
Knappheit im Tank: Globale Ölvorräte schrumpfen auf kritisches Niveau
Neue Lieferausfälle könnten den Ölmarkt künftig deutlich härter treffen. Chevron-Chef Mike Wirth rechnet deshalb mit einem höheren Preisboden. Branchenvertreter warnen zudem, dass der Wiederaufbau ausreichender Sicherheitsbestände mehrere Jahre dauern dürfte.
Lesezeit 6 min
Der globale Ölmarkt verliert einen wesentlichen Sicherheitspuffer. Ein großer Teil der kommerziellen Lagerbestände ist praktisch nicht verfügbar. Nach Messungen der Internationalen Energieagentur (IEA), einer zwischenstaatlichen Energieorganisation mit 32 Mitgliedsländern, sanken die weltweit erfassten Ölbestände seit Ende Februar bereits um 507 Mio. Barrel. Damit können neue Lieferausfälle schneller auf Preise und Versorgung durchschlagen.
Große Reserven nur begrenzt verfügbar
Der saudische Ölkonzern Aramco ISIN SA14TG012N13 WKN A2PVHD beziffert die verbliebenen kommerziellen Bestände auf weniger als sechs Milliarden Barrel. Konzernchef Amin Nasser zufolge sind davon höchstens zehn Prozent tatsächlich kurzfristig verfügbar. Seit Beginn der Nahostkrise Ende Februar wurden nach seinen Angaben mehr als eine Milliarde Barrel aus kommerziellen Lagern mobilisiert. Auch der Krieg in der Ukraine erhöht weiterhin den Druck auf ein Versorgungssystem, das über Jahre von großen Beständen profitieren konnte. Nassers Angaben beziehen sich dabei auf kommerzielle Bestände.
Die globale Statistik der IEA ist breiter abgegrenzt und schließt neben landseitigen Beständen auch Öl auf See ein. Öl in Pipelines oder Restmengen am Boden von Lagertanks stehen dem Markt im Ernstfall nicht beliebig zur Verfügung. Politische Vorgaben begrenzen den Zugriff zusätzlich. IEA-Mitgliedsländer mit Nettoimporten müssen grundsätzlich Bestände im Umfang von mindestens 90 Tagen ihrer Nettoimporte vorhalten. Ein Teil der Vorräte ist dadurch gebunden und steht nicht uneingeschränkt als zusätzliches Handelsvolumen bereit.
Besonders sichtbar ist der geschrumpfte Puffer in den Vereinigten Staaten. Die strategische US-Rohölreserve liegt auf dem niedrigsten Stand seit Oktober 1982. Für die Woche bis zum 25. September weist die EIA rund 283,8 Mio. Barrel aus. Das entspricht knapp 40 % der vom Energieministerium angegebenen Speicherkapazität von 714 Mio. Barrel.
Reservefreigabe zielt jetzt vor allem auf Diesel
Die IEA koordiniert weiterhin die im März beschlossene Rekordfreigabe von Notfallbeständen und erklärte am 7. Oktober, dass rund 325 Mio. Barrel dieser Aktion bereits freigegeben wurden. Einige Länder haben dabei bereits mehr als ursprünglich zugesagt freigegeben. Die noch ausstehenden Zusagen würden ungefähr weitere 100 Mio. Barrel an den Markt bringen. Diese rund 100 Mio. Barrel stammen damit aus den noch offenen Zusagen der März-Aktion. Die Mitgliedstaaten wollen diese Mengen nun schneller verfügbar machen. Zugleich soll Diesel wegen der besonders angespannten Produktmärkte soweit möglich bevorzugt freigegeben werden.
Trotz der bisherigen Entnahmen halten die IEA-Mitgliedstaaten noch rund 1,1 Mrd. Barrel öffentlich verwaltete Notfallbestände. Darunter befinden sich mehr als 200 Mio. Barrel Diesel. Bei Diesel hängt die Wirkung von zusätzlichem Rohöl auch von verfügbaren Raffineriekapazitäten ab. Im August lagen die globalen Raffineriedurchsätze 4,2 Mio. Barrel täglich unter dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig waren die Diesel- und Gasölexporte aus Golfstaaten und Russland 1,6 Mio. Barrel täglich niedriger als im Februar. Vor dem Krieg entfielen auf diese beiden Regionen fast 45 % des weltweiten seewärtigen Handels mit Diesel und Gasöl. Fällt dort Verarbeitung oder Export aus, kann zusätzliches Rohöl nur helfen, wenn anderswo freie Raffineriekapazitäten verfügbar sind.
Die schrumpfenden Puffer verändern auch die Preisbildung. Nach Einschätzung des US-Energiekonzerns Chevron ISIN US1667641005 WKN 852552 liegt der Preisboden am Ölmarkt wegen der geschrumpften Reserven höher. Konzernchef Mike Wirth verweist auf die deutlich geringere Fähigkeit des Systems, weitere Ausfälle abzufedern.
Winter verschärft den Druck auf Öl und Gas
Für das Gleichgewicht im Winter bleiben die laufenden Exporte aus dem Nahen Osten besonders wichtig. Der internationale Rohstoffhändler Vitol hält diese Lieferungen für zentral. Im Westen gebe es kaum noch zusätzliche Vorräte, die sich bei Engpässen kurzfristig mobilisieren ließen.
Zugleich steigt das Interesse an neuen Lagerkapazitäten. Der Staatskonzern Kuwait Petroleum Corporation will die heimischen Speicher sowie Bestände an ausländischen Raffineriestandorten ausbauen. Versorgungssicherheit wird so wieder zu einem strategischen Faktor für Produzenten, Händler und Regierungen.
Gasmarkt bleibt vor dem Winter angespannt
Der Erdgasmarkt steht ebenfalls unter Druck. Der malaysische Energiekonzern Petronas warnt vor erheblichen Verwerfungen im ersten Quartal 2027, falls die Speicherstände in einem strengen Winter auf Mindeststände sinken. Die Gasspeicher in der EU waren am vergangenen Dienstag zu 72,83 % gefüllt. In Deutschland lag der Füllstand bei lediglich 59,23 %.
Auch beim Gas spielt der Nahe Osten eine zentrale Rolle. Vor der Krise liefen fast 20 % des weltweiten LNG-Angebots durch die Straße von Hormus. Störungen und Blockaden dieser Route treffen deshalb gleichzeitig Öl-, Produkt- und Gasmärkte. Für den Energiemarkt entsteht folglich doppelter Druck. Neue Störungen treffen auf schwächere Reserven, während Raffinerien und Transportwege ebenfalls an Grenzen stoßen. Der Wiederaufbau der Bestände dürfte Jahre dauern und erzeugt seinerseits zusätzliche Nachfrage.
Je länger dieser Prozess anhält, desto kleiner bleibt der Spielraum für neue politische oder militärische Schocks. Der Markt verliert damit einen Teil seiner Fähigkeit, Krisen ohne kräftige Preisreaktionen zu absorbieren.

