
Industrie im Orbit: Deutsche Raumfahrtfirmen besetzen immer mehr Schlüsselbereiche
Deutschlands private Raumfahrt wächst über einzelne Start-ups hinaus. Firmen aus München, Berlin, Dresden und Braunschweig decken immer mehr Teile der Wertschöpfung ab. Für Europa steigt damit die Auswahl eigener Technik, doch bei Starts und Großprogrammen bleiben Abhängigkeiten.
Lesezeit 11 min
Im September 2026 verdichteten sich mehrere Entwicklungen, die Deutschlands junge Raumfahrtbranche seit Jahren vorbereitet. Isar Aerospace, ein Raketenentwickler aus Ottobrunn bei München, brachte erstmals Kundennutzlasten in den Orbit. Fast zeitgleich erhielt The Exploration Company, ein Münchner Entwickler wiederverwendbarer Raumkapseln, von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) einen Vertrag über 760 Mio. Euro. Außerdem schloss das Unternehmen eine Finanzierungsrunde über 450 Mio. USD ab.
Auch die wirtschaftliche Basis wächst. Der deutsche Raumfahrtsektor setzte 2025 laut Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) 3,5 Mrd. Euro um, 17 % mehr als im Vorjahr. Allein Bayerns Luft- und Raumfahrtbranche kommt insgesamt auf rund 12 Mrd. Euro Umsatz und etwa 38.000 Beschäftigte.
Die jüngsten Meilensteine zeigen deshalb mehr als einzelne technische Erfolge. Zwischen Startdienst, Satellitenbau, Antrieb, Verkehrssteuerung und Rücktransport entsteht eine breitere Wertschöpfungskette.
Raumfahrttechnik wird zum skalierbaren Geschäft
Isar Aerospace entwickelt die zweistufige Trägerrakete Spectrum für kleine und mittlere Satelliten. Am 5. September erreichte sie bei ihrem zweiten Flug erstmals erfolgreich den Orbit. An Bord waren fünf CubeSat-Forschungssatelliten und ein Technologieexperiment. Die Nutzlasten kamen unter anderem von der TU Berlin, dem bulgarischen Kleinsatellitenhersteller EnduroSat und der TU Wien. Sie waren über einen Wettbewerb der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ausgewählt worden.
Spectrum startete vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya. Norwegen gehört der ESA an und bietet eine europäische Startinfrastruktur. Für Europa war der Flug wirtschaftlich relevant: Satellitenbetreiber erhalten eine weitere Startoption, während institutionelle Programme einen privaten Anbieter als Transportdienstleister erproben.
Satellitenplattformen werden schneller und flexibler
Mit dem Transport ins All beginnt die nächste Stufe der Wertschöpfung. Reflex Aerospace baut in Berlin und Ottobrunn Satellitenplattformen, auf denen Kunden ihre eigentliche Nutzlast unterbringen. Dazu gehören zum Beispiel Kameras, Antennen oder wissenschaftliche Instrumente. Die Plattform liefert Strom, Datenverbindung, Lagekontrolle und Temperaturmanagement.
Der erste kommerzielle Reflex-Aerospace-Satellit SIGI startete im Januar 2025 für Media Broadcast Satellite, einen Satellitenkommunikations- und Raumfahrtdienstleister aus Usingen. SIGI diente Reflex zugleich als Nachweis, dass die eigene Plattform im Orbit funktioniert.
MIRI ist eine eigenständige Mission für das Bremer Unternehmen Marble Imaging, das bereits Satellitendaten auswertet. Mit dem eigenen Satelliten will die Firma künftig hochauflösende Bilddaten selbst erfassen und vermarkten. MIRI soll optische Aufnahmen liefern und im vierten Quartal 2026 starten. Marble plant langfristig eine Konstellation aus bis zu 200 Satelliten. Sie soll die gesamte Erde täglich mit sehr hoch aufgelösten Bildern erfassen.
Reflex versucht dabei, Entwicklungszeiten deutlich zu verkürzen. Das Unternehmen wirbt mit rund zwölf Monaten bis zum ersten Satelliten einer Serie. Eine im November 2025 abgeschlossene Finanzierungsrunde über 50 Mio. Euro soll Entwicklung, Produktion und Einsatz von Aufklärungs- und Kommunikationssatelliten beschleunigen.
