
Goldpreis: Chinas Nachfrage stabilisiert Gold trotz Zinsrisiken
Das britische Analysehaus Capital Economics hält Gold weiter für einen Schutz gegen schwere Börseneinbrüche. Kurzfristig bestimmen Chinas Nachfrage, der feste US-Dollar und die Zinserwartungen an die US-Notenbank Fed den Preis.
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Am Dienstag hat Gold im europäischen Handel kräftig zugelegt: New Yorker Futures stiegen zeitweise um 1,4 Prozent auf 4.071,90 USD je Feinunze. Vermittlungsversuche für eine Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran wirkten in zwei Richtungen: Die gebremste Ölrally verringerte die Inflations- und Zinssorgen und gab Gold damit Rückhalt. Zugleich dämpfte die Aussicht auf eine Entspannung des Konflikts die Nachfrage nach dem Edelmetall als sicherem Hafen. Chinas Nachfrage und die Käufe der Notenbanken überwogen zunächst, während höhere Renditen und ein fester US-Dollar den Anstieg begrenzten.
Chinas Käufer geben dem Goldpreis ein festes Fundament
Innerhalb Chinas ist die Nachfrage ungleich verteilt. Vor allem Käufe von Barren und Münzen sowie die Zentralbank stützen den Markt, während das Schmuckgeschäft schwächelt. Nach dem jüngsten Rückzug aus Goldfonds halten viele Finanzinvestoren inzwischen weniger Gold. Dadurch fällt das zusätzliche Verkaufspotenzial geringer aus.
Im Halbjahresbild blieb die Anlagekomponente dennoch stark. Chinesische Goldfonds verbuchten Zuflüsse von 40 Milliarden Renminbi, umgerechnet rund 5,6 Milliarden USD. Ihre Bestände stiegen seit Jahresbeginn um 29 auf 277 Tonnen. Im Juni flossen jedoch 15 Milliarden Renminbi oder rund 2,2 Milliarden USD ab – der höchste monatliche Abfluss seit Beginn der Erhebung. Der Rückschlag ändert nichts daran, dass die Fonds ihr zweitstärkstes erstes Halbjahr verzeichneten.
Auch die chinesische Zentralbank beschleunigte ihre Käufe. Im Juni nahm sie 15 Tonnen Gold auf, so viel wie seit Oktober 2023 nicht mehr, und erhöhte ihre offiziellen Bestände im 20. Monat in Folge auf 2.346 Tonnen. Gold stellt damit rund acht Prozent der chinesischen Währungsreserven dar. Im gesamten ersten Halbjahr kamen 40 Tonnen hinzu.
Die Breite des physischen Marktes bleibt dagegen begrenzt. Aus den Tresoren der chinesischen Edelmetallbörse Shanghai Gold Exchange wurden im ersten Halbjahr 598 Tonnen abgezogen – zwölf Prozent weniger als im Vorjahr und 27 Prozent weniger als im Zehnjahresmittel. Der chinesische Sockel unter dem Goldpreis beruht damit stärker auf Investoren und der Zentralbank als auf der Schmuckindustrie.
Kapitalströme zeigen ein zweigeteiltes Bild
Auch außerhalb Chinas liefert die Fondsnachfrage ein widersprüchliches Signal. Weltweit zogen Anleger im Juni 8,9 Milliarden USD aus physisch besicherten Goldfonds ab – Fonds, deren Anteile durch tatsächlich gelagertes Gold gedeckt sind. Die Bestände sanken um 74 auf 4.047 Tonnen. Über das gesamte erste Halbjahr blieb die Bilanz mit Zuflüssen von acht Milliarden USD und einem Bestandszuwachs von 18 Tonnen dennoch positiv.
