
KI-Rotation am Tech-Markt: KI-Euphorie verschiebt Gewichte zwischen Europa und China
Globale Investoren ordnen ihre Depots neu. Während in Europa vor allem Zulieferer sowie Netzwerktechniker profitieren, verlieren Chinas Internet-Giganten den Anschluss an spezialisierte KI-Werte.
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Die KI-Hausse erfasst den gesamten Technologiesektor, erzwingt jedoch eine scharfe Selektion. Das Kapital sucht gezielt Unternehmen für Rechenleistung, Halbleiter sowie die nötige Netzinfrastruktur. Klassische Plattformen sowie digitale Ökosysteme bleiben dagegen zurück. Diese Rotation prägt die Märkte in Europa sowie in China gleichermaßen.
Auf dem europäischen Parkett wirkt die Neuordnung wie ein Brennglas. Da nur wenige Firmen als direkte Profiteure gelten, reagieren deren Kurse bei Kaufinteresse extrem. Chinas Markt zeigt ein komplexeres Bild einer internen Machtverschiebung. Dort weicht die Dominanz der Plattform-Riesen der Stärke spezialisierter Chip- sowie Modell-Entwickler.
Kapital konzentriert sich auf Einzelwerte
Anleger in Europa stürzen sich auf eine Handvoll Titel. Die britische Wirtschaftszeitung Financial Times identifiziert den Halbleiterhersteller STMicroelectronics (ISIN: NL0000226223, WKN: 893438), den Anlagenbauer Aixtron (ISIN: DE000A0WMPJ6, WKN: A0WMPJ), den Chip-Ausrüster BE Semiconductor (ISIN: NL0012866412, WKN: A2JLD1) sowie den Netzwerkausrüster Nokia (ISIN: FI0009000681, WKN: 870737) als Favoriten. Deren Performance beeindruckt: Während STMicroelectronics seinen Wert dieses Jahr verdoppelte, kletterte Aixtron um 168 Prozent nach oben. BE Semiconductor verbuchte ein Plus von 87 Prozent, Nokia legte um fast 100 Prozent zu.
Die Kluft zum breiten Markt bleibt beispiellos. Während der Halbleiter-Index Stoxx Europe Total Market Semiconductors um 74 Prozent emporstürmte, verbuchte der Stoxx Europe 600 lediglich zwei Prozent Kursgewinn. Der Mangel an liquiden Alternativen befeuert die Bewertungen zusätzlich. Emmanuel Cau, Chefstratege der britischen Großbank Barclays, vergleicht die Lage mit einem Goldrausch.
Nachfrage erfasst auch Energie und Netze
Gefragt sind zudem die Enabler der physischen Infrastruktur jenseits reiner Chips. Der italienische Kabelhersteller Prysmian (ISIN: IT0004176001, WKN: A0MP84) verteuerte sich um 71 Prozent, der deutsche Energiekonzern Siemens Energy (ISIN: DE000ENER6Y0, WKN: ENER6Y) um 43 Prozent. Moderne Rechenzentren verschlingen Unmengen an Strom sowie Kühlleistung, was die Nachfrage nach Spezialtechnik treibt.
Europas Börsen lösen sich von der alten Dominanz klassischer Qualitätswerte. Investoren setzen laut Financial Times verstärkt auf strategische Autonomie sowie industrielle Lieferketten. Trotz der Kursgewinne mahnen Experten der französischen Großbank Société Générale zur Vorsicht wegen teils überreizter Bewertungen.
Plattformriesen geraten unter Druck
In China verläuft der Riss noch tiefer. Während der CSI Artificial Intelligence Index um 28 Prozent emporstürmte, sackte der Hang Seng Tech Index um acht Prozent ab. Einstige nationale Champions verlieren ihren Glanz. Die Gewichte am Markt verschieben sich unwiderruflich.
Der chinesische E-Commerce-Gigant Alibaba (ISIN: KYG017191142, WKN: A2PVFU) büßte 6,7 Prozent ein. Der Internet-Konzern Tencent (ISIN: KYG875721634, WKN: A1138D) brach gar um 23,7 Prozent ein. Der Markt stuft sie nicht mehr als natürliche KI-Profiteure ein. Hohe Investitionslasten drücken bei Tencent die Margen, während Alibaba im Kerngeschäft unter Preisdruck leidet.
Das Interesse gilt stattdessen den Unternehmen im KI-Kern. Laut Joanna Yang vom südafrikanisch-britischen Vermögensverwalter Ninety One verdrängen spezialisierte Werte die alten Internet-Plattformen. Investoren bezweifeln die künftige technologische Vormachtstellung der Altstars. Ohne den Status als KI-Pioniere droht Tencent sowie Alibaba der dauerhafte Relevanzverlust an der Börse.
Infrastrukturnähe wird zum Bewertungsfaktor
In Chinas zweiter Reihe florieren die Spezialisten der Lieferkette. Der Chip-Entwickler Cambricon schoss um 183 Prozent hoch, während Zhongji Innolight, ein Hersteller von Sende-Modulen, astronomische 944 Prozent gewann. Der chinesische Halbleiterproduzent SMIC (ISIN: KYG8020E1199, WKN: A2N5JD) legte um 67 Prozent zu. Auch KI-Start-ups wie Zhipu verzeichneten kräftige Zuwächse.
Zwei Treiber bestimmen die Lage in Fernost. Neben der globalen Nachfrage forciert Peking die technologische Autarkie. Kapital fließt nicht mehr dorthin, wo die meisten Nutzer sind, sondern dorthin, wo Chips sowie Modelle entstehen.
Am Ende folgen beide Märkte derselben Logik. Europas Titelauswahl ist eng, was die Kurse weniger Spezialisten massiv aufbläht. In China entmachtet die KI-Welle die alten Plattformen zugunsten der Hardware-Basis. In beiden Märkten gilt: Wer die Technologie physisch ermöglicht, gewinnt den Kampf um die höchste Bewertung.