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Der Börsenstar verliert seinen SchutzDie SpaceX-Bewertung braucht mehr als den Musk-Bonus

SpaceX fällt kurz nach dem Rekord-Börsengang unter den Ausgabepreis. Nun drohen gestaffelte Freigaben von Insideraktien, während Elon Musks Konzern trotz hoher Verluste weiter mit einer außergewöhnlichen Bewertung handelt.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 7 min
Titelbild: Spacex / Unsplash

Die Aktie von SpaceX (ISIN: US84615Q1031, WKN: A42D4F) schloss am gestrigen Handelstag an der NASDAQ bei 135,27 USD und damit knapp über dem Ausgabepreis von 135 USD. Vom Rekordhoch bei 225,64 USD, das der Titel am 16. Juni erreicht hatte, hat sich der Kurs damit bereits um rund 40 Prozent entfernt. Nach der noch nicht terminierten ersten Quartalsbilanz läuft eine erste Lock-up-Frist aus, wodurch bis zu 911,5 Millionen Aktien handelbar werden könnten – ein potenzieller Belastungsfaktor für den Kurs. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 1,8 Billionen USD ist SpaceX damit weiterhin höher bewertet als Tesla (ISIN: US88160R1014, WKN: A1CX3T), das aktuell auf etwa 1,49 Billionen USD kommt.

Der knappe Streubesitz verliert seine Schutzwirkung

Beim Börsengang sammelte SpaceX nach vollständiger Ausübung der Mehrzuteilungsoption – einer Aktienreserve der Konsortialbanken – insgesamt 85,7 Milliarden USD ein. Weniger als fünf Prozent der Aktien gelangten jedoch in den Streubesitz, also in den frei handelbaren Bestand. Diese künstliche Knappheit trieb die Bewertung nach dem ersten Handelstag zeitweise auf rund 2,1 Billionen USD.

Inzwischen ist die erste Euphorie verflogen. An der US-Technologiebörse Nasdaq fiel die Aktie am 15. Juli zeitweise auf 132,15 USD und erholte sich bis zum Handelsschluss wieder. Die Marktkapitalisierung liegt dennoch bei etwa 1,8 Billionen USD. Damit zählt SpaceX weiterhin zu den wertvollsten Unternehmen der Wall Street.

Seit dem 7. Juli gehört SpaceX zum Nasdaq-100, der von mehr als 200 Anlageprodukten abgebildet wird. Doch selbst die damit verbundene indexgebundene Nachfrage verhinderte den Rückfall zum Ausgabepreis nicht.

Der Rückfall unter den Ausgabepreis besitzt zudem statistische Sprengkraft. Eine Reuters-Auswertung von 50 bekannten US-Börsengängen seit 2010 zeigt: Unternehmen, die diese Marke bereits in den ersten beiden Monaten unterschritten, entwickelten sich später im Mittel deutlich schwächer. Diese historische Tendenz verschärft die Zweifel an der Startbewertung.

Die Bewertung bleibt trotz des Absturzes extrem

SpaceX wird nach dem Kursrutsch noch immer mit dem 49-Fachen des erwarteten Jahresumsatzes bewertet. Das Umsatzvielfache setzt den Börsenwert ins Verhältnis zu den erwarteten Erlösen und zeigt, wie viel Wachstum der Markt bereits einpreist. Tesla kommt nach den Reuters-Daten lediglich auf einen Faktor von rund 15.

Für den hohen Aufschlag sprechen aus Sicht der Optimisten vor allem Starlink, der Satelliteninternetdienst von SpaceX, das Geschäft mit staatlichen Raketenstarts und die Bindekraft von Elon Musk. Dem steht ein Nettoverlust von fast fünf Milliarden USD im vergangenen Jahr gegenüber. Der Börsenwert fußt damit weit stärker auf den künftigen Erträgen als auf der heutigen Gewinnkraft.

