Bild zum Artikel: KI-Schere am Tech-Markt: Halbleiter-Rallye: Hardware zieht davon, Software unter Druck

KI-Schere am Tech-MarktHalbleiter-Rallye: Hardware zieht davon, Software unter Druck

Der KI-Boom treibt Halbleiterwerte auf neue Höhen. Softwareaktien geraten dagegen unter Verkaufsdruck, weil Anleger in vielen Geschäftsmodellen eher ein Substitutionsrisiko als ein Profit-Potenzial sehen.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 4 min
Titelbild: picture alliance / Zoonar / Ian Iankovskii

Die Künstliche Intelligenz (KI) treibt an der Börse zwei eng verwandte Branchen immer weiter auseinander. Während Halbleiterwerte steigen, da sie die notwendige Rechenkapazität liefern, geraten Softwareaktien unter Druck. Anleger fürchten, dass KI bestehende Produkte entwertet oder die Margen schmälert. Die jüngste Berichtssaison untermauert diese Entwicklung.

Die ETF-Struktur erklärt einen Teil der Divergenz

Der VanEck Semiconductor ETF (ISIN: US92189F6768, WKN: A2AHNW) des US-Vermögensverwalters VanEck bildet laut Anbieter einen MarketVector-Halbleiterindex ab und zielt auf die liquidesten in den USA notierten Halbleiterunternehmen ab. Der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (ISIN: US4642875151, WKN: A0B6MN) der US-Investmentgesellschaft BlackRock verfolgt dagegen einen Index mit nordamerikanischen Softwarewerten sowie ausgewählten Titeln aus den Bereichen interaktive Medien und Dienste. Schon die Konstruktion macht deutlich, warum beide Produkte unterschiedlich auf den KI-Hype reagieren.

Das US-Wirtschaftsmagazin Barron's verweist darauf, dass der Halbleiter-ETF seit Jahresbeginn um 57 % zugelegt hat, während der Software-ETF 14 % verloren hat. Auf Sicht von zwölf Monaten fällt die Differenz noch drastischer aus. Dabei geht es nicht nur um zwei Fonds, sondern um zwei gegensätzliche Investment-Thesen: Hardware profitiert unmittelbar, während Software den Beweis für eine erfolgreiche KI-Monetarisierung noch schuldig ist.

Bei Chips stützen fundamentale Daten die Rally

Dass Anleger Halbleiterwerte bevorzugen, ist begründet. Der US-Chiphersteller Nvidia (ISIN: US67066G1040, WKN: 918422) meldete für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026 einen Umsatz von 68,1 Mrd. USD - ein Plus von 73 % zum Vorjahr. Im Gesamtjahr erreichte der Konzern 215,9 Mrd. USD Umsatz (+65 %). Das verdeutlicht, wie direkt das Unternehmen vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitiert.

Auch Advanced Micro Devices (ISIN: US0079031078, WKN: 863186), ebenfalls ein US-Halbleiterkonzern, bestätigt diesen Trend. Das Unternehmen steigerte den Umsatz im Datacenter-Geschäft im ersten Quartal 2026 auf 5,8 Mrd. USD (+57 % zum Vorjahr). Genau dort liegt derzeit der Fokus des Marktes, da Serverprozessoren und Beschleuniger als Herzstück neuer KI-Rechenzentren gelten.

Software bleibt an der Börse unter besonderem Verdacht

Bei Software ist das Narrativ komplexer. Viele Investoren fragen nicht mehr primär nach dem Wachstum, sondern nach der Disruptionsanfälligkeit eines Produkts durch generative KI. HubSpot (ISIN: US4435731009, WKN: A12CWQ), ein US-Anbieter von Marketing-Software, wurde nach der Zahlenvorlage trotz solider Ergebnisse abgestraft, weil der Ausblick lediglich den Erwartungen entsprach. Barron's nennt einen Kurssturz von 19 % als prägnantes Beispiel für diese neue Nervosität.

Ganz so eindeutig ist das Bild jedoch nicht. Der US-Softwarekonzern Adobe (ISIN: US00724F1012, WKN: 871981) meldete im ersten Quartal 2026 Rekordwerte. Das Unternehmen betonte, dass der KI-basierte wiederkehrende Umsatz (Annualized Recurring Revenue) sich im Jahresvergleich mehr als verdreifacht habe. Das zeigt: Der Markt straft Software nicht pauschal ab, sondern differenziert zwischen Unternehmen mit funktionierender KI-Monetarisierung und solchen, deren Geschäftsmodell unter Druck gerät.

Der Markt vertraut vorerst den Schaufelverkäufern

Dies ist der Kern der aktuellen Marktsituation. Solange der KI-Ausbau primär über Rechenzentren und Hardware läuft, profitieren die Zulieferer unmittelbarer als die Anwendungsanbieter. Für die Softwarebranche bleibt die Herausforderung bestehen: Sie muss beweisen, dass KI dauerhaft neue Erlösströme schafft, statt nur bestehende Funktionen zu ersetzen. Vorerst setzt der Markt klar auf die "Schaufelverkäufer" des KI-Goldrauschs.