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EntnahmephaseDividendenstrategie im Ruhestand: Ein mental bequemer Irrweg

Die Dividendenstrategie ist eher ein psychologisches Hilfsmittel als eine mathematisch überlegene Strategie. Mentale Bequemlichkeit wird durch handfeste Nachteile bei Diversifizierung und Rendite bezahlt. Für die Entnahmephase des Portfolios ist der Ansatz nicht zu empfehlen.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: Getty Images / Unsplash

"Die Dividendenstrategie ist in Deutschland besonders populär, weil sie zwei menschliche Bedürfnisse gleichzeitig bedient: Die Sehnsucht nach regelmäßigem Einkommen und die Angst, an die "Substanz" zu gehen", konstatiert der auf die Entnahmephase von Ruhestandsportfolios spezialisierte Finanzdienstleister Retire Capital. Ökonomisch betrachtet sei dieser doppelte Nutzen jedoch weitgehend eine Illusion.

Tatsächlich, so heißt es in einer aktuellen Analyse des Finanzdienstleisters, bieten Dividendenstrategien einen psychologischen Vorteil. Anleger verspüren bei Dividendenstrategien das Gefühl, die Substanz – also die Anzahl ihrer Aktien – nicht angreifen zu müssen. "Das mindert die Angst vor dem Verkauf in schwachen Marktphasen und erleichtert das Durchhalten einer langfristigen Strategie", konstatiert der Bericht.

Dividendenstrategien: Viele Nachteile, viele Illusionen

Doch dem Vorteil der mentalen Bequemlichkeit stehen viele handfeste und sogar gefährliche Nachteile entgegen.

Erstens: Die Höhe des Einkommens wird nicht durch den individuellen Bedarf, sondern durch die Unternehmen im Portfolio bestimmt. Ausgerechnet in Krisenzeiten aber wurden Dividenden historisch gesehen oft gekürzt oder gestrichen.

Zweitens: Das Leitbild vom "ewigen Vermögen" ist ein Trugschluss, wenn sämtliche Dividenden ausgeschüttet und zum Lebensunterhalt verwendet werden. Denn Dividenden sind kein geschenktes Geld: Am Tag der Ausschüttung (Ex-Tag) sinkt der Kurs der Aktie rein rechnerisch um den Betrag der gezahlten Dividende.

Damit das Vermögen auch nach Abzug der Inflation erhalten bleibt, sind also Kurssteigerungen über die ausgeschüttete Dividende hinaus notwendig. Hier aber zeigen Dividendenstrategien laut Retire Capital oft Schwächen: "Unternehmen, die einen großen Teil ihres Gewinns ausschütten, reinvestieren entsprechend weniger in das eigene Wachstum. Langfristig kann dies dazu führen, dass dividendenlastige Portfolios schwächer wachsen als ein breit gestreuter Weltmarkt-Index."

Dividendenausschüttungen stellen gerade dann den unerwünschten Substanzverzehr dar, wenn sie aus Kapital- und Gewinnrücklagen oder durch Schulden finanziert werden. "Shell, BP, Exxon und Chevron finanzierten Dividenden jahrelang über zusätzliche Verschuldung. Am Ende kürzte Shell 2020 die Dividende um mehr als zwei Drittel, die erste Kürzung seit dem Zweiten Weltkrieg", mahnt der Bericht zur Vorsicht.

Irrelevanztheorie: Verkauf von Anteilen und Dividende haben denselben Effekt

Vieles spricht deshalb dafür, ein breites und nicht nur an Dividenden aufgestelltes Portfolio zu nutzen und die laufenden Entnahmen in der Ruhestandsphase durch den Verkauf von Anteilen zu finanzieren.

1961 zeigten die späteren Nobelpreisträger Franco Modigliani und Merton Miller, dass die Dividendenpolitik in einem idealen Markt ohne Steuern und Transaktionskosten keinen Einfluss auf den Unternehmenswert hat. Anders gesagt: Eine Dividende von 3 %, die verkonsumiert wird, hat denselben Effekt auf das Gesamtvermögen wie der Verkauf von 3 % des Portfolios und die Auszahlung des Veräußerungserlöses. Transaktionskosten fallen heute kaum noch ins Gewicht, die Besteuerung von Dividenden entspricht in Deutschland der Besteuerung von Kursgewinnen.

Wer zu sehr auf Dividenden setzt, riskiert sogar handfeste Nachteile. "Hohe Dividenden finden sich überdurchschnittlich häufig in "reifen" Branchen – Versorger, Banken, Telekommunikation, fossile Energiewirtschaft. Zukunftsbranchen wie Technologie, Biotech oder erneuerbare Energien sind oft unterrepräsentiert", warnt der Retire Capital-Bericht.

Dividendenstrategien sortieren Top-Performer aus

Der Fokus auf Dividenden könnte deshalb ausgerechnet die Aktien aus dem Portfolio fernhalten, die für die Rendite entscheidend sind. Laut einer Studie von Hendrik Bessembinder sind nur etwa 4 % der Aktien für die gesamte Nettovermögensbildung am US-Aktienmarkt seit 1926 verantwortlich. Viele dieser Top-Aktien fallen über lange Zeiträume nicht durch hohe Dividenden auf.

Hinzu kommt, dass Dividenden schon lange nicht mehr als allgemeines Qualitätsmerkmal für Aktien gelten und ihre Bedeutung zugunsten von Aktienrückkäufen gesunken ist. "Nicht die Dividendenpolitik, sondern die Fähigkeit zur Free-Cash-Flow-Generierung ist der belastbare Qualitätsindikator", konstatiert der Bericht.