
Kritische Metalle als Druckmittel: Chinas Exportdrosselung bei Schlüsselrohstoffen stört Deutschlands Lieferketten
Chinas Exporte von Gallium und Germanium sind im April auf nahezu null gefallen - mit potenziell gravierenden Folgen für deutsche Technologie- und Rüstungslieferketten.
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Wenige Tage, bevor Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in Peking eintraf, um mit Chinas Handelsminister Wang Wentao über Lieferketten, Marktzugang und die Versorgung mit Seltenen Erden zu verhandeln, haben neue Handelsdaten ein alarmierendes Bild gezeichnet. Laut einer Analyse des deutschen Rohstoffhändlers Tradium auf Basis chinesischer Zolldaten exportierte China im April 2026 weltweit nur noch drei Kilogramm des Metalls Gallium - und die gesamte Menge ging ausschließlich nach Malaysia. Im März lag die Ausfuhrmenge noch bei 5.320 Kilogramm. Ein drastischerer Einbruch ist kaum vorstellbar.
Beim Metall Germanium sieht die Lage ähnlich aus: Deutschland und Japan erhielten im April 2026 jeweils weniger als ein Kilogramm, weitere Zielländer wurden in den Zolldaten nicht registriert. Damit ist der Zufluss dieser beiden Schlüsselrohstoffe nach Europa praktisch zum Erliegen gekommen.
Unverzichtbare Schlüsselmetall für deutsche Technologiebranche
Die wirtschaftliche Tragweite dieser Entwicklung erschließt sich beim Blick auf die Einsatzfelder der betroffenen Metalle. Gallium ist ein unverzichtbarer Bestandteil integrierter Schaltkreise, die in 5G-Netzwerken, Radarsystemen, Satellitentechnik sowie in Hochfrequenzchips moderner Smartphones verbaut werden. Darüber hinaus findet es Verwendung in LED-Technologie und militärischer Elektronik. Germanium wiederum ist ein zentraler Werkstoff für die