
Kampf um den Warenkorb: Amazon startet Schnelllieferung für frische Lebensmittel
Amazon will seine Plattform in Deutschland stärker als Anlaufstelle für den täglichen Einkauf etablieren. Der Online-Lebensmittelmarkt wächst schneller als der übrige Handel im Netz. Doch etablierte Lieferdienste und hohe Kosten für Kühlung und Zustellung begrenzen den Spielraum.
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Der US-Onlinehändler Amazon ISIN US0231351067 WKN 906866 bietet jetzt in Teilen von Frankfurt, Köln und München frische und tiefgekühlte Lebensmittel zur Lieferung am selben Tag an. Kunden bestellen sie über die gewohnte Plattform und können dabei Artikel anderer Sortimente in denselben Warenkorb legen. Zur Auswahl stehen zwei- oder vierstündige Lieferfenster. Weitere Ballungsräume sollen schon in den kommenden Wochen folgen.
Zweiter Anlauf mit bestehendem Warenkorb
Bereits 2017 startete Amazon mit "Fresh" einen eigenen Online-Supermarkt in Deutschland. Im Dezember 2024 stellte der Konzern den Dienst nach mehr als sieben Jahren wieder ein. Als Begründung nannte Amazon damals eine Neuausrichtung seines Lebensmittelangebots und die stärkere Konzentration auf haltbare Waren.
Vom Vertrieb frischer Lebensmittel über seine Plattform verabschiedete sich Amazon damit allerdings nicht. Seit 2024 können Kunden dort Waren des Online-Lebensmittelhändlers Knuspr bestellen. Mit dem neuen eigenen Lieferangebot tritt Amazon nun zugleich als Partner und Konkurrent von Knuspr auf. Zur Zukunft der Kooperation machte der Konzern auf Anfrage des Branchenmediums Supermarktblog keine konkreten Angaben.
Das neue eigene Angebot kommt ohne zusätzliche Registrierung und ohne separate App aus. So könnte aus dem gelegentlichen Mitbestellen von Lebensmitteln ein regelmäßiger Einkauf werden. Amazon zählt Lebensmittel und Haushaltsprodukte bereits zu den wachstumsstärkeren Kategorien seines Geschäfts. Für die USA meldet der Konzern, dass Kunden mit taggleichen Frischwarenbestellungen fast siebenmal so viele Alltagsartikel kaufen wie Kunden ohne solche Bestellungen.
Starkes Umsatzwachstum bei geringem Onlineanteil
Für den neuen Anlauf spricht die Entwicklung des Marktes. Laut dem Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh) stieg der nicht um Preissteigerungen bereinigte Onlineumsatz mit Lebensmitteln im dritten Quartal 2026 um 9,1 % auf 931 Mio. EUR. Der gesamte Warenhandel im Netz legte im selben Zeitraum lediglich um 2,9 % zu.
Schon 2025 hatte das Lebensmittelsegment um 5,5 % auf 4,12 Mrd. EUR zugelegt. Trotz dieses Zuwachses bleibt der Onlineanteil am gesamten Lebensmittelhandel gering. Laut Handelsverband Deutschland (HDE) entfielen 2025 bei Lebensmitteln einschließlich Getränken und Tabakwaren erst 3,2 % des Umsatzes auf den Onlinehandel. Bei Nicht-Lebensmitteln waren es 19,1 %.
Laut einer 2025 veröffentlichten Untersuchung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC kaufen 46 % der Befragten Lebensmittel ausschließlich im Laden. Ein weiteres Drittel erledigt den Großteil seiner Einkäufe dort. Für Lieferdienste liegt in diesen Gewohnheiten erhebliches Wachstumspotenzial. Zugleich erschwert die feste Bindung an den stationären Einkauf die Gewinnung neuer Kunden.
Prime-Kunden profitieren von günstigerer Lieferung
Die Preisgestaltung soll den Einstieg erleichtern und bestehende Prime-Kunden ansprechen. Prime-Mitglieder, also Kunden mit einem kostenpflichtigen Amazon-Abonnement, erhalten ab 29 EUR Warenwert ein vierstündiges Lieferfenster ohne zusätzliche Liefergebühr. Unterhalb dieser Grenze kostet die Lieferung 3,99 EUR. Bei einem zweistündigen Lieferfenster zahlen Prime-Kunden 2,90 EUR ab 29 EUR Warenwert, darunter 4,90 EUR. Ohne Prime liegen die Gebühren ohne Mindestbestellwert bei 9,99 EUR für vier Stunden und 10,99 EUR für zwei Stunden.
Nach einer Erhebung des Handelsforschungsinstituts IFH Köln vom Juli 2026 empfinden 67 % der Nichtnutzer von Online-Lebensmitteldiensten Liefergebühren und Mindestbestellwerte als unnötige Zusatzkosten. Die Gebührenstruktur schafft damit Anreize für größere Warenkörbe und die Bindung an Prime.
Kühlketten erhöhen Aufwand für Schnellzustellung
Frische Lebensmittel stellen Lieferdienste vor andere Anforderungen als Bücher oder Elektronik. Fleisch, Gemüse und Tiefkühlprodukte verlangen kurze Transportwege, geeignete Temperaturen und verlässliche Lieferfenster. Hinzu kommen die Erwartungen der Verbraucher: 54 % der vom IFH befragten Nichtnutzer möchten Frischwaren vor dem Kauf selbst sehen, anfassen und riechen.
Amazon lagert die Waren nach eigenen Angaben in Kundennähe unter kontrollierten Temperaturen, prüft sie vor dem Versand an mehreren Stationen und verwendet isolierte, recycelbare Verpackungen. In Ballungsräumen lassen sich Lieferfahrten besser bündeln, was die Kosten je Bestellung senken kann. Allerdings ist dort auch der Wettbewerb besonders ausgeprägt. Amazon trifft im Lebensmittel-Liefergeschäft auf etablierte Anbieter wie den Online-Supermarkt Picnic, Knuspr und den Lebensmittelhändler Rewe.
US-Erfahrungen geben nur begrenzt Orientierung
In den Vereinigten Staaten hat Amazon die Zustellung verderblicher Lebensmittel bereits erheblich ausgeweitet. Nach Unternehmensangaben werden mehr als 2.300 Städte und Gemeinden am selben Tag mit frischen Waren beliefert. Im Frühjahr 2026 meldete Amazon für die taggleiche Zustellung verderblicher Lebensmittel einen mehr als vierzigmal so hohen Umsatz wie ein Jahr zuvor.
Daneben betreibt der Konzern in den USA weiterhin den Online-Lebensmitteldienst Fresh und besitzt seit 2017 die Supermarktkette Whole Foods. Die dort erzielten hohen Wachstumsraten lassen sich allerdings nur bedingt auf Deutschland übertragen, wo andere Einkaufsgewohnheiten, eine andere Wettbewerbsdichte und abweichende Lieferkosten den Markt prägen.