
Disruption im Praxistest: Amazon, Disney, Capital One – wer den Marktführer besiegt und wer scheitert
Etablierte Unternehmen bekommen neue Konkurrenz. Amazon ist nach Sendungszahl der größte US-Paketzusteller, Disney fordert Kinotechnikanbieter IMAX heraus und Capital One spart Kartengebühren. Im Mobilfunk und Gesundheitswesen begrenzen hohe Kosten dagegen den Umbruch.
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Der größte Paketzusteller der USA stammt inzwischen aus dem Onlinehandel. In Hollywood wiederum versucht Disney, die Vormachtstellung eines Spezialisten für besonders große Kinoleinwände zu begrenzen. Auch im Zahlungsverkehr geraten eingespielte Marktverhältnisse unter Druck, weil Banken mit eigenen Kartennetzen Gebühren sparen können. Anderswo stoßen solche Vorstöße allerdings an knappe Fachkräfte und kostspielige Infrastruktur. Wie weit Unternehmen mit ihren Angriffen auf etablierte Geschäftsmodelle kommen, hängt stark von den wirtschaftlichen Bedingungen der jeweiligen Branche ab.
Amazon liegt bei Paketzustellungen vorn
Im amerikanischen Paketgeschäft hat sich die Rangfolge verschoben. Der US-Handels- und Technologiekonzern Amazon ISIN US0231351067 WKN 906866 stellt mittlerweile mehr Pakete zu als die etablierten Wettbewerber. Nach Berechnungen des Logistikdatenanbieters ShipMatrix lieferte Amazon 2025 rund 6,7 Mrd. Pakete aus. Die staatliche US-Post kam auf 6,6 Mrd. Sendungen.
Beim Umsatz bleibt dagegen der US-Paketdienst UPS ISIN US9113121068 WKN 929198 mit einem Marktanteil von 29,8 % führend. Der Unterschied ist wirtschaftlich erheblich. Eine hohe Zahl zugestellter Pakete bedeutet keineswegs automatisch hohe Erlöse, und Lieferungen an Privatkunden bringen häufig weniger ein als spezialisierte Sendungen für Geschäftskunden.
Seinen Vorsprung hat sich Amazon über Jahre erarbeitet. Viele Waren lagern heute in Verteilzentren nahe den Kunden, während regionale Unternehmer die Zustellung mit Fahrzeugen übernehmen, die ihnen Amazon bereitstellt. Inzwischen verkauft der Konzern seine Lager- und Versanddienstleistungen auch an Händler, die ihre Waren außerhalb der Amazon-Plattform anbieten. So ist aus einer ursprünglich internen Logistiklösung ein eigenständiges Angebot für andere Unternehmen geworden.
Die Folgen unterscheiden sich für den Logistikkonzern FedEx ISIN US31428X1063 WKN 912029 und UPS erheblich. FedEx beendete 2019 seine damalige Zusammenarbeit mit Amazon und konzentrierte sich stärker auf lukrative Geschäftskunden. Seit 2025 befördert das Unternehmen allerdings wieder ausgewählte große Paketsendungen für Amazon.
UPS hatte hingegen länger große Mengen niedrig vergüteter Onlinebestellungen transportiert und litt entsprechend stärker unter dem Margendruck. Inzwischen hat der Konzern sein Geschäft mit Amazon gezielt zurückgefahren. Mitte 2026 war die vereinbarte Verringerung des Paketvolumens um mehr als die Hälfte abgeschlossen. Parallel dazu passte UPS sein amerikanisches Zustellnetz an die geringere Sendungsmenge an.
An der Börse entwickelten sich die beiden Aktien ebenfalls deutlich unterschiedlich. Laut dem US-Anlegermagazin Barron's übertraf die FedEx-Aktie die UPS-Aktie innerhalb von fünf Jahren um rund 110 Prozentpunkte.
Im Gesundheitswesen stößt der Einzelhandel an Grenzen
Weniger erfolgreich verliefen die Versuche großer Handelskonzerne, die medizinische Grundversorgung neu zu organisieren. Anders als die Paketzustellung lassen sich Arztbesuche und Behandlungen nur begrenzt standardisieren. Fachkräfte sind knapp, die Kosten hoch und die Vergütungen lassen wenig finanziellen Spielraum.
Der Einzelhandelskonzern Walmart ISIN US9311421039 WKN 860853 zog daraus bereits 2024 Konsequenzen. Das Unternehmen schloss sämtliche 51 Standorte seiner Gesundheitskette Walmart Health und stellte auch das zugehörige Onlineangebot ein. Die Einrichtungen verteilten sich auf fünf US-Bundesstaaten. Als wesentliche Gründe nannte Walmart steigende Betriebskosten und schwierige Erstattungsbedingungen. Obwohl das Angebot Arztbesuche, Zahnbehandlungen und Röntgenuntersuchungen umfasste, ließ sich daraus kein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln.
Am traditionellen Gesundheitsgeschäft hält Walmart dagegen fest. Bei der Ankündigung der Schließungen betrieb der Konzern fast 4.600 Apotheken und mehr als 3.000 Optikzentren. Der Rückzug betrifft vor allem die umfassende ärztliche Versorgung, deren Personalbedarf und Kostenstruktur sich deutlich vom klassischen Einzelhandel unterscheiden.
