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Umbau unter DruckVolkswagen senkt Prognose und verschärft den Sparkurs

Volkswagen-Vorstandschef Oliver Blume will Kapazitäten, Variantenvielfalt und Belegschaft verkleinern. Europas Elektroautomarkt wächst kräftig, doch der finanzielle Spielraum hängt stärker an Cashflow und Kostensenkungen als an steigenden Erlösen.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 9 min
Titelbild: [M] Verumo, RoonZ nl / Unsplash

Der Automobilkonzern Volkswagen (ISIN: DE0007664039, WKN: 766403) streicht sein Wachstumsziel für 2026. Statt steigender Erlöse erwartet der Konzern nun eine Umsatzentwicklung zwischen minus drei und null Prozent. Zugleich sank der operative Gewinn im zweiten Quartal um 9,5 Prozent – eine ernüchternde Ausgangslage für den tiefgreifenden Konzernumbau unter Blume. Im gesamten ersten Halbjahr fiel das operative Ergebnis um 11,6 Prozent auf 5,9 Milliarden EUR. Die Umsatzrendite sank von 4,2 auf 3,8 Prozent.

Volkswagen kippt das Wachstumsziel für 2026

Bislang hatte Volkswagen mit einem Umsatzplus von bis zu drei Prozent gerechnet. Nun reicht der Prognosekorridor nur noch bis zur Stagnation; im ungünstigsten Fall schrumpfen die Erlöse 2026 um drei Prozent. An der erwarteten operativen Marge zwischen 4,0 und 5,5 Prozent hält das Management dagegen fest. Im Vorjahr hatte sie lediglich 2,8 Prozent erreicht.

An der Börse überwog dennoch die Enttäuschung. Nach Veröffentlichung der Halbjahreszahlen am Freitag verlor die Volkswagen-Vorzugsaktie zeitweise bis zu 3,2 Prozent, bevor sie einen Teil der Verluste wieder aufholte. Investoren müssen sich damit auf ein Jahr einstellen, in dem der Konzern zwar seine Profitabilität stabilisieren will, dafür aber nicht mehr auf steigende Einnahmen bauen kann. Das operative Quartalsergebnis von rund 3,5 Milliarden EUR verfehlte die von Analysten erwarteten rund 3,9 Milliarden EUR um etwa 400 Millionen EUR.

Die Prognose steht zudem unter einem engen Vorbehalt: Volkswagen unterstellt, dass die derzeit geltenden internationalen Zölle Bestand haben. Mögliche Folgen einer weiteren Eskalation im Nahen Osten sowie finanzielle Effekte des im Juli vorgestellten Zielbilds 2030, eines konzernweiten Umbauprogramms mit zwölf Initiativen, sind nicht berücksichtigt.

Auch der geplante Verkauf von 51 Prozent der Anteile an Everllence (ehemals MAN Energy Solutions, ein Hersteller von Großmotoren, Turbomaschinen und Dekarbonisierungslösungen) an die Investmentgesellschaft Bain Capital floss nicht in die Berechnung ein. Volkswagen will mittelfristig mit 49 Prozent beteiligt bleiben. Der ausgewiesene Zielkorridor bildet damit wesentliche mögliche Transaktions- und Umsetzungseffekte noch nicht ab.

Höhere Erlöse lösen das Margenproblem nicht

Im Zeitraum von April bis Juni lag der Umsatz mit 82,4 Milliarden EUR über den Erwartungen, die operative Marge erreichte 4,2 Prozent.

Dass höhere Erlöse nicht in einen höheren operativen Gewinn mündeten, verdeutlicht die Belastungen des Geschäftsmodells. Volkswagen bezifferte die Gegenwinde im ersten Halbjahr auf einen Betrag im zweistelligen Milliardenbereich. Blume verwies auf geopolitische Krisen, Handelskonflikte, hohe regulatorische Anforderungen, schwankende Märkte und den verschärften Wettbewerb. Allein die Einstellung der US-Produktion des ID.4, eines vollelektrischen Kompakt-SUVs von Volkswagen, belastete das Halbjahresergebnis mit rund 500 Millionen EUR. Negative Effekte aus dem Absatzmix kamen hinzu.

Die Schwäche verteilt sich allerdings nicht gleichmäßig über den Konzern. Die Volumenmarken steigerten ihren operativen Gewinn im ersten Halbjahr um 4,5 Prozent auf 3,61 Milliarden EUR; ihre Rendite verbesserte sich auf 4,9 Prozent. Gleichzeitig drehte der Netto-Cashflow des Automobilgeschäfts von minus 1,4 Milliarden EUR im Vorjahr auf plus 3,2 Milliarden EUR. Die Nettoliquidität erreichte Ende Juni 32,75 Milliarden EUR.

Blume verkleinert die industrielle Basis des Konzerns

Die Antwort soll ein Umbau sein, der weit über klassische Sparprogramme hinausgeht. Nach Informationen von Reuters könnten konzernweit bis zu 100.000 Stellen entfallen – einschließlich der bereits vereinbarten Abbaupläne für rund 50.000 Arbeitsplätze. Diskutiert wird zudem die mögliche Schließung von vier Fabriken. Außerdem will Blume die weltweiten Produktionskapazitäten verkleinern und die Modellpalette um bis zu 50 Prozent reduzieren.

