Bild zum Artikel: Neue Aktien fluten die Wall Street: KI-Investitionen treiben die Kapitalaufnahme auf Rekordniveau

Neue Aktien fluten die Wall StreetKI-Investitionen treiben die Kapitalaufnahme auf Rekordniveau

SpaceX, Alphabet und SK Hynix nutzen die Euphorie für gewaltige Kapitalaufnahmen. Gleichzeitig ziehen sich Unternehmen als Käufer eigener Aktien zurück. Das verschiebt das Kräfteverhältnis an der Wall Street.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 7 min
Titelbild: Aakash Dhage / Unsplash

SpaceX (ISIN: US84615Q1031, WKN: A42D4F), Alphabet (ISIN: US02079K3059, WKN: A14Y6F) und SK Hynix (ISIN: US78392B2060, WKN: A42D2T) haben binnen Wochen Eigenkapitalmaßnahmen im Gesamtvolumen von bis zu knapp 197 Milliarden Dollar abgeschlossen oder angekündigt. 2026 summieren sich Neuemissionen bereits auf 344,7 Milliarden Dollar – mehr als in jedem der vier Vorjahre. Bei Alphabet umfasst der Betrag auch noch ausstehende Verkäufe, die schrittweise über die Börse erfolgen sollen.

Die Rekordemissionen verschieben das Marktgleichgewicht

Den Auftakt setzte SpaceX mit dem größten Börsengang der Geschichte. Das Grundvolumen lag bei 75 Milliarden Dollar; nach vollständiger Ausübung der zusätzlichen Zuteilungsoption für die Konsortialbanken stieg der endgültige Bruttoerlös auf rund 85,7 Milliarden Dollar.

Alphabet stockte seinen Finanzierungsrahmen kurz darauf auf 84,75 Milliarden Dollar auf. Der Konzern setzt dabei auf einen Mix aus neuen Stammaktien, pflichtwandelbaren Vorzugsaktien und schrittweisen Börsenverkäufen. Die Vorzugsaktien werden zu festgelegten Terminen automatisch in Stammaktien umgewandelt. Damit verteilt sich die Verwässerung über mehrere Jahre.

SK Hynix folgte mit einer Platzierung von Hinterlegungsscheinen im Volumen von 26,5 Milliarden Dollar. Diese sogenannten American Depositary Receipts, kurz ADR, bilden ausländische Aktien ab und werden in den USA in Dollar gehandelt. Die starke Nachfrage zeigte, wie bereitwillig Anleger derzeit neue KI-Titel aufnehmen.

Die Größenordnung reicht weit über drei spektakuläre Einzelgeschäfte hinaus. In der Dealogic-Statistik sind neben Börsengängen auch Kapitalerhöhungen und Wandelanleihen erfasst, die später in Aktien getauscht werden können. Parallel hat sich der US-Leitindex S&P 500 binnen drei Jahren und neun Monaten mehr als verdoppelt.

Die Brisanz liegt in der Richtung des Kapitalstroms. Jahrelang zogen Aktienrückkäufe Papiere aus dem Markt und stützten damit die Nachfrage. Nun geben Konzerne neue Aktien aus, während zugleich weniger eigene Anteile zurückgekauft werden. Die US-Investmentbank Goldman Sachs erwartet für den S&P 500 im Jahr 2026 ein Wachstum der Investitionsausgaben um 33 Prozent, während die Bruttorückkäufe nur um drei Prozent steigen sollen.

Ein ähnliches Verhalten zeigte sich Ende 1999 und im ersten Halbjahr 2000. Damals nutzten Unternehmen die hohe Risikobereitschaft der Anleger für eine Welle neuer Platzierungen, bevor der Technologieboom kippte. Die Parallele liegt im Verhalten der Emittenten, nicht in einer identischen Marktstruktur.

Der KI-Ausbau kehrt die Kapitalströme der Techriesen um

Der stärkste Treiber der Kapitalaufnahme ist der Ausbau künstlicher Intelligenz. Vor allem sogenannte Hyperscaler – Betreiber sehr großer Rechenzentren und Cloudplattformen – bestellen Chips, Server, Stromkapazitäten und Grundstücke in historischem Umfang. Ihre Investitionsausgaben sollen 2026 auf mehr als 800 Milliarden Dollar steigen, nach rund 450 Milliarden Dollar im Vorjahr; 2027 könnte die Marke von einer Billion Dollar fallen.

