
Veränderte Zins- und Inflationserwartungen: Bondrenditen marschieren weltweit in Richtung langjähriger Hochs
Der Kriegsausbruch hat die Zinserwartungen an den Märkten signifikant verändert. Die Folge: Steigende Finanzierungskosten für öffentliche Haushalte und Hauskäufer, sinkende Goldpreise und wachsende Verunsicherung.
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Die Renditen 10-jähriger britischer Anleihen sind in dieser Woche zeitweise über die Marke von 5 % und damit auf den höchsten Stand seit 2008 gestiegen. Der Kursverlust wurde durch enttäuschende Zahlen zu den öffentlichen Haushalten und wachsende Inflationssorgen infolge des Ölpreisanstiegs ausgelöst.
UK und USA: Zinssenkungen abgeblasen
Die Bank of England (BoE) hatte am Donnerstag die Zinsen unverändert belassen. Jedoch warnten die Währungshüter vor Inflationsrisiken und stellten für diesen Fall auch eine Zinserhöhung in Aussicht. "Die extrem restriktive Haltung der Bank of England war von den Marktteilnehmern sicherlich nicht erwartet worden, da man noch auf eine verzögerte Zinssenkung gehofft hatte", sagte Pooja Kumra von TD Securities.
Die Auswirkungen der Zinserhöhungen auf den britischen Haushalt sind beträchtlich. Die Regierung plant, in diesem Jahr Staatsanleihen im Wert von 252 Mrd. GBP zu platzieren und zahlt bereits mehr als 100 Mrd. GBP an Zinskosten für ihre ausstehenden Verbindlichkeiten.
Auch die Renditen von US-Staatsanleihen haben in dieser Woche wieder deutlich angezogen und sich mit 4,37 % dem oberen Rand ihrer seit 2023 bestehenden Spanne angenähert, wenngleich das höchste Zinsniveau von 5 % von Januar 2023 noch ein Stück weit entfernt ist.
Die Erwartung von erheblichen Auswirkungen des Krieges auf das Zinsniveau in den USA verfestigt sich derweil an den Märkten. Die Terminmärkte schätzten die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte bis Oktober am Freitag auf fast 50 % -gegenüber Vorkriegserwartungen, die von zwei oder drei Zinssenkungen bis Ende des Jahres ausgegangen waren. Dieser Stimmungsumschwung macht sich auch am Goldmarkt bemerkbar: Der Preis des Edelmetalls ist zuletzt deutlich unter 5.000 USD gefallen, wofür neben steigenden Zinserwartungen auch der stärkere Dollar und höhere Nachfrage nach Liquidität verantwortlich gemacht werden.
Rendite 10-jähriger Bundesanleihen über 3 %
Die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen sind seit dem Kriegsausbruch im Iran besonders stark gestiegen: Von 2,65 % am Freitag vor dem Ausbruch auf 3,05 % an diesem Freitag.
Der Zinsanstieg macht sich für Immobilienkäufer bereits sehr stark bemerkbar. Lag der durchschnittliche Zinssatz für Hypothekenkredite mit 10 Jahren Laufzeit rund eine Woche nach Kriegsausbruch noch bei 3,55 %, müssen Darlehensnehmer aktuell 3,77 % zahlen. Bei 15 Jahren Zinsbindung stieg der durchschnittliche Zinssatz von 3,80 % auf 3,99 %. Diese Zahlen nennt der Vermittler Interhyp.
In Frankreich fiel der kriegsbedingte Zinsanstieg der Staatsanleihen noch deutlich stärker aus. Die Rendite 10-jähriger Schuldverschreibungen stieg hier von 3,21 % auf 3,75 % und damit um 54 Basispunkte, während der deutsche Fiskus einen Anstieg um 40 Basispunkte verkraften muss. In Italien steht sogar ein Rendite-Plus von 68 Basispunkten zu Buche: Von 3,28 % vor Kriegsausbruch stieg die Rendite 10-jähriger Anleihen auf 3,96 % an diesem Freitag.
In Japan fällt das Plus mit rund 20 Basispunkten bescheidener aus: Auch hier nähert sich die 10-Jahres-Rendite jedoch ihren Höchstständen vom Januar wieder an. Langfristig betrachtet sind die japanischen Renditen in den vergangenen Jahren sehr stark gestiegen: Von -0,2 % im Jahr 2019 bis auf das heutige Niveau.