Die Nachrichtenagentur Reuters beziffert den Einbruch des freien Mittelzuflusses auf 91 % und verweist auf den unsicheren Ertrag der Ausbauwelle.

Microsoft meldet weiterhin eine Nachfrage oberhalb der verfügbaren Rechenkapazität. Eine verlängerte Nutzungsdauer der Rechenzentren verschiebt künftig Leasingausgaben aus der ausgewiesenen Investitionssumme. Die für 2026 genannten 175 Mrd. USD signalisieren deshalb keine entsprechende Drosselung des physischen Ausbaus.

Oracle nahm im Ende Mai beendeten Geschäftsjahr 48 Mrd. USD über Fremd- und Eigenkapital auf. Der Konzern verfolgt damit seine geplante ausgewogene Finanzierung des Ausbaus. Oracle begründet den Schritt mit vertraglich gebundener Nachfrage großer Kunden nach zusätzlicher Rechenleistung.

Anleihemärkte tragen einen wachsenden Teil

Die Finanzierung verschiebt das Risiko zunehmend an den Anleihemarkt. Die britische Großbank Barclays erwartet 2026 Anleiheemissionen von 285 Mrd. USD. Im Vorjahr waren es rund 109 Mrd. USD. Die Schätzung umfasst die fünf Technologiekonzerne und den Raumfahrt- und KI-Konzern SpaceX (ISIN: US84615Q1031, WKN: A42D4F).

SpaceX testet mit hohen Ausgaben die Geduld der Anleger

SpaceX ist seit Juni börsennotiert und legte inzwischen seinen ersten Quartalsbericht als Publikumsgesellschaft vor. Der Konzern beziffert seine KI-bezogenen Sachinvestitionen auf 15,8 Mrd. USD.

Unmittelbar nach Vorlage der Zahlen gab die Aktie im nachbörslichen Handel um bis zu 8 % nach. Die Reaktion zeigt, wie empfindlich Anleger auf Ausgaben reagieren, deren künftige Rendite schwer kalkulierbar bleibt.

Die wachsende Abhängigkeit von den Kapitalmärkten macht die Investitionswelle empfindlicher. Fallende Aktienkurse könnten die Risikobereitschaft dämpfen. Steigende Renditen oder schwächere Anleihemärkte würden zugleich die Fremdfinanzierung verteuern.

Stromnetze und Exportpolitik setzen dem Ausbau Grenzen

Hinzu kommen Verdrängungseffekte. Rechenzentren binden Grundstücke, Baumaterial, Stromanschlüsse und Fachkräfte, die anderen Branchen fehlen. Michael Feroli, Ökonom bei der Großbank JPMorgan Chase, warnt deshalb vor einer verzerrten Betrachtung.

Die US-Energiestatistikbehörde erwartet 2027 einen Anstieg des amerikanischen Stromverbrauchs um 3 %. Rechenzentren treiben einen maßgeblichen Teil dieses Zuwachses. Das US-Energieministerium sieht deshalb dringenden Bedarf für zusätzliche Übertragungsnetze. Sein Entwurf vom Juli warnt vor Engpässen durch Rechenzentren, Industrieansiedlungen und weitere Großverbraucher.

Washington hat die Genehmigung großer Rechenzentren und zugehöriger Stromleitungen bereits beschleunigt. Bereits im Januar lockerte die US-Exportkontrollbehörde die Prüfung bestimmter Hochleistungsprozessoren für China. Anträge werden nun unter Sicherheitsauflagen einzeln bewertet. Damit bleibt die Lieferkette von Industriepolitik, Genehmigungen und geopolitischen Entscheidungen abhängig.

Die Auftragsbücher der Ausrüster bleiben vorerst gefüllt. Für einen breiteren Aufschwung muss KI außerhalb der Rechenzentren messbare Produktivitätsgewinne erzeugen. Bis dahin bleibt Amerikas Wachstum eng an die Investitionspläne weniger Konzerne und die Aufnahmefähigkeit der Kapitalmärkte gebunden.