
KI-Deal der Superlative: Marvell plant milliardenschweren Kauf von Lumentum
KI-Rechenzentren brauchen immer schnellere Datenverbindungen. Der Chipkonzern Marvell will mit dem Laserspezialisten Lumentum zu einem führenden Anbieter optischer Netzwerktechnik werden. Der hohe Kaufpreis setzt anhaltende KI-Investitionen voraus. Anleger sind skeptisch.
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Der US-Halbleiterkonzern Marvell ISIN US5738741041 WKN A3CNLD will Lumentum ISIN US55024U1097 WKN A14WK0 übernehmen, einen Spezialanbieter für optische Netzwerktechnik. Das am vergangenen Montag angekündigte Geschäft bewertet Lumentum einschließlich Schulden mit rund 115 Mrd. USD. Mit dem Zusammenschluss will Marvell seine Stellung bei der Vernetzung von KI-Rechenzentren stärken. An der Börse gerieten allerdings beide Aktien deutlich unter Druck.
Kaufpreis überragt Marvells bisherige Maßstäbe
Je höher die Bewertung, desto mehr künftige Erträge muss ein Zukauf erwirtschaften, um seinen Preis zu rechtfertigen. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters entspricht der Kaufpreis etwa dem 33-Fachen des für die nächsten zwölf Monate erwarteten operativen Kernergebnisses. Bei vergleichbaren Unternehmen liegt der mittlere Wert dagegen bei ungefähr dem 16-Fachen.
Für jede Lumentum-Aktie bietet Marvell 4,5 eigene Aktien. Auf Basis der unbeeinflussten Kurse vom 28. Oktober ergibt sich daraus ein rechnerischer Gegenwert von 1.132 USD je Anteilsschein. Das entspricht einem Aufschlag von 23,9 % und einem Eigenkapitalwert von ungefähr 102,5 Mrd. USD. Da kein fester Barbetrag vereinbart ist, schwankt der tatsächliche Wert des Angebots mit Marvells Aktienkurs.
Am Tag der Bekanntgabe verlor die Marvell-Aktie mehr als zehn Prozent, Lumentum gab sogar über 15 % nach. Auch gemessen an früheren Übernahmen erreicht das Vorhaben eine neue Größenordnung. Marvells bislang größte Akquisition war der Kauf des Chipunternehmens Inphi für rund zehn Milliarden USD im Jahr 2021. Der aktuelle Unternehmenswert des Übernahmeziels liegt also mehr als zehnmal so hoch.
Einen Teil des hohen Kaufpreises will Marvell durch jährliche Kosteneinsparungen von mehr als einer Milliarde USD rechtfertigen. Vor allem geringere Herstellungskosten sollen dazu beitragen. Bereits im ersten Jahr nach dem Vollzug erwartet Marvell außerdem einen höheren bereinigten Gewinn je Aktie. Für die erhofften Einsparungen und Gewinnzuwächse muss die Zusammenführung beider Geschäfte gelingen.
Nach dem geplanten Abschluss sollen die bisherigen Lumentum-Aktionäre rund 33 % des gemeinsamen Unternehmens halten. Die übrigen 67 % entfielen auf die Marvell-Anteilseigner. Matt Murphy soll den Konzern weiterhin als Vorstandschef und Verwaltungsratsvorsitzender führen.
Optische Verbindungen sollen Datenengpässe verringern
Mit der zunehmenden Größe moderner KI-Systeme wachsen die technischen Anforderungen an ihre Vernetzung. Tausende Prozessoren müssen Daten nahezu ohne Verzögerung austauschen. Bei steigenden Datenmengen und größeren Entfernungen stoßen herkömmliche elektrische Kupferverbindungen an ihre Grenzen. Glasfaserverbindungen ermöglichen dagegen hohe Übertragungsraten und helfen, Energieverluste zu begrenzen.
Lumentum liefert dafür unter anderem Laser und optische Übertragungsmodule. Marvell entwickelt kundenspezifische Chips und elektronische Netzwerktechnik. In neuen Rechenzentrumsarchitekturen sollen optische Bauteile näher an Prozessoren und Netzwerkchips rücken. Dadurch lassen sich elektrische Signalwege verkürzen, die bei extrem hohen Datenraten zum Engpass werden. Die gemeinsame Entwicklung elektronischer und optischer Komponenten wird entsprechend wichtiger. Hält die Datenübertragung nicht Schritt, können selbst teure KI-Prozessoren ihre Leistung nicht vollständig ausschöpfen.
In eigenen Anlagen produziert Lumentum Laser, die auf dem Halbleitermaterial Indiumphosphid basieren. Die Herstellung erfordert spezielle Verfahren und hohe Investitionen. Mit der Übernahme würde Marvell Zugriff auf diese spezialisierten Fertigungskapazitäten erhalten und will zugleich seine Versorgungssicherheit verbessern.
Seine Aktivitäten in der optischen Netzwerktechnik hat Marvell bereits ausgebaut. Im Februar 2026 schloss das Unternehmen die Übernahme des Optikentwicklers Celestial AI für rund 3,5 Mrd. USD ab. Der geplante Kauf von Lumentum würde dieses Geschäft erheblich vergrößern. Murphy betrachtet den Übergang zu optischer Vernetzung als grundlegenden Wandel der KI-Infrastruktur.