Asien erzielte das stärkste erste Halbjahr seit Beginn der Aufzeichnungen, während Nordamerika als einzige große Region Abflüsse verzeichnete. Der Goldpreis wird damit weniger von einer weltweiten Kaufwelle getragen als von einer Verlagerung der Nachfrage nach Asien. Zugleich stiegen die gemeldeten Goldreserven der Notenbanken im Mai netto um 41 Tonnen. In einer Erhebung des Branchenverbands World Gold Council erwarten 89 Prozent der befragten Reserveverwalter weltweit wachsende Zentralbankbestände; 45 Prozent wollen die Reserven ihrer eigenen Institution ausbauen.
Die Fed setzt der Rally eine klare Zinsgrenze
Der wichtigste Gegenspieler sitzt in Washington. Die US-Notenbank Fed entscheidet am 29. Juli über ihren Leitzins. Der Markt rechnet zunächst mit unveränderten Zinsen. Am Dienstagmorgen wies der FedWatch-Indikator – ein aus US-Zinsfutures abgeleitetes Wahrscheinlichkeitsmodell – für die September-Sitzung jedoch eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 60 Prozent für eine Erhöhung aus. Im Juni beließ die Fed den Zielkorridor bei 3,50 bis 3,75 Prozent und bezeichnete die Inflation als erhöht. Für 2026 rechnen ihre Mitglieder im Mittel mit einer Teuerung von 3,6 Prozent nach dem bevorzugten Preisindex für private Konsumausgaben – deutlich mehr als das Ziel von zwei Prozent. Das hält die Möglichkeit weiterer Zinsschritte im Markt.
Diese Aussicht erklärt, weshalb die jüngste Goldbewegung trotz geopolitischer Spannungen begrenzt bleibt. Steigende Realrenditen verschärfen den Nachteil des zinslosen Edelmetalls. Hinzu kommt der feste USD, der Gold für Käufer außerhalb des Dollarraums verteuert. Vor diesem Hintergrund ordnete der dänische Onlinebroker Saxo Bank den Anstieg in einer Analyse zum frühen Dienstagshandel ein: Händler wägen den Inflationsdruck aus dem Nahen Osten gegen die Signale der Vermittler ab.
Die jüngsten US-Preisdaten geben keine klare Entwarnung. Der Verbraucherpreisindex sank im Juni zwar um 0,4 Prozent zum Vormonat, vor allem weil die Energiepreise um 5,7 Prozent einbrachen. Im Jahresvergleich lag die Teuerung jedoch bei 3,5 Prozent, die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel bei 2,6 Prozent. Für Gold ist das zweischneidig: Der monatliche Rückgang mindert den unmittelbaren Zinsdruck, die weiterhin erhöhte Jahresrate hält das Risiko einer straffen Fed jedoch lebendig.
Zugleich stiegen die Inflationserwartungen der US-Verbraucher. Laut Federal Reserve Bank of New York erhöhte sich der Wert für die kommenden zwölf Monate im Juni auf 3,7 Prozent und für den Dreijahreszeitraum auf 3,3 Prozent. Reagiert die Fed darauf mit länger hohen oder weiter steigenden Zinsen, kann das Renditen und US-Dollar stützen – und damit den Goldpreis belasten.
Als Schutz vor Börsenschocks bleibt Gold gefragt
Auch die Rolle von Gold als sicherem Hafen steht derzeit auf dem Prüfstand. Seine Schwankungen erreichten zuletzt ein ähnliches Ausmaß wie beim S&P 500. Zeitweise stieg und fiel das Edelmetall zudem parallel zu diesem Marktbarometer. Für einen klassischen Krisenschutz ist diese Nähe zum Aktienmarkt ein Warnsignal.
Das britische Analysehaus Capital Economics hält den Schutz dennoch für belastbar. Entscheidend bleibt aus Sicht der Strategen die enge Verbindung zu den Realrenditen. Trifft ein schwerer Konjunkturschock die Aktienmärkte und zwingt die Fed zu schnellen Zinssenkungen, dürfte Gold wieder deutlicher als Gegenpol wirken. Kurzfristig tragen Chinas Käufer den Preis; im Ernstfall übernimmt erneut die Geldpolitik.