Damit rückt die Größe des weltweit zweitgrößten Autobauers selbst in den Mittelpunkt. Über Jahrzehnte galt die Vielzahl an Marken, Modellen und Produktionsstandorten als Ausdruck industrieller Stärke. Nun soll genau diese Komplexität sinken, damit Volkswagen schneller und kostengünstiger arbeiten kann. Bei Stellenabbau und Werksperspektiven stehen allerdings schwierige Auseinandersetzungen mit den Arbeitnehmervertretern bevor.

Der sogenannte Zukunftsplan umfasst zwölf Initiativen. Neben der Halbierung der Modellpalette soll die Zahl der angebotenen Ausstattungsvarianten um bis zu 75 Prozent sinken. Die jährliche Produktionskapazität will Volkswagen konzernweit auf rund neun Millionen Fahrzeuge ausrichten. Vor der Pandemie war das Netzwerk noch für etwa zwölf Millionen Autos ausgelegt; zwei Millionen Einheiten Kapazität hat Volkswagen nach eigenen Angaben bereits abgebaut. Weitere Einschnitte sollen in Europa und China folgen.

China neutralisiert den europäischen Rückenwind

Besonders deutlich zeigt sich der Handlungsbedarf in China. Weltweit lieferte Volkswagen im ersten Halbjahr 6,3 Prozent weniger Fahrzeuge aus. Einen wesentlichen Anteil daran hatte die anhaltende Schwäche auf dem chinesischen Automarkt, wo ein langwieriger Abschwung den Wettbewerb zwischen heimischen Herstellern und internationalen Konzernen weiter verschärft hat.

Der chinesische Gesamtmarkt schrumpfte nach Angaben des Konzerns in den ersten sechs Monaten um rund 20 Prozent. Volkswagens eigener Fahrzeugabsatz in China brach mit 31,6 Prozent noch wesentlich stärker ein. Außerhalb Chinas legten die Auslieferungen dagegen um ungefähr zwei Prozent zu. Die regionale Schere zeigt, dass nicht allein die weltweite Konjunktur, sondern auch Volkswagens Wettbewerbsposition im wichtigsten Einzelmarkt das Volumen belastet.

In Nordamerika gewann Volkswagen im zweiten Quartal dagegen wieder etwas Boden. Auch in Europa gibt es ermutigende Signale: Neue Elektro-Einstiegsmodelle mehrerer Konzernmarken sorgten für zusätzliche Bestellungen. Der europäische Auftragsbestand für reine Elektroautos lag zur Jahresmitte mehr als 50 Prozent über dem Stand von Ende 2025. Für die neue Elektro-Kleinwagenfamilie rund um den ID. Polo gingen innerhalb weniger Wochen mehr als 70.000 Bestellungen ein.

Der Elektroboom öffnet Volkswagen ein Zeitfenster

Der europäische Gesamtmarkt stützt diese Entwicklung. In der Europäischen Union stiegen die PKW-Neuzulassungen im ersten Halbjahr um 5,7 Prozent. Reine Elektroautos erreichten einen Marktanteil von 20,7 Prozent nach 15,6 Prozent im Vorjahreszeitraum; in Deutschland legten ihre Neuzulassungen um 48 Prozent zu.

Das Wachstum ist jedoch technologisch breiter als ein reiner Elektroboom. Hybridfahrzeuge kamen auf 37,3 Prozent des EU-Marktes und blieben damit die beliebteste Antriebsart. Volkswagen muss seine Elektrooffensive deshalb beschleunigen, ohne die weiterhin hohe Nachfrage nach hybriden Antrieben zu unterschätzen. Die starke europäische Nachfrage verschafft dem Konzern ein Zeitfenster, löst aber weder das chinesische Absatzproblem noch die zu niedrige Gesamtrendite.

Auch die europäische Zollpolitik wirkt nicht einheitlich. Die Europäische Kommission nahm im Februar 2026 eine Preisverpflichtung von Volkswagen Anhui an. Dadurch kann der in China produzierte Elektro-SUV Cupra Tavascan unter Auflagen ohne den sonst fälligen Ausgleichszoll in die Europäische Union eingeführt werden. Volkswagen Anhui muss dafür einen Mindestimportpreis einhalten, die Einfuhrmengen begrenzen und zugesagte Investitionen in europäische Elektroprojekte erfüllen. Für Volkswagen entsteht damit eine punktuelle Entlastung, aber kein genereller zollfreier Zugang für seine China-Produktion.

Die positiven Impulse ändern nichts am übergeordneten Befund. Volkswagen muss seine Kostenbasis schneller an ein Marktumfeld anpassen, in dem Wachstum nicht mehr selbstverständlich ist. Die gesenkte Prognose macht aus dem angekündigten Konzernumbau deshalb eine operative Notwendigkeit – und aus Blumes Plänen einen Belastungstest für Management, Belegschaft und Investoren.

Der verbesserte Cashflow gibt Volkswagen finanziellen Spielraum für diesen Umbau. Nachhaltig tragfähig wird der Plan jedoch erst, wenn aus sinkender Komplexität höhere Margen entstehen und die neuen Elektroautos den Einbruch in China zumindest teilweise ausgleichen. Bis dahin steht die Liquidität für Stabilität, nicht für eine bereits vollzogene operative Wende.