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Europäischer WeltraumkursESA-Chef schlägt Zehn-Milliarden-Plan für Astronauten vor

Europa bezahlt US-Anbieter für Flüge seiner Raumfahrer zur Internationalen Raumstation. Die Europäische Weltraumorganisation sieht in eigenen Flugkapazitäten Chancen für Industrie und Forschung. Doch noch fehlen eine Besatzungskapsel, Rückkehrtechnik und die Finanzierung.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 8 min
Titelbild: picture alliance / Panama Pictures / Christoph Hardt

Europas Astronauten sollen künftig mit eigenen Raumfahrzeugen ins All fliegen können. Josef Aschbacher, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), veranschlagt dafür rund zehn Milliarden EUR und etwa zehn Jahre Entwicklungszeit. Politisch beschlossen ist das Vorhaben bislang nicht.

Eigene Raketen, kein bemanntes Transportsystem

Seit ihrer Gründung 1975 ist die ESA bei bemannten Missionen auf internationale Partner angewiesen. Als 1983 mit Ulf Merbold erstmals ein ESA-Astronaut ins All flog, brachte ihn das amerikanische Space Shuttle Columbia dorthin. Europa hatte das Weltraumlabor Spacelab beigesteuert, war für den Transport aber auf die NASA angewiesen.

Mit Ariane 6 und Vega-C verfügt Europa zwar über eigene Trägerraketen für unbemannte Missionen. Ein einsatzfähiger europäischer Transportdienst für bemannte Flüge fehlt jedoch weiterhin. Gegenwärtig können nur die USA, Russland und China Menschen eigenständig in den Orbit bringen.

Bei Flügen zur Internationalen Raumstation ISS setzt die US-Raumfahrtbehörde NASA auf den Raumfahrtkonzern SpaceX ISIN US84615Q1031 WKN A42D4F. Erst Anfang Oktober kehrte die französische ESA-Astronautin Sophie Adenot mit einer Crew-Dragon-Kapsel zurück. Für das erste Quartal 2028 hat die ESA das Konzept einer eigens gebuchten Crew-Dragon-Mission zur ISS gebilligt.

Politisch ist diese Arbeitsteilung inzwischen angreifbarer geworden. Angesichts geopolitischer Spannungen kommen Russland und China kaum als gleichwertige Ausweichpartner infrage. Im Gespräch mit dem Nachrichtensender Euronews verwies Aschbacher auf eine mögliche Ausmusterung von Falcon 9 und Crew Dragon um 2029. Ein verbindlicher Stilllegungstermin ist allerdings nicht unabhängig bestätigt. Neue US-Systeme könnten zwar einspringen, doch über deren Verfügbarkeit hätte Europa ebenfalls keine Kontrolle.

Entscheidende Lücken in europäischer Raumfahrttechnik

Europa verfügt bereits über Erfahrung mit komplexen Weltraumsystemen. Das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus liefert Satellitendaten, während das Satellitennavigationssystem Galileo eine unabhängige Positionsbestimmung ermöglicht. Bei der bemannten Mondmission Artemis II im April 2026 versorgte ein europäisches Servicemodul die amerikanische Orion-Kapsel mit Energie, Antrieb, Luft und Wasser. Die europäische Industrie beherrscht damit bereits wesentliche Technologien für bemannte Weltraummissionen. Für einen eigenständigen Transport von Astronauten vom Start bis zur sicheren Rückkehr reichen diese Fähigkeiten allerdings noch nicht aus.

Der Versuch, diese Lücke zu schließen, hat eine längere Vorgeschichte. 1987 billigte die ESA das Raumgleiterprojekt Hermes, das Menschen mit einer Ariane-Rakete ins All bringen sollte. Wegen steigender Kosten und Verzögerungen wurde das Vorhaben jedoch 1992 aufgegeben. Ein erneuter Anlauf müsste technische Anforderungen und Finanzierung von Beginn an miteinander vereinbaren.

Für einen eigenständigen bemannten Raumtransport mit sicherer Rückkehr benötigt Europa eine geschützte Besatzungskapsel. Dazu gehören ein Rettungssystem für Notfälle beim Start und ein Hitzeschutz für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Hinzu kommen verlässliche Bergungsverfahren und aufwendige Sicherheitsprüfungen. Auch die Trägerrakete und ihr Zusammenspiel mit der Kapsel müssten die besonderen Sicherheitsanforderungen für bemannte Missionen erfüllen.