Wie stark die Nachfrage bereits wächst, lässt sich an Lumentums jüngsten Geschäftszahlen ablesen. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027, das Ende September 2026 abgeschlossen wurde, stieg der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 136,5 % auf 1,26 Mrd. USD. Zudem meldete das Unternehmen einen weiteren Großauftrag für eng integrierte optische Lösungen mit Abnahmezusagen von mehr als fünf Milliarden USD. Aus diesen Zusagen können erst mit künftigen Lieferungen entsprechende Umsätze entstehen.
Großkunden und Beteiligungen verändern den Wettbewerb
Auch Nvidia ISIN US67066G1040 WKN 918422 hat ein finanzielles Interesse an dem Zusammenschluss. Nach Reuters-Angaben investierte der Konzern 2026 jeweils zwei Milliarden USD in Marvell und Lumentum. Eine engere Abstimmung der beiden Zulieferer könnte Nvidia die Entwicklung neuer KI-Systeme erleichtern. Auch Marvell-Chef Murphy erwartet Vorteile für den wichtigen Kunden.
Zugleich will Marvell den Abstand zum US-Halbleiterkonzern Broadcom ISIN US11135F1012 WKN A2JG9Z verringern. Der Wettbewerber liefert seit Jahren kundenspezifische Chips an Google, die Internet- und KI-Tochter des Technologiekonzerns Alphabet ISIN US02079K3059 WKN A14Y6F. Marvell schloss im August 2026 ebenfalls eine langfristige Liefervereinbarung für Halbleiter mit Google.
Das Geschäft könnte bis zum Geschäftsjahr 2033 Umsätze von insgesamt bis zu 120 Mrd. USD ermöglichen. Außerdem erhielt Google das Recht, eine Beteiligung an Marvell im Wert von 12,2 Mrd. USD zu erwerben. Die Einnahmen aus den Lieferungen muss Marvell erst noch erwirtschaften, während Google über den Aktienkauf selbst entscheiden kann. Für große Rechenzentrumskunden kann die Breite des technischen Angebots bei der Vergabe weiterer Aufträge ausschlaggebend sein.
Wachstumspläne setzen einen langen KI-Boom voraus
Die Erwartungen an den Markt reichen weit über den angekündigten Zusammenschluss hinaus. Bereits beim Investorentag am 6. Oktober 2026, also vor der Übernahmeankündigung, stellte Marvell für sein bisheriges Geschäft im Geschäftsjahr 2031 einen Umsatz von 70 bis 90 Mrd. USD in Aussicht. Bei Erreichen des mittleren Prognosewerts sollen rund 37,5 Mrd. USD auf Verbindungstechnik zwischen Recheneinheiten entfallen.
Für diesen Teilmarkt erwartet Marvell bis 2030 ein jährliches Wachstum von etwa 65 % auf rund 65 Mrd. USD. Die Prognose beschreibt erhebliche Marktchancen, entsprechende Einnahmen sind damit allerdings noch nicht gesichert.
Auf das Gesamtjahr hochgerechnet ergeben die Prognosen beider Unternehmen für die jeweils nächsten Quartale einen möglichen gemeinsamen Umsatz von mehr als 21 Mrd. USD.
Die Erwartungen setzen voraus, dass große Technologiekonzerne ihre Rechenzentren weiterhin in hohem Tempo ausbauen. Doch die hohen Ausgaben belasten bereits die Mittelzuflüsse und Bilanzen wichtiger Abnehmer. Beim US-Online- und Cloudkonzern Amazon ISIN US0231351067 WKN 906866 und Alphabet wächst deshalb der Druck, Investitionen durch zusätzliche Erträge zu rechtfertigen. Sollten die Ausgaben langsamer steigen als bislang angenommen, könnte Marvell seine hohen Wachstumsziele verfehlen.
Erhebliche Risiken bis zum geplanten Abschluss
Für die Übernahme benötigt Marvell die Zustimmung beider Aktionärsgruppen sowie wettbewerbsrechtliche und weitere behördliche Genehmigungen. Der Abschluss wird für die erste Hälfte des Jahres 2028 erwartet. Ein Scheitern könnte zudem erhebliche Kosten verursachen.
Die Höhe der Ausgleichszahlung hängt davon ab, weshalb die Übernahme scheitert. Gibt Marvell den Kauf unter bestimmten Bedingungen auf oder akzeptiert selbst ein Übernahmeangebot, müsste der Konzern 5,8 Mrd. USD an Lumentum zahlen. Beendet hingegen Lumentum die Vereinbarung unter den vertraglich festgelegten Voraussetzungen, wären 2,9 Mrd. USD an Marvell fällig. Scheitert der Zusammenschluss an behördlichen Genehmigungen, müsste Marvell unter den vereinbarten Bedingungen 3,2 Mrd. USD zahlen.
Auch handelspolitische Pläne könnten die Wettbewerbsbedingungen verändern. In den USA wird über ein Verbot neuer optischer Übertragungsmodule aus China diskutiert. Sollte die Beschränkung eingeführt werden, könnten Anbieter außerhalb Chinas profitieren, darunter Lumentum und der US-Hersteller Coherent ISIN US19247G1076 WKN A3DQXS. Zu ihren Wettbewerbern zählt der chinesische Anbieter Zhongji Innolight. Eine Entscheidung über das Vorhaben steht bislang aus.
Die geplante Übernahme birgt somit erhebliche wirtschaftliche Risiken. Marvell könnte künftig mehr Technik aus einer Hand liefern und seinen Einfluss in KI-Rechenzentren ausweiten. Um die außergewöhnlich hohe Bewertung zu rechtfertigen, müsste der Markt allerdings über einen langen Zeitraum weiter wachsen.