Die Auftrags- und Projektstruktur von Reflex zeigt zugleich, wie breit der Markt geworden ist. Für LiveEO, einen Berliner Spezialisten für satellitengestützte Überwachung kritischer Infrastruktur, baut Reflex Plattformen für die geplante Twinspector-Konstellation. Im Verteidigungsbereich beteiligt sich das Unternehmen am Projekt OPTIMAS für sichere Laserkommunikation. Koordiniert wird das europäische Konsortium von Monodon, einer Einheit des staatlichen spanischen Schiffbau- und Rüstungskonzerns Navantia. OPTIMAS wird über den Europäischen Verteidigungsfonds, ein EU-Förderinstrument für gemeinsame Verteidigungsprojekte, unterstützt.
Unternehmensgründer Walter Ballheimer zufolge stammt inzwischen ein großer Teil des Auftragsbestands aus dem Verteidigungsbereich. Zivile Anwendungen bleiben dennoch relevant, weil viele Satellitentechnologien für beide Märkte einsetzbar sind.
Serienfertigung verändert den Satellitenmarkt
Steigende Stückzahlen verlangen andere Produktionsmethoden als klassische Einzelprojekte. Der Berliner Satellitenhersteller Berlin Space Technologies baut deshalb seine Fertigung in Berlin-Johannisthal deutlich aus.
In der ersten Ausbaustufe können dort bis zu 50 Satelliten pro Jahr gefertigt werden. Ab 2027 soll die Kapazität auf mehr als 200 Einheiten steigen. Die Fertigung ist auf kleinere und mittelgroße Satelliten mit einem Gewicht von 50 bis 500 Kilogramm ausgelegt. Solche Stückzahlen sind vor allem für Satellitenkonstellationen gedacht. Dabei arbeiten viele baugleiche oder ähnliche Satelliten gemeinsam, etwa für Erdbeobachtung, Kommunikation oder sicherheitsrelevante Dienste.
Der Schritt zur Serie verändert Kosten und Lieferzeiten. Komponenten, Tests und Montage müssen stärker standardisiert werden, ohne die hohen Zuverlässigkeitsanforderungen der Raumfahrt aufzugeben.
Im Orbit wächst der Bedarf an eigener Infrastruktur
Mehr Satelliten erhöhen auch den Bedarf an Technik für ihren Betrieb. Raumfahrzeuge müssen ihre Position halten, Hindernissen ausweichen und am Missionsende kontrolliert abgesenkt werden können. Morpheus Space entwickelt dafür in Dresden das elektrische Antriebssystem GO-2.
Das kompakte Modul nutzt einen festen metallischen Treibstoff und 40 einzeln steuerbare Mikrotriebwerke. Damit können Betreiber Satelliten präzise neu positionieren, Kollisionen vermeiden oder das Raumfahrzeug am Ende seiner Lebensdauer aus dem Orbit führen. Für große Konstellationen wird diese Beweglichkeit wichtiger.
Im Februar 2026 erhielt Morpheus Space 15 Mio. USD von Investoren. Beteiligt waren unter anderem Alpine Space Ventures, ein auf Raumfahrt spezialisierter Wagniskapitalgeber, und der Europäische Investitionsfonds. Dieser unterstützt die Finanzierung europäischer Unternehmen. Das Geld soll die Serienfertigung in Dresden erweitern.
Neben der Bewegung einzelner Satelliten wächst der Koordinationsbedarf zwischen vielen Betreibern. OKAPI aus Braunschweig entwickelt Software für Bahnberechnung, Kollisionsrisiken und Weltraumverkehr. Im März beauftragte die ESA das Unternehmen gemeinsam mit der Technischen Universität Braunschweig und dem DLR. Das Projekt soll Weltraum- und Luftverkehr stärker miteinander verbinden.
Das wird vor allem bei Raketenstarts und Wiedereintritten relevant. Beide Vorgänge können Lufträume zeitweise beeinflussen und müssen deshalb mit dem zivilen Flugverkehr abgestimmt werden.
Nyx soll Europas Rückweg aus dem Orbit schließen
Am anderen Ende der Kette arbeitet The Exploration Company. Das 2021 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in München entwickelt die wiederverwendbare Raumkapsel Nyx. Nyx soll Fracht zu Raumstationen bringen, dort autonom andocken und anschließend Material zur Erde zurücktransportieren. Die vollständige Kapsel wird in Oberpfaffenhofen bei München integriert und getestet.
Im September erhielt The Exploration Company 450 Mio. USD von privaten und institutionellen Investoren. Die Runde wurde von drei Geldgebern angeführt: Bessemer Venture Partners, einem US-amerikanischen Wagniskapitalgeber, Atomico, einem europäischen Technologieinvestor, und dem Scaleup Europe Fund.