Auch Amazon musste seine ursprünglichen Pläne einschränken. Das gemeinsam mit anderen amerikanischen Großkonzernen gegründete Gesundheitsprojekt Haven wurde eingestellt, ebenso die digitale Behandlungslösung Amazon Care. Statt weitere eigene Angebote aufzubauen, setzt Amazon inzwischen auf One Medical, einen übernommenen Anbieter hausärztlicher Versorgung.
Prime-Mitglieder erhalten dort vergünstigte Mitgliedschaften. Für sie kostet der Zugang zu One Medical neun USD im Monat oder 99 USD im Jahr. Enthalten ist unter anderem eine digitale Beratung rund um die Uhr. Vereinbarte Arzttermine werden allerdings gesondert mit den Patienten oder deren Krankenversicherung abgerechnet. Auch beim Abonnementmodell bleiben die besonderen Kostenstrukturen medizinischer Leistungen somit bestehen.
Hohe Personal- und Behandlungskosten können die Vorteile digitaler Reichweite und großer Einkaufsmacht aufzehren.
Disney fordert Vormachtstellung von IMAX heraus
Im Kinogeschäft hängt die Verteilung der Einnahmen auch davon ab, wer Zugang zu besonders begehrten Leinwänden erhält. Der kanadische Kinotechnikanbieter IMAX ISIN CA45245E1097 WKN 896801 verfügt über ein begrenztes Angebot großer Säle, für deren Eintrittskarten höhere Preise verlangt werden können. Bei der Vergabe der Leinwände bevorzugt das Unternehmen zunehmend Filme, die mit seinen eigenen Kameras gedreht wurden.
Das bringt den US-Medienkonzern Disney ISIN US2546871060 WKN 855686 in Bedrängnis. Im Dezember konkurriert dessen Superheldenfilm "Avengers: Doomsday" mit "Dune: Part Three" um die attraktivsten Leinwände. Da der neue Dune-Film für IMAX produziert wurde, genießt er bei diesem Format einen Vorsprung.
Disney setzt deshalb auf Infinity Vision, ein neues Gütesiegel für besonders hochwertige Kinosäle. Bereits vorhandene große Premiumsäle sollen nach einheitlichen Kriterien zertifiziert und unter einer gemeinsamen Marke vermarktet werden. Zu den technischen Anforderungen gehören besonders große Leinwände, Laserprojektion mit hoher Bildhelligkeit und hochwertige Tonsysteme. Die Kinobetreiber müssen dafür keine vollständig neue Technik einführen. So können die Betreiber ihre Säle gemeinsam bewerben und den Besuchern eine leichter erkennbare Alternative zu IMAX anbieten. Studios und Kinobetreiber versprechen sich davon einen größeren Anteil an den Einnahmen. Zugleich soll ihre Abhängigkeit vom bisherigen Marktführer sinken.
Disney hat über das Vorhaben bereits mit weiteren Filmstudios gesprochen, darunter Paramount, Universal, Lionsgate und Sony Pictures. Für die breite Einführung des gemeinsamen Kinostandards wäre deren Unterstützung von erheblicher Bedeutung.
Einen ersten Hinweis auf das wirtschaftliche Potenzial lieferte die Wiederaufführung von Disneys Superheldenfilm "Avengers: Endgame" aus dem Jahr 2019. Bei der Wiederaufführung liefen mehr als 1.300 Leinwände unter dem Infinity-Vision-Siegel. Auf sie entfielen laut Disney rund 52 % des weltweiten Einspielergebnisses am Auftaktwochenende. Durch die zusätzlichen Einnahmen überholte "Avengers: Endgame" den Film "Avatar" erneut als weltweit umsatzstärksten Kinofilm aller Zeiten. Allerdings lässt sich der Erfolg eines besonders zugkräftigen Marvel-Films nicht ohne Weiteres auf andere Produktionen übertragen.
Die Sorge vor zusätzlichem Wettbewerb fiel auch mit Kursverlusten bei IMAX zusammen. Nach Angaben von Barron's verlor die IMAX-Aktie gegenüber ihrem Hoch von Ende September rund acht Prozent. Schon die Aussicht auf einen zusätzlichen Anbieter kann die Verhandlungsposition des bisherigen Marktführers schwächen.
Capital One spart Gebühren über das Discover-Netz
Im Zahlungsverkehr vollzieht sich der Wettbewerb häufig weitgehend unbemerkt von den Verbrauchern. Im Hintergrund geht es darum, über welches technische Netz eine Kartenzahlung abgewickelt wird. Die US-Bank Capital One ISIN US14040H1059 WKN 893413 übernahm im Mai 2025 den US-Kreditkartenanbieter Discover samt dessen eigenem Zahlungsnetz. Seitdem kann Capital One einen wachsenden Teil seiner Transaktionen selbst abwickeln. Dafür muss das Unternehmen seltener auf die Zahlungsdienstleister Visa ISIN US92826C8394 WKN A0NC7B und Mastercard ISIN US57636Q1040 WKN A0F602 zurückgreifen. Die geringere Abhängigkeit von fremden Netzen senkt die Gebühren.
