
Software für Milliarden: Schneider Electric wagt den größten Zukauf seiner Geschichte
Mit dem Softwareanbieter PTC will Schneider Electric sein Geschäft mit Industriesoftware und KI ausbauen. Doch der hohe Kaufpreis und zusätzliche Schulden belasten die Aktie. Entscheidend wird nun, ob die erwarteten Synergien den finanziellen Aufwand rechtfertigen.
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Der französische Elektrotechnik- und Automatisierungskonzern Schneider Electric ISIN FR0000121972 WKN 860180 wagt den größten Zukauf seiner Geschichte. Der Konzern will PTC ISIN US69370C1009 WKN A1H9GN, einen US-Anbieter für Produktentwicklungs- und Lebenszyklussoftware, für rund 22,6 Mrd. USD übernehmen. Damit verknüpft Schneider sein starkes Rechenzentrumsgeschäft enger mit Software, Produktdaten und industrieller künstlicher Intelligenz.
Im vergangenen Jahr setzte Schneider rund 40 Milliarden EUR um. Der PTC-Unternehmenswert von 21,1 Mrd. EUR entspricht damit gut der Hälfte dieses Jahresumsatzes.
Schneider verlagert mehr Gewicht auf Software
PTC bedient mehr als 30.000 Kunden, liefert Programme für Entwicklung, Fertigung und Wartung von Produkten und ergänzt Schneiders Industriegeschäft damit um Anwendungen für Konstruktion, Produktdaten, Softwareentwicklung und Service. Schneider legt der Bewertung für PTC im Kalenderjahr 2025 rund 2,4 Mrd. EUR Umsatz und eine bereinigte EBITA-Marge von etwa 40 % zugrunde. Beim Umsatz sind Geschäfte herausgerechnet, die PTC inzwischen abgegeben hat. PTC selbst meldete für sein drittes Geschäftsquartal 2026 ein währungsbereinigtes Plus von 9,1 % beim ARR, dem annualisierten Wert aktiver Abonnement-, Hosting- und Supportverträge. Auch diese Kennzahl ist entsprechend bereinigt.
Schneider will Produkt- und Entwicklungsdaten mit seinen bestehenden Prozess- und Energiedaten verbinden. So sollen KI-Anwendungen industrielle Abläufe vom Entwurf bis zur Wartung besser abbilden können. Unter Einbeziehung der geplanten Übernahmen von PTC und Cognite sollen Software und Dienstleistungen auf Pro-forma-Basis rund 24 % des Konzernumsatzes ausmachen. Das kombinierte Softwaregeschäft käme auf mehr als 50.000 Kunden, und Schneiders adressierbarer Markt für Industriesoftware soll sich dadurch etwa verdreifachen. Die Übernahme von Cognite, einem Anbieter von Industrie-Daten- und KI-Software, hatte Schneider Ende Juni für 3,1 Mrd. USD vereinbart. Der Abschluss dieser Transaktion steht noch unter üblichen Vollzugsbedingungen und erforderlichen regulatorischen Freigaben.
Diese Ausrichtung passt zum Wandel des Konzerns. Das Rechenzentrumsgeschäft profitierte zuletzt stark von der Nachfrage aus den USA. Schneider liefert dort unter anderem Stromverteilung, Kühltechnik und Serverinfrastruktur für den Ausbau digitaler Rechenleistung. Der Rückenwind aus Rechenzentren hilft zugleich, Schwächen in Teilen des traditionellen Elektrogeschäfts auszugleichen. Mit PTC soll nun auch die Softwareseite stärker an diesem Investitionszyklus verdienen.
Hoher Preis erhöht Druck auf Synergien
Schneider bietet 205 USD je PTC-Aktie. Das bewertet PTCs Eigenkapital mit rund 22,6 Mrd. USD beziehungsweise 20,1 Mrd. EUR. Der Unternehmenswert beträgt 23,7 Mrd. USD beziehungsweise 21,1 Mrd. EUR. Das entspricht dem 21-Fachen des für 2027 erwarteten bereinigten EBITA von PTC. Bei vollständiger Realisierung der angesetzten Synergien sinkt dieser Multiplikator nach Konzernrechnung auf das 13-Fache. Gegenüber dem letzten Schlusskurs entspricht das Angebot einer Prämie von 42,3 %.
Schneider-Aktien verloren am Montag im frühen Pariser Handel fast zehn Prozent. Dadurch gingen rund 15 Mrd. EUR Börsenwert verloren. Bis zum vorherigen Freitag hatte die Aktie seit Jahresbeginn noch 29 % zugelegt. PTC-Aktien sprangen im US-Vorbörsenhandel dagegen um 34,4 %. Ein wesentlicher Teil der Kalkulation hängt folglich davon ab, ob Schneider die erwarteten Kosten- und Umsatzbeiträge tatsächlich erreicht. Für Anleger zählen damit neben PTCs Ertragskraft auch die erwarteten Effekte der Integration.