Der Online- und Cloudkonzern Amazon (ISIN: US0231351067, WKN: 906866) plant für 2026 Investitionen von rund 200 Milliarden Dollar. Das Geld fließt vor allem in KI- und Cloudinfrastruktur. Damit erreicht der Ausbau eine Größenordnung, die selbst die hohen Mittelzuflüsse des Konzerns stark beansprucht.

Noch deutlicher zeigt sich der Wandel beim Datenbank- und Cloudanbieter Oracle (ISIN: US68389X1054, WKN: 871460). Der Konzern investierte im abgelaufenen Geschäftsjahr 55,7 Milliarden Dollar und wies einen negativen freien Mittelzufluss von 23,7 Milliarden Dollar aus. Für das Geschäftsjahr 2027 sind weitere 40 Milliarden Dollar an Fremd- und Eigenkapital geplant, darunter ein Aktienverkaufsprogramm über 20 Milliarden Dollar.

Dem stehen noch nicht als Umsatz erfasste vertragliche Verpflichtungen von 638 Milliarden Dollar gegenüber. Oracle muss die zugesagte Cloudleistung jedoch erst durch neue Rechenzentren bereitstellen. Der Kapitalbedarf entsteht damit nicht allein aus Zukunftserwartungen, sondern auch aus bereits geschlossenen Verträgen.

Damit löst sich ein lange gepflegtes Muster der Technologiebranche auf. Hohe Mittelüberschüsse finanzierten früher milliardenschwere Rückkäufe; nun fließt das Kapital in Rechenleistung und Energieversorgung. Aus verlässlichen Käufern eigener Aktien werden Verkäufer neuer Papiere.

Bei Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle beanspruchen die erwarteten Investitionen inzwischen nahezu den gesamten operativen Mittelzufluss. Nur noch 15 Prozent ihrer Barausgaben fließen in Dividenden und Rückkäufe, verglichen mit durchschnittlich 27 Prozent zwischen 2017 und 2022.

Der US-Vermögensberater Elm Wealth erwartet, dass amerikanische Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten unter dem Strich Aktien und Anleihen im Wert von rund 500 Milliarden Dollar ausgeben. In den Vorjahren hatten Unternehmen den Bestand an Aktien und Anleihen vor allem durch Rückkäufe netto um rund eine Billion Dollar verringert. Dieser Umschwung verschärft den Wettbewerb um Anlegerkapital.

Das Warnsignal ist stark und der Wendepunkt bleibt offen

Der Wert des gesamten US-Aktienmarktes liegt bei rund 75 Billionen Dollar. Gemessen daran bleiben selbst dreistellige Milliardenbeträge überschaubar. Für die Kursbildung zählt jedoch der laufende Handel: Schon ein begrenztes zusätzliches Angebot kann Bewertungen unter Druck setzen, sobald die Nachfrage nachlässt.

Die US-Investmentbank Morgan Stanley hält die Aufnahmefähigkeit des Marktes dennoch für erheblich. Historische Durchschnittswerte entsprächen in den USA einem jährlichen Emissionsvolumen von rund 700 Milliarden Dollar. Das Risiko liegt daher weniger in einer festen Schwelle als in einem plötzlichen Rückgang der Risikobereitschaft.

Auch 2026 tragen robuste Unternehmensgewinne und eine widerstandsfähige US-Konjunktur den Markt. Gleichzeitig ist die Bewertung angespannt: Die Dividendenrendite des S&P 500 liegt laut dem US-Anlageberater Research Affiliates mit rund 1,05 Prozent auf einem Rekordtief. Anleger zahlen damit hohe Preise für Erträge, deren Wachstum erst noch geliefert werden muss.

Entscheidend wird die Rendite der KI-Investitionen. Steigen Umsatz und Gewinn im Gleichschritt mit den Ausgaben, kann der Markt die neuen Aktien aufnehmen. Bleiben die Erträge zurück, trifft ein wachsendes Angebot auf schwindende Zahlungsbereitschaft.

Die Aktienflut markiert deshalb den Übergang in eine anspruchsvollere Marktphase. Rückkäufe und knappe Aktienbestände verlieren als Kursstützen an Kraft. Von nun an müssen Gewinne und Kapitalrenditen die hohen Bewertungen tragen.