Bei Debitkarten, deren Zahlungen direkt vom Bankkonto abgehen, ist die Umstellung bereits weit fortgeschritten. Im Kreditkartengeschäft soll sie schrittweise folgen. Hochwertige Reisekarten bleiben zunächst bei den bisherigen Netzwerken, weil deren internationale Akzeptanz größer ist.
Auf Dauer sollen die Gebührenvorteile noch größer ausfallen. Schon bei der Ankündigung der Discover-Übernahme stellte Capital One für 2027 jährliche Netzsynergien von rund 1,2 Mrd. USD in Aussicht. Erreicht werden sollen sie durch die Verlagerung von Debitkartenzahlungen und ausgewählten Kreditkartenumsätzen auf Discover.
Nach Schätzung des Bankanalysten Brian Foran spart Capital One bereits rund eine Milliarde USD jährlich an Gebühren. Für die Aktie erwartet er zudem ein Kurspotenzial von etwa 50 %. Andere Großbanken als Kunden für das Discover-Netz zu gewinnen, gehört dagegen vorerst nicht zu den vorrangigen Zielen.
Capital One kann seine eigenen Kosten damit erheblich senken, ohne Visa und Mastercard unmittelbar deren weltweite Marktstellung streitig machen zu müssen. Die begrenzte Zielsetzung erleichtert zugleich die wirtschaftliche Umsetzung.
Starlink ergänzt die Mobilfunknetze, statt sie zu ersetzen
Neue Konkurrenz entsteht auch im Mobilfunk. Der Raumfahrt- und Satellitenkonzern SpaceX ISIN US84615Q1031 WKN A42D4F sorgte mit einer Vereinbarung über zusätzliche Mobilfunkfrequenzen für Unruhe in der Branche. Der Vertrag vom 8. Oktober betrifft ein landesweites Frequenzportfolio im 800-Megahertz-Band des Infrastrukturinvestors Grain Management. Medienberichten zufolge liegt der Kaufpreis bei rund acht Milliarden USD. Die Vertragsparteien selbst haben keine Summe genannt.
Für das Satellitennetz Starlink eröffnen die zusätzlichen Frequenzen neue Möglichkeiten. Gewöhnliche Mobiltelefone sollen sich damit ohne große Zusatzantenne direkt mit Satelliten verbinden können. Das niedrigere Frequenzband soll insbesondere den Empfang innerhalb von Gebäuden verbessern. Voraussetzung für die vereinbarte Übertragung ist allerdings noch die Genehmigung der amerikanischen Kommunikationsaufsicht FCC.
Seine starke Stellung in der Satellitenkommunikation verdankt SpaceX wesentlich den wiederverwendbaren Raketen. Sie haben die Startkosten erheblich gesenkt und Starlink wirtschaftlich vorangebracht. Besonders in dünn besiedelten Gebieten ist die Technologie im Vorteil. In Städten und Vororten bleiben dicht ausgebaute Mobilfunknetze mit Funkmasten und Glasfaserleitungen jedoch überlegen, weil sie viele Nutzer gleichzeitig versorgen können.
Wie beide Technologien zusammenarbeiten können, zeigt eine bestehende Partnerschaft. T-Mobile ISIN US8725901040 WKN A1T7LU bietet in den USA bereits einen satellitengestützten Dienst über Starlink an. Fehlt eine reguläre Mobilfunkverbindung, kann das Telefon auf die Satellitenverbindung umschalten. Das Angebot ergänzt damit bislang vor allem die vorhandene Netzinfrastruktur.
Ein eigenständiges landesweites Mobilfunknetz wäre erheblich aufwendiger. Nach einer von Barron's angeführten Schätzung wären dafür rund 250 Mrd. USD für Frequenzen und Infrastruktur erforderlich. Die Übernahme eines großen Mobilfunkanbieters wäre wiederum mit erheblichen regulatorischen Hindernissen verbunden. Zugleich erscheint es unwahrscheinlich, dass etablierte Konzerne ihre Netze einem neuen, direkten Konkurrenten zur Verfügung stellen.
Für Starlink bietet sich daher vor allem die Ergänzung bestehender Netze an. Der Dienst kann Funklöcher schließen und beispielsweise auf Schiffen oder in Flugzeugen Verbindungen bereitstellen. Nach Angaben der Internationalen Fernmeldeunion sind bislang nur rund 20 % der weltweiten Landfläche durch herkömmliche Mobilfunknetze abgedeckt. Dort, wo die terrestrische Versorgung fehlt, besitzt die Satellitentechnologie wirtschaftliches Potenzial. Für einen vollständigen Ersatz herkömmlicher Netze ist sie dagegen kaum geeignet.
Die fünf Beispiele zeigen, wie unterschiedlich sich etablierte Märkte verändern lassen. Vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen, kann Kosten senken und Machtverhältnisse verschieben. Sie vollständig ersetzen zu wollen, verlangt dagegen erheblich größere Investitionen.