
Strom als KI-Nadelöhr: Investitionsumfeld für KI-Rechenzentren bleibt für Unternehmen attraktiv
Trotz wachsender Skepsis über das Ausmaß der KI-Ausgaben bleibt das Umfeld für Neuinvestitionen günstig. Als kritische Faktoren gelten vor allem die Energieversorgung und ein mögliches Anziehen der Zinsen.
Lesezeit 5 min
Der KI-Investitionsboom in den USA hält an, obwohl die Volumina längst historische Ausmaße erreicht haben. Nach Einschätzung von Will Denyer vom unabhängigen Analysehaus Gavekal Research gibt es derzeit keinen finanziellen Impuls, der den Zyklus abrupt beenden würde. Entscheidend ist, dass die erwartete Kapitalrendite weiterhin über den durchschnittlichen Finanzierungskosten liegt, wie der US-Finanzdienstleister Morningstar unter Bezugnahme auf die Analyse berichtet.
Eine solche Differenz wird in der Finanzanalyse als "Wicksellian Spread" bezeichnet. Solange diese Spanne positiv ist und deutlich über dem langjährigen Durchschnitt liegt, bleibt der zusätzliche Kapitaleinsatz lohnend. Laut Denyer liegt der Abstand derzeit noch rund 70 Basispunkte über dem Median der vergangenen 20 Jahre. Dies deutet darauf hin, dass die Investitionen in Rechenzentren, Halbleiter und Netzinfrastruktur vorerst stabil bleiben.
Solange die Rendite über den Kapitalkosten liegt, hält der Ausbau an
Besonders deutlich wird dies bei den Investitionen in IT-Hardware und Peripheriegeräte, zu denen auch viele Komponenten für KI-Rechenzentren zählen. Laut Gavekal Research hat dieser Bereich der US-Investitionen ein Niveau erreicht, das zuletzt während der Dotcom-Blase zwischen 1998 und 2000 zu beobachten war. Der Unterschied zu damals liegt weniger im Tempo als vielmehr in der Struktur der Lieferketten.
Ein Großteil der Hardware wird nicht in den USA produziert. Grafikprozessoren, Speicherchips und Stromversorgungstechnik sind vielfach Importware. Damit verlagert sich ein erheblicher Teil der direkten wirtschaftlichen Effekte ins Ausland. Denyer argumentiert daher, dass der unmittelbare Beitrag zum US-Bruttoinlandsprodukt geringer ausfällt, als es die Dynamik des Investitionszyklus zunächst vermuten lässt.
Der Boom speist vor allem asiatische Lieferketten
Zu den klaren Profiteuren zählen laut Morningstar vor allem asiatische Technologiekonzerne wie SoftBank (ISIN: JP3436100006, WKN: 891624), Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) in Form von ADRs (ISIN: US8740391003, WKN: 909800), SK Hynix (ISIN: KR7000660001, WKN: 923086) sowie Samsung Electronics (ISIN: KR7005930003, WKN: 881823). Sie liefern die zentralen Bausteine für die KI-Infrastruktur - von Hochleistungschips bis hin zu Speicherlösungen.
Dennoch profitiert auch die US-Wirtschaft indirekt von diesem Boom. Denyer verweist auf Sekundäreffekte wie steigende Aktienkurse, potenzielle Produktivitätsgewinne und Impulse für den Energiesektor. Auch der Technologiekonzern Meta (ISIN: US30303M1027, WKN: A1JWVX) verdeutlicht die Dimensionen der Investitionsdebatte: Laut einer weiteren Gavekal-Analyse könnten die erwarteten KI-Ausgaben bis 2027 die Marke von einer Billion US-Dollar erreichen.
Energie und Zinsen als zentrale Risikofaktoren
Die maßgeblichen Risiken liegen laut Gavekal Research derzeit an anderer Stelle. Problematisch wäre ein Rückgang des Wicksellian Spread - etwa wenn dauerhaft hohe Ölpreise über eine steigende Inflation zu höheren Zinsen führen. Morningstar verweist zudem auf die Sorge, dass geopolitische Spannungen rund um die Straße von Hormus die Energiepreise zusätzlich verteuern könnten.
Noch unmittelbarer ist der Engpass bei der Stromversorgung. Die U.S. Energy Information Administration, eine US-Behörde für Energiestatistik erwartet, dass das Angebot den steigenden Bedarf zeitweise nicht vollständig decken kann. Für Denyer ist dies ein gewichtiges Argument für Investitionen in Stromnetze, Erdgas sowie in Solar- und Windkraft. Der KI-Boom wandelt sich damit von einem reinen Technologiethema hin zu einem umfassenden Infrastruktur- und Energieprojekt.
Eine ergänzende Analyse von Tan Kai Xian bei Gavekal Research zeigt zudem, warum die Finanzierungskapazitäten bislang nicht erschöpft sind. Demnach liegen 7,6 Billionen US-Dollar in Geldmarktfonds bereit, die bei entsprechenden Rahmenbedingungen umgeschichtet werden könnten. Hinzu kommt durch die Deregulierung im Bankensektor ein potenzieller Kreditspielraum von bis zu 2,6 Billionen US-Dollar. Solange dieses Kapital verfügbar bleibt, dürfte der Expansionszyklus der KI-Branche weiter anhalten.