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SteuerdebatteFundstück: Erbe und Schenkung machen die Gesellschaft gerechter

Erbschaften und Schenkungen reduzieren den vielzitierten Gini-Koeffizienten so stark, wie es nur mit umfangreichen Änderungen im Steuer- und Transfersystem möglich wäre.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 4 min
Titelbild: Fabiocamandona2 / Bigstock

In Zeiten knapper Kassen werden die Forderungen nach einer Erhöhung der Erbschaftsteuer regelmäßig laut. Vor allem linksgerichtete Parteien sehen hier nicht nur das Potenzial für Mehreinnahmen, sondern argumentieren auch mit einer gerechteren Vermögensverteilung innerhalb der Gesellschaft, die ihrer Ansicht nach durch eine höhere Besteuerung eintreten könnte.

Eine medial weitreichend übersehene Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Jahr 2020 kommt zu einem anderen Schluss. Die klare Aussage des Studienautors Maximilian Stockhausen: Erbschaften und Schenkungen reduzieren die Vermögenskonzentration, anstatt zu ihr beizutragen.

Vermögenskonzentration sinkt durch Erbschaften

Der Studie zufolge "führen Erbschaften und Schenkungen entgegen der landläufigen Meinung grundsätzlich nicht zu einer Erhöhung der Vermögenskonzentration." Das Gegenteil ist Stockhausen zufolge der Fall: Erbschaften und Schenkungen reduzieren die Vermögenskonzentration.

Das liege vor allem daran, dass wenige Alte ihr Vermögen an mehrere Jüngere vererbten. Bei einzelnen älteren Personen konzentriere sich das Vermögen in der Familie, bevor es im Erbfall an die nächsten Generationen weitergegeben werde. "Verteilt sich der Nachlass am Ende auf mehrere Haushalte der Kinder und Enkelkinder, trägt er zu einer gleichmäßigeren Vermögensverteilung bei, insbesondere dann, wenn diese zuvor kein oder nur wenig Vermögen besaßen."

Anders gesagt: Auch innerhalb der Familie gibt es große Vermögensunterschiede, die durch Erbschaften verringert werden. Am Ende führt das Zusammenfallen zweier ungleichmäßiger Verteilungen dazu, dass die Gesamtverteilung gleichmäßiger ausfällt.

Ein wesentlicher Grund ist laut Studie, dass für die Verteilungswirkung zumeist nicht die absolute Höhe der Erbschaften zählt, die für wohlhabende Haushalte meist höher ausfällt, sondern ihr relatives Gewicht zu bereits vorhandenen Vermögenswerten. Dieses Gewicht ist für ärmere Haushalte in der Regel größer, sodass Erbschaften und Schenkungen zu einer Reduzierung der Nettovermögensungleichheit führen.

"Kann immer wieder nachgewiesen werden": Gini-Koeffizient sinkt

Stockhausen zieht den Gini-Koeffizienten zur Messung der Verteilung heran. Dieser misst die Ungleichverteilung von Vermögen oder Einkommen in einer Gesellschaft. Seine Skala reicht von 0 (absolute Gleichverteilung) bis 1 (maximale Ungleichheit, bei der eine Person alles besitzt). Dieser Gini-Koeffizient reduziert sich durch Erbschaften und Schenkungen in allen untersuchten Ländern um 0,02-0,04 Punkte. "Dieses Ergebnis überrascht zuweilen und kann dennoch für unterschiedliche Industriestaaten immer wieder nachgewiesen werden."

Die Veränderung erscheint nur geringfügig: "Eine Veränderung des Gini-Koeffizienten um 0,03 Punkte oder mehr gilt als eine gesellschaftlich relevante Veränderung, die nur mit umfangreichen Änderungen im Steuer- und Transfersystem eintreten würde", heißt es in der Studie.

Erbschaftsteuer steigt auch durch kalte Progression bei Freibeträgen

Im Jahr 2024 haben die Finanzverwaltungen in Deutschland Erbschaft- und Schenkungsteuer in Höhe von 13,3 Milliarden Euro festgesetzt – 12,3 % mehr als im Vorjahr und ein neuer Höchstwert.

In Deutschland gelten für die Erbschaftsteuer Freibeträge – etwa 500.000 EUR für Ehegatten und 400.000 EUR für Kinder. Je enger der Verwandtschaftsgrad, desto höher fallen die Freibeträge – die alle zehn Jahre zur Verfügung stehen – aus.

Allerdings gelten die aktuellen Werte bereits seit dem 01. Januar 2010, ohne dass der Gesetzgeber die Freibeträge zwischenzeitlich angepasst hätte. Real, d. h. inflationsbereinigt sind die verschonten Werte dadurch deutlich zurückgegangen.