Die US-Investmentbank Jefferies verwies darauf, dass Unsicherheit über KI die Bewertungen von Softwareunternehmen bereits gedrückt habe. Das könne Käufern günstigere Einstiege ermöglichen, zugleich aber nach einem Abschluss belasten. Der Analyst Nay Soe Naing von der Hamburger Privatbank Berenberg bewertete den Preis laut Reuters dagegen als gesund. Ausschlaggebend sei das gedrückte Bewertungsumfeld in einem Softwaremarkt mit schwieriger Anlegerstimmung.
Finanzierung bindet Kapital über Jahre
Einen erheblichen Teil des Kaufpreises will Schneider mit neuem Kapital und zusätzlicher Verschuldung stemmen. Geplant sind neue Aktien im Umfang von fünf bis sechs Milliarden EUR. Weitere 16 bis 17 Mrd. EUR sollen über neue Schulden finanziert werden. Die gesamte Barzahlung von rund 22 Mrd. EUR ist zunächst durch eine vollständig zugesagte Brückenfinanzierung abgesichert.
Die geplante Übernahme wirkt sich auch auf Schneiders Kapitalpolitik aus. Der Konzern erwartet weiterhin Kreditratings der Kategorie A, vorbehaltlich der Entscheidungen der Ratingagenturen. Das Aktienrückkaufprogramm soll 2027 und 2028 pausieren und danach bis 2030 beschleunigt fortgesetzt werden. Neben der Integration wird damit auch der Umgang mit der zusätzlichen Verschuldung wichtig. Je schneller Schneider die erwarteten Synergien und zusätzlichen Cashflows erreicht, desto leichter lässt sich die höhere Finanzierungslast tragen.
Strategisch bündelt Schneider mehrere Softwarebausteine. Cognite soll Industrie- und Prozessdaten für KI nutzbar machen, während PTC Produkt- und Entwicklungsdaten beisteuert. Hinzu kommt AVEVA, ein seit 2023 vollständig zu Schneider gehörender Anbieter von Industriesoftware. Zusammen entsteht damit eine breitere industrielle Softwarearchitektur.
Bis zum dritten Jahr nach Abschluss erwartet Schneider jährliche Kostensynergien von rund 250 Mio. EUR. Darüber hinaus rechnet der Konzern mit Umsatzsynergien von etwa 800 Mio. EUR. Sie sollen vor allem aus zusätzlichen Verkäufen an die jeweils andere Kundenbasis, breiterem Zugang zu Vertriebskanälen und Märkten, größerer geografischer Reichweite sowie gemeinsam entwickelten KI-Lösungen entstehen.
Schneider rechnet früh mit Gewinnbeitrag
Im ersten vollen Konsolidierungsjahr erwartet Schneider einen niedrigen einstelligen Zuwachs beim bereinigten Gewinn je Aktie vor Kaufpreisallokation. Mit vollständigen Synergien soll der Effekt einen mittleren bis hohen einstelligen Prozentsatz erreichen. Beim eingesetzten Kapital reicht der Zeithorizont weiter. Im fünften Jahr nach Abschluss soll die Rendite einschließlich vollständiger Synergien über den Kapitalkosten liegen.
PTC weist zugleich darauf hin, dass eine langsamere Einführung seiner KI-Lösungen durch Kunden oder ausbleibende Produktdaten-Grundlagen die annualisierte Vertragsbasis (ARR), Ergebnisse, Cashflow und Wachstum beeinträchtigen könnten.
Der Weg bis zum Abschluss reicht bis 2027
Der Abschluss ist für das dritte Quartal 2027 vorgesehen und hängt noch von regulatorischen Freigaben sowie einem Votum der PTC-Aktionäre ab. Die Verwaltungsräte beider Unternehmen haben die Vereinbarung bereits einstimmig gebilligt. Auf PTC-Seite ist bei einer außerordentlichen Aktionärsversammlung die Mehrheit der ausstehenden Aktien erforderlich.
Bis dahin hängt der Erfolg des Rekordkaufs von mehreren Entwicklungen zugleich ab. Schneider setzt auf Rechenzentren, industrielle Digitalisierung und eine stärkere Nutzung verlässlicher Produktdaten durch künstliche Intelligenz. Erreicht Schneider seine Ziele, steigt der Anteil von Software und Dienstleistungen am Konzernumsatz deutlich. Bleiben die Synergien hinter den Erwartungen zurück, erhöhen Kaufpreis, Verwässerung und zusätzliche Schulden den Druck auf die Rendite. Die erste Börsenreaktion zeigt, wie hoch die Beweislast ist. Strategisch verbreitert Schneider sein Angebot. Finanziell muss der Konzern nun den Preis rechtfertigen.