Bild zum Artikel: Rückzug mit Hintertür: Microsoft zieht sich in China auf rentable Geschäfte zurück

Rückzug mit HintertürMicrosoft zieht sich in China auf rentable Geschäfte zurück

Geopolitik, Pekings Softwarepolitik und US-Exportkontrollen belasten Microsofts Geschäft. Profitabel bleibt vor allem die Technik für chinesische Firmen mit internationalen Aktivitäten. Dazu kommt der Zugang zu Ingenieuren und KI-Fachkräften in China.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 5 min
Titelbild: picture alliance / Hpic / Stringer

Der US-Technologiekonzern Microsoft US5949181045870747 fährt sein Geschäft in China deutlich zurück. In den vergangenen fünf Jahren schloss der Konzern mindestens 15 Niederlassungen und Gemeinschaftsunternehmen. Die Nachrichtenagentur Reuters beschreibt den Kurs unter Berufung auf fünf Unternehmensquellen als strategischen Rückzug. Microsoft erwog 2023 sogar einen vollständigen Ausstieg, verfolgt derzeit jedoch keine entsprechenden Pläne.

Für Microsoft ist der wirtschaftliche Einsatz in China begrenzt. Das Land stand 2024 nach Unternehmensangaben für lediglich 1,5 % der weltweiten Erlöse. Im Geschäftsjahr 2026 setzte Microsoft insgesamt 331,8 Mrd. USD um. Azure, Microsofts Cloudplattform, überschritt dabei erstmals die Marke von 100 Mrd. USD Jahresumsatz.

Pekings Beschaffungspolitik drängt Windows zurück

Seit 2017 fördert Peking heimische Software, die aus Sicht der Regierung sicherer und konkurrenzfähiger geworden ist. Amerikanische Exportkontrollen erschweren parallel den Ausbau von Microsofts besonders lukrativen KI- und Cloud-Diensten in China.

Microsoft setzte lange auf enge Beziehungen zum chinesischen Staat. Der Konzern entwickelte sogar eine spezielle Windows-Version für Behörden. Die"Windows 10 China Government Edition" fand bei mehreren Behörden Abnehmer, blieb jedoch hinter Microsofts Erwartungen zurück. Seit 2017 gelten zudem Beschaffungsregeln für staatliche Stellen, die auf als sicher und zuverlässig eingestufte Technik zielen.

Bei zentralen Computerbeschaffungen im Juli 2026 veröffentlichten die Behörden die Preise der erfolgreichen Rechnerangebote jeweils mit dem angebotenen Betriebssystem. Für zahlreiche Konfigurationen waren Varianten mit chinesischen Systemen wie Kylin, UnionTech UOS und Zhongke Fangde bepreist. Bei der Windows 10 China Government Edition stand dagegen lediglich ein Schrägstrich. Das spricht dafür, dass die jeweiligen Anbieter diese Rechner in dem Verfahren nicht als Windows-Variante vorgesehen hatten. Einen Grund dafür nennt die Vergabebekanntmachung allerdings nicht.

Zu Pekings Beschaffungsregeln kommen US-Exportkontrollen für fortgeschrittene Halbleiter. Die US-Regierung hat den Zugang zu bestimmten leistungsfähigen KI-Chips teilweise neu geregelt. Die US-Exportkontrollbehörde wechselte im Januar 2026 für bestimmte Chipklassen zu Einzelfallprüfungen für genehmigte chinesische Kunden. Die Genehmigungen bleiben an Sicherheitsauflagen gebunden. Damit bleibt der Zugang reguliert, obwohl für diese Chipklassen kein pauschales Lieferverbot gilt.

Das Auslandsgeschäft hält Microsoft in China

Microsoft bleibt vor allem wegen eines profitablen Geschäfts mit chinesischen Unternehmen, die im Ausland westliche Technik benötigen. Dazu zählen der chinesische Technologiekonzern ByteDance, Mutterkonzern von TikTok, und der Modehändler Shein. Über Azure können solche Kunden Daten für internationale Märkte verwalten und ausländische Vorgaben erfüllen. Microsoft bietet chinesischen Unternehmenskunden außerdem Zugang zu westlichen KI-Modellen des US-KI-Unternehmens OpenAI.

Bis Mitte der 2020er-Jahre wurde dieses Auslandsgeschäft zur größten China-bezogenen Sparte Microsofts. Gemessen am weltweiten Konzernumsatz bleiben die Erlöse laut Unternehmensquellen dennoch klein. Das Modell bleibt zudem angreifbar, weil chinesische Anbieter eigene KI-Systeme zu niedrigeren Kosten entwickeln. Kunden benötigen Azure weniger, wenn sie für ihre Auslandsgeschäfte auf heimische Modelle zurückgreifen können.

Chinas Ingenieure bleiben ein Anker für Microsoft

Ein zweiter Grund für Microsofts Verbleib in China ist der Zugang zu einheimischen Ingenieuren. Der Konzern prägte den Aufbau der dortigen Technologieszene seit den 1990er-Jahren wesentlich mit. Sein Forschungslabor in China entwickelte sich zu einem wichtigen Reservoir für KI-Fachkräfte.

Die politischen Spannungen erschweren die Arbeit dieser Forschungseinheit. US-Exportkontrollen begrenzen den Zugang chinesischer Microsoft-Ingenieure zu Spitzenchips und fortgeschrittenen KI-Modellen. Microsoft erwog deshalb die Schließung des Labors, entschied sich letztlich jedoch für die Verlagerung ausgewählter Spitzenkräfte. Die Forschungseinheit eröffnete seit Beginn der Beschränkungen zusätzliche Labore in Vancouver, Singapur und Tokio.

Der Konzern kämpft jedoch darum, Entwickler zum Wegzug zu bewegen. 2024 bot Microsoft rund 1.000 Spitzeningenieuren einen Wechsel in die USA und drei weitere westliche Länder an. Nur etwa ein Drittel nahm das Angebot nach Angaben aus Unternehmensquellen an. Viele erfahrene Entwickler wechselten stattdessen zu chinesischen Universitäten und Technologieunternehmen.

Microsoft betont weiterhin sein Bekenntnis zum chinesischen Markt. Ein Sprecher verweist auf Regeln, die für alle internationalen Anbieter gelten. Das China-Geschäft wird damit kleiner, politisch heikler und stärker auf chinesische Unternehmen mit globalen Ambitionen zugeschnitten.