Ein erster industrieller Baustein entsteht bereits im Frachtverkehr. Im September beauftragte die ESA das europäische Raumfahrtunternehmen The Exploration Company mit der Weiterentwicklung der Transportkapsel Nyx. Hinter dem Vorhaben steht das Programm ALADDIN, mit dem Europa einen kommerziellen Frachtdienst zu Raumstationen und zurück zur Erde aufbauen will. Der Vertrag hat einschließlich optionaler Anschlussmissionen einen Umfang von bis zu 760 Mio. EUR. Davon entfallen 310 Mio. EUR auf die Demonstrationsmission und weitere 450 Mio. EUR auf zwei noch zu bestätigende Folgeflüge.

Bei der ersten Erprobungsmission von Nyx will die ESA insbesondere das selbstständige Andocken an die ISS demonstrieren. Für Astronauten ist die Kapsel bislang nicht zugelassen. The Exploration Company hat für diesen Testflug bereits 40 % der Finanzierung bei privaten Investoren gesichert. Die ESA übernimmt die verbleibenden 60 %.

Milliarden fließen auch ohne eigenes Raumschiff

Nach Schätzungen des ESA-Chefs könnten für gekaufte Sitzplätze in Raumkapseln und Forschungsflächen auf Raumstationen binnen zehn Jahren etwa fünf Milliarden EUR anfallen. Mit einem eigenen Transportdienst ließe sich zumindest ein Teil dieser Ausgaben in europäische Entwicklung, Zulieferbetriebe und Arbeitsplätze lenken.

Allerdings lassen sich fünf und zehn Milliarden EUR nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Die Entwicklung eigener Raumfahrzeuge birgt finanzielle Risiken. Später entstehen zudem Betriebs- und Wartungskosten. Auch mit einer europäischen Kapsel bräuchte die ESA weiterhin Forschungsflächen auf Raumstationen, die sie bei kommerziellen Betreibern voraussichtlich mieten müsste.

Unterdessen verändert sich das Geschäftsmodell der Forschung im Orbit. Die NASA hält am Betrieb der ISS bis 2030 fest und bereitet den Übergang zu kommerziellen Stationen vor. Sie will künftig selbst nur einer von mehreren Kunden privat betriebener Forschungsstationen sein. Für Europa entsteht dadurch ein Markt, auf dem sich Raumtransport und Forschungsnutzung getrennt einkaufen lassen.

Rekordzusagen für zahlreiche Raumfahrtprogramme

Finanziellen und politischen Rückenwind hat die ESA bereits erhalten. Bei ihrer Ministerratskonferenz 2025 sagten die Mitgliedstaaten nach endgültigen ESA-Zahlen 22,3 Mrd. EUR zu. Das waren nominal 31 % mehr als 2022, preisbereinigt allerdings 17 %. Die Mittel sind für verschiedene Vorhaben vorgesehen, darunter wissenschaftliche Missionen, Erdbeobachtung, Satellitennavigation und die Weiterentwicklung europäischer Trägerraketen. Für den jetzt vorgeschlagenen eigenen Astronautentransport liegt dagegen noch keine Finanzierungszusage vor.

Zugleich wurde das Mandat der ESA erweitert. Raumfahrttechnik soll künftig auch nicht offensive Sicherheits- und Verteidigungsaufgaben unterstützen, darunter die Beobachtung sicherheitsrelevanter Entwicklungen aus dem All. Technische Unabhängigkeit ist damit nicht mehr allein für die Wissenschaft von Bedeutung.

Ein weiteres wirtschaftliches Argument liefert die Aussicht auf einen wachsenden Markt. Nach ESA-Einschätzung hat der globale Raumfahrtsektor inzwischen ein Volumen von rund 600 Mrd. EUR und könnte jährlich um etwa zehn Prozent wachsen. Ob europäische bemannte Missionen rentabel betrieben werden können, lässt sich daraus zwar nicht ableiten. Die Wachstumsaussichten erklären jedoch, warum die ESA eine größere industrielle Rolle anstrebt.

Mit eigenen Raumfahrzeugen vom Kunden zum Anbieter

Ein europäischer Zugang für Astronauten müsste die internationale Zusammenarbeit keineswegs einschränken. Langfristig könnte Europa nach den Vorstellungen der ESA sogar Partnern wie Japan oder Australien Plätze in eigenen Raumfahrzeugen anbieten. Aus einem bisherigen Nachfrager würde so zumindest in Teilen ein Anbieter von Raumtransporten.

Für Dezember 2026 haben die ESA-Mitgliedstaaten eine zusätzliche Ministerratssitzung in Italien angesetzt. Dort wollen sie über die weitere europäische Weltraumforschung und Erkundung beraten. Sie müssen auch noch darüber entscheiden, ob ihnen die industrielle Wertschöpfung und größere Handlungsfreiheit die milliardenschwere Entwicklung wert sind. Bis ein eigenes Transportsystem einsatzbereit wäre, bliebe Europa bei bemannten Flügen auf internationale Partner angewiesen.