Der Scaleup Europe Fund bündelt öffentliche und private Mittel für größere Finanzierungen strategischer europäischer Technologieunternehmen. Verwaltet wird er von der schwedischen Beteiligungsgesellschaft EQT. Zwei Tage später erteilte die ESA einen Vertrag über insgesamt 760 Mio. Euro. Die Organisation bündelt die Raumfahrtprogramme ihrer europäischen Mitgliedstaaten und vergibt dafür Aufträge an Forschung und Industrie.
Der Auftrag betrifft keine bereits geflogenen Missionen. 310 Mio. Euro sind für eine Demonstrationsmission vorgesehen, die Nyx 2028 zur Internationalen Raumstation bringen soll. Für diesen Flug hat The Exploration Company mit dem europäischen Startdienstleister Arianespace einen Start auf einer Ariane 6 vereinbart. Nyx soll an die ISS andocken, Fracht transportieren und anschließend zur Erde zurückkehren. Weitere 450 Mio. Euro betreffen zwei optionale spätere Versorgungsmissionen. Sie können zur ISS oder zu einer künftigen kommerziellen Raumstation führen und müssen noch bestätigt werden.
Das Finanzierungsmodell verbindet privates Kapital mit öffentlicher Nachfrage. Für die Demonstrationsmission hat The Exploration Company nach ESA-Angaben 40 % der Finanzierung privat gesichert. Die ESA übernimmt die verbleibenden 60 %. Die Agentur tritt dabei als Ankerkunde auf. Sie bestellt eine Leistung, während ein privates Unternehmen das System entwickelt und einen Teil des wirtschaftlichen Risikos selbst trägt.
ESA-Gelder verbinden Staat und private Anbieter
Öffentliche Aufträge prägen den europäischen Raumfahrtmarkt weiterhin stark. Das gilt auch für viele neue Firmen, obwohl sie privat geführt werden und kommerzielle Kunden suchen.
Bei der ESA zahlen alle Mitgliedstaaten in verpflichtende Programme ein. Diese Beiträge richten sich grundsätzlich nach ihrer Wirtschaftskraft. Bei optionalen Programmen entscheiden die Staaten selbst über Teilnahme und Beitragshöhe. Daran schließt der sogenannte geografische Rückfluss an.
Die ESA versucht, Industrieaufträge über längere Zeit ungefähr im Verhältnis zu den Beiträgen der Mitgliedsländer zu verteilen. Das ist keine Garantie, dass jeder eingezahlte Euro unmittelbar als Auftrag zurückkommt. Die ESA betrachtet dafür Vertragsvolumen über Programme und längere Zeiträume und berechnet einen Rückflusskoeffizienten.
Deutschland sagte bei der ESA-Ministerratskonferenz 2025 rund 5,1 Mrd. Euro für die Programme der kommenden Jahre zu und war damit größter Beitragszahler. Zwischen 2015 und 2024 gingen laut bayerischem Wirtschaftsministerium 40 % der deutschen ESA-Aufträge nach Bayern. Das erklärt einen Teil der Konzentration entsprechender Firmen rund um München, Ottobrunn und Oberpfaffenhofen. Dort treffen ESA-Nachfrage, Forschungseinrichtungen, etablierte Raumfahrttechnik und Fachkräfte aus anderen Industrien aufeinander.
Die neue deutsche Raumfahrtwirtschaft bleibt insgesamt trotzdem breiter als Bayern. Berlin baut Satelliten in Serie, Dresden liefert Antriebstechnik und Braunschweig entwickelt Systeme für den Verkehr im Orbit.
Europäische Eigenständigkeit wächst nur schrittweise
Auch externe Abhängigkeiten verschwinden nicht sofort. SIGI flog 2025 auf einer Falcon 9 des privaten US-Raumfahrtunternehmens SpaceX, während Spectrum erst 2026 seinen ersten erfolgreichen Orbitalflug absolvierte.
Gleichzeitig verschieben sich die Maßstäbe. Junge Firmen müssen nicht mehr nur zeigen, dass ihre Technik funktioniert. Sie müssen daraus wiederholbare Produkte, verlässliche Dienste und tragfähige Geschäftsmodelle machen.
2026 liefert dafür mehrere greifbare Beispiele. Deutsche Unternehmen decken mehr Stufen der Raumfahrt ab, während öffentliche Kunden und private Investoren deutlich größere Summen bereitstellen. Aus einzelnen Spezialisten entsteht damit schrittweise ein zusammenhängender Markt. Für Europa wächst die Auswahl eigener Anbieter, ohne dass technologische und infrastrukturelle Abhängigkeiten bereits vollständig verschwunden wären.