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Geopolitik und GeldpolitikKrieg im Iran: Wie wahrscheinlich sind jetzt Zinserhöhungen?

Ab welchem Niveau führt der Anstieg der Energiepreise durch den Krieg im Iran zu höheren Inflationsraten? Wie hoch können die Teuerungsraten steigen? Und wie könnten die Notenbanken darauf reagieren?

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 7 min
Titelbild: picture alliance / Zoonar / Andrii Yalanskyi

Für die Aktienmärkte ist es eine entscheidende Frage: Wann erhöhen die Entwicklungen im Iran das Risiko für Zinserhöhungen durch die weltweiten Notenbanken? Der Mechanismus ist klar: Steigende Öl- und Gaspreise treiben die Inflation bis hin zu Auswirkungen auf die Kerninflation und zwingen Notenbanken zu einer Straffung der Geldpolitik.

Entscheidend ist jedoch die Dauer des Konflikts und damit auch der erhöhten Öl- und Gaspreise. Davon wird abhängen, ob die Geldpolitik der Notenbanken beeinflusst wird.

Der Chefvolkswirt der ING, Carsten Brzeski, rechnet mit einer Verdoppelung der Energiepreise und mit einer Rückkehr der Inflation. "Wir rechnen mit einer Verdopplung der Energiepreise. Noch im Herbst lag der Ölpreis bei 50 USD pro Barrel und jetzt rechnen wir damit, dass er auf 100 USD oder darüber steigen könnte", sagte er gegenüber n-tv.

5 % Inflation schon im Sommer?

Brzeski rechnet konkret vor: "Wenn der Ölpreis wieder über 100 USD pro Barrel steigt und dort einige Monate bleibt, müssen wir uns schon im Sommer auf Inflationsraten um fünf Prozent einstellen."

"Wenn der Ölpreis dauerhaft um 10 % steigt und der Gaspreis ebenfalls deutlich zulegt, fällt die Inflation im Euroraum als Daumenregel um etwa 0,3 Prozentpunkte höher aus.", sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW. Eine Verdopplung des Preises würde nach dieser Rechnung zu einer Erhöhung der Inflation um drei Prozentpunkte führen.

Die EZB stehe dann vor der schweren Entscheidung eines klassischen Ölpreisschocks, der in zwei Richtungen wirke: inflationstreibend und wachstumsdämpfend. "Die EZB steht also vor der Frage: Lasse ich das laufen und tue nichts, trotz der Erfahrungen 22/23, als sie zu spät war? Oder erhöhe ich die Zinsen und bremse damit das Wachstum weiter?" Er erwartet allerdings keine Zinserhöhungen in dem Umfang von 2022-23, da das absolute Zinsniveau nun höher ist als damals.

Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank (HCOB), sieht noch keine klare Richtung. "Letztlich wird es auf die Inflationserwartungen ankommen. "Wenn diese steigen, wird auch die EZB die Zinsen erhöhen, wenn auch nur vorsichtig, weil das Wachstum gedämpft wird."

Inflationserwartungen im Fokus

An den langfristigen Inflationsraten hat sich zumindest in den USA bislang wenig geändert, wie Daten der Federal Reserve Bank von St. Louis zeigen. Demnach lag die 10-jährige Break-Even-Inflationsrate am Freitag bei 2,25 % und am Montag bei 2,29 %. Es gilt, diese Herleitung der Inflationserwartungen aus inflationsindexierten Anleihen in den nächsten Tagen und Wochen genauer zu beobachten.

Doch nicht nur Zinserhöhungen sind ein Thema. Vor allem in den USA rechnen Marktteilnehmer eigentlich mit Zinssenkungen. Ein Anstieg der Inflationsrate könnte diese nach hinten verschieben oder sogar ganz ausfallen lassen. Doch auch das genaue Gegenteil ist möglich. Vor allem ein kombinierter Einbruch von Konjunktur und Aktienmarkt könnte die FED dazu veranlassen, die Zinsen zu senken.

Jamie Dimon, CEO von JPMorgan Chase, erklärte am Montag, er erwarte keine dramatischen Auswirkungen des Iran-Konflikts auf die Inflation in den USA, sofern die Angriffe nicht zu lange andauerten. "Die Benzinpreise werden dadurch vorerst wieder leicht ansteigen, und wenn der Konflikt nicht von Dauer ist, wird es keine gravierenden Inflationsauswirkungen geben", sagte er gegenüber CNBC. Die Ausgaben für Benzin machten laut einem Bericht der Regierung im Dezember 3 % der Konsumausgaben aus.

Zu beachten gilt, dass der Ölpreis in den letzten Tagen zwar stark angestiegen ist, sich aber historisch gesehen nicht auf einem auffällig hohen Niveau befindet. Alexander Krüger, Chefökonom der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank, sieht Zinserhöhungen in der Eurozone erst bei einem dauerhaften Anstieg des Ölpreises über die Marke von 130 USD für geboten.

Negative Effekte für die Konjunktur

Bei der Abschätzung der geldpolitischen Reaktion auf den Krieg im Iran gilt es jedoch, auch die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum zu berücksichtigen. Brzeski warnt, dass steigende Energiepreise die Industrie treffen, die bereits unter hohen Energiekosten leide, ausgerechnet in einer Phase, in der es konjunkturell gerade wieder leicht nach oben zu gehen schien.

Die dauerhafte Sperrung der Straße von Hormuz führe jedoch nicht nur zur Beeinträchtigung von Öllieferungen, sondern auch zu weiteren Unterbrechungen und Produktionsverzögerungen.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, rechnet für den Fall eines dauerhaften Anstiegs der Ölpreise auf 100 USD damit, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um etwa 0,13 % niedriger ausfällt.

Entscheidend bleiben jedoch Dauer und Ausmaß des Konflikts. Schumacher von der KfW etwa glaubt, "dass der Iran das nicht lange durchhält und die Auswirkungen auf die Inflation und die Wirtschaftsleistung im Euroraum daher am Ende des Jahres recht gering sind."

Ausmaß und Dauer des Konflikts entscheidend

Doch nicht alle sind so optimistisch. Auch eine Intensivierung des Konflikts mit größeren Schäden zu Lasten der Golfmonarchien ist derzeit denkbar. Das Wall Street Journal etwa warnt, dass eine entscheidende Variable in diesem Krieg sei, ob den Golfmonarchien die Abfangraketen ausgingen, bevor dem iranischen Regime die Geschosse ausgingen.

"Die Intensität des Abfangraketeneinsatzes, die wir in den letzten paar Tagen beobachtet haben, kann nicht länger als eine weitere Woche aufrechterhalten werden - wahrscheinlich höchstens ein paar Tage, und dann werden sie den Mangel an Abfangraketen zu spüren bekommen", sagte Fabian Hoffmann, Raketenexperte an der Universität Oslo.