Operativ liefert Starlink bislang das stärkste Argument für den Bewertungsaufschlag: Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 32 Prozent auf 3,3 Milliarden USD, der Betriebsgewinn legte um 15 Prozent auf 1,2 Milliarden USD zu. Die US-Telekommunikationsaufsicht FCC erlaubte SpaceX zudem, weitere 7500 Satelliten der zweiten Starlink-Generation zu betreiben und zusätzliche Funkfrequenzen zu nutzen. Damit kann die genehmigte Gen2-Konstellation auf bis zu 15.000 Satelliten wachsen.

Leo, der Satelliteninternetdienst von Amazon (ISIN: US0231351067, WKN: 906866) und ein direkter Mitbewerber von Starlink, baut unterdessen Bodenstationen und seine eigene Konstellation aus. Mit wenigen Hundert Satelliten lag das Projekt zuletzt jedoch noch weit hinter Starlink mit mehr als 10.000 Satelliten und über zehn Millionen Kunden.

Analysten setzen weiter auf das staatliche Geschäft

Die Analysten bleiben dennoch ausgesprochen zuversichtlich. Von 32 durch den Finanzdatenanbieter LSEG erfassten Experten empfehlen 27 die Aktie zum Kauf, vier stufen sie neutral ein und nur einer rät zum Verkauf. Dieser breite Rückhalt stabilisiert die Erwartungen. Zugleich erhöht er das Enttäuschungspotenzial, sobald operative Zahlen oder Wachstumsaussichten hinter den hoch gesteckten Zielen zurückbleiben.

Auch das staatliche Geschäft ist vorhanden, bleibt aber mit Terminrisiken verbunden. Die Kontrollbehörde der US-Raumfahrtagentur NASA kommt zu dem Schluss, dass Entwicklungsprobleme bei den Mondlandern die geplanten Artemis-Starttermine verzögern werden. Damit gerät ein Bereich unter Druck, der den hohen Bewertungsaufschlag von SpaceX mittragen soll.

Die nächste Verkaufswelle wird zum Belastungstest

Nach der ersten Quartalsbilanz endet ein Teil der Lock-ups, also der Haltefristen. Der Termin für den ersten Quartalsbericht steht noch aus; der offizielle Investor-Relations-Kalender weist derzeit keine bevorstehende Veranstaltung aus. Die Haltefristen sperren Mitarbeiter, frühe Geldgeber und andere Insider nach einem Börsengang zeitweise für Aktienverkäufe.

Am zweiten Handelstag nach der Bilanz könnten die im Lead genannten 911,5 Millionen Aktien freigegeben werden. Zum aktuellen Kurs besitzt dieses Paket einen Wert von rund 123 Milliarden USD. Das ist deutlich mehr als die bislang frei handelbaren Aktien im Wert von etwa 86 Milliarden USD.

Weitere 455,8 Millionen Aktien könnten vorzeitig handelbar werden, falls der Kurs an mindestens fünf von zehn aufeinanderfolgenden Handelstagen bei 175,50 USD oder höher liegt. Dieses Niveau entspricht 130 Prozent des Ausgabepreises und ist nach dem jüngsten Rückgang weit entfernt. Bis zum 8. Dezember sollen die gestaffelten Freigaben den Anteil potenziell handelbarer Aktien auf 40 Prozent des gesamten Aktienbestands erhöhen.

Die übrigen 60 Prozent bleiben zunächst gesperrt, darunter Musks Beteiligung. Für ihn gelten längere Verkaufsbeschränkungen bis Mitte 2027. Die Freigaben schaffen zunächst Verkaufsoptionen; wie viele Anteilseigner sie tatsächlich nutzen, bleibt offen. Der wachsende Aktienbestand verschiebt das Kräfteverhältnis an der Börse jedoch grundlegend.

Jay Hatfield, Fondsmanager beim Vermögensverwalter Infrastructure Capital Advisors, hält ein kurzfristiges Engagement auf dem gesunkenen Kursniveau zwar für vertretbar. Wegen der bevorstehenden Freigaben will er SpaceX in seinem Portfolio aber nicht übergewichten. Nach dem Ende der künstlichen Knappheit muss der Markt zeigen, wie viel von der Milliardenbewertung er aus eigener Kraft tragen kann.