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Halbleiter auf RekordkursChipbranche feiert eine Rekordjagd, doch das Rückschlagrisiko wächst

Fast alle großen Chipwerte ziehen kräftig an, manche verdoppeln sich binnen Wochen. Doch mit dem Kursplus steigen auch die Risiken, weil Bewertungen und Gewinnhoffnungen der Realität weiter vorauseilen.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: Vishnu Mohanan / Unsplash

Halbleiteraktien erleben derzeit einen Lauf, der selbst im erfolgsverwöhnten Technologiesektor herausragt. Der iShares Semiconductor ETF SOXX (ISIN: US4642875235, WKN: 724776), ein Branchenfonds auf US-Halbleiterwerte, hat laut Barron's seit dem 30. März an 18 Handelstagen in Folge zugelegt und dabei fast 50 % gewonnen. Das ist nicht nur eine bemerkenswerte Serie, es ist auch ein Warnsignal, weil sich mit jedem weiteren Kurssprung die Erwartungen an die Unternehmen weiter hochschrauben.

Angetrieben wurde der jüngste Schub vor allem von starken Quartalszahlen aus dem Sektor. Barron's verweist auf solide Zahlen von Intel (ISIN: US4581401001, WKN: 855681) sowie Texas Instruments (ISIN: US8825081040, WKN: 852654). Dazu kam eine Heraufstufung durch Analysten für Intel. Der Markt wertet solche Signale als Bestätigung dafür, dass der Investitionszyklus rund um Rechenzentren, Künstliche Intelligenz und digitale Infrastruktur weiter anhält.

Die Rally treibt die Bewertungen weit nach oben

Hierbeginnt jedoch das Problem. Nach Angaben von FactSet notiert der SOXX inzwischen bei fast dem 25-Fachen der erwarteten Gewinne der kommenden zwölf Monate. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also das Verhältnis von Börsenwert zu erwarteten Gewinnen, eher bei rund 19. Hinzu kommt, dass der Fonds derzeit mit einem Aufschlag von 17 % gegenüber dem S&P 500 (ISIN: US78378X1072, WKN: A0AET0) gehandelt wird, obwohl Halbleiterwerte historisch eher mit leichtem Abschlag zum Gesamtmarkt bewertet wurden.

Steve Sosnick, Chefstratege bei Interactive Brokers, bringt das Risiko prägnant auf den Punkt. Die Erwartungen könnten inzwischen so hoch sein, dass es für die Unternehmen immer schwerer werde, sie noch zu übertreffen. Das wäre ein heikler Zustand. Denn wenn Kurse nahezu makellose Ergebnisse einpreisen, reicht oft schon ein kleiner Dämpfer beim Ausblick, bei der Marge oder beim Auftragseingang für eine scharfe Gegenbewegung.

Kaum ein Wert bleibt zurück und genau das macht skeptisch

Auffällig ist, wie breit die Bewegung inzwischen geworden ist. Selbst Qualcomm (ISIN: US7475251036, WKN: 883121), laut Barron's der schwächste Wert im SOXX seit dem 30. März, liegt noch 16 % im Plus. Nvidia (ISIN: US67066G1040, WKN: 918422) zählt mit rund 22 % in diesem Zeitraum bereits zu den Nachzüglern. Noch stärker legten Credo Technology Group Holding (ISIN: KYG254571055, WKN: A3DDQ5), Astera Labs (ISIN: US04626A1034, WKN: A404AF) und Intel zu, die sich in dieser Phase jeweils etwa verdoppelt haben sollen.

Dazu kommen kräftige Aufschläge bei Marvell Technology, AMD (ISIN: US0079031078, WKN: 863186), Texas Instruments, Micron (ISIN: US5951121038, WKN: 869020) und ARM Holdings PLC Sponsored ADR (ISIN: US0420682058, WKN: A3EUCD). Sie alle gewannen mehr als 50 %. Die Analysten von Bespoke Investment Group sehen den Philadelphia Semiconductor Index deshalb bereits in einer historisch überreizten Zone. Eine vergleichbar starke 18-Tage-Phase habe es zuvor praktisch nur nach dem Tiefpunkt nach dem Platzen der Dotcom-Blase Ende 2002 gegeben.

Im Speichersegment wirken die Preise noch weniger ausgereizt

Einheitlich ist der Sektor dennoch nicht bewertet. Jordan Klein von Mizuho Americas argumentiert laut Barron's, dass sich der Markt derzeit besonders stark auf Prozessorwerte stürzt. Dadurch seien klassische CPU-Titel wie Intel, AMD oder Arm sehr weit gelaufen. Im Speichersegment dagegen gebe es trotz kräftiger Kursanstiege noch eher moderat bewertete Titel.

Als Beispiele nennt er Micron und Sandisk (ISIN: US80004C2008, WKN: A411ZM). Micron wird demnach nur mit dem rund 6-Fachen der erwarteten Gewinne bewertet, Sandisk mit etwa dem 10-Fachen. Dem stehen deutlich höhere Bewertungskennzahlen bei AMD mit 42, Intel mit 74 und Arm mit 103 gegenüber. Das spricht nicht automatisch für eine sichere Fortsetzung der Rally. Es zeigt aber, dass innerhalb der Branche nicht jeder Bereich gleich teuer geworden ist.

Mike O'Rourke von JonesTrading mahnt deshalb zur Besonnenheit. Die Branche befinde sich ohne Zweifel in einem außergewöhnlich starken Wachstumszyklus mit Rekordgewinnen, die Nachfrage dürfte vorerst robust bleiben. Zugleich bleiben Halbleiter ein zyklisches Geschäft. Genau das ist der entscheidende Punkt: Je größer der Aufschwung, desto schmerzhafter kann ein späterer Wendepunkt ausfallen. Wer auf dem bisherigen Höhenflug hohe Buchgewinne aufgebaut hat, findet deshalb inzwischen gute Gründe für mehr Vorsicht als für neue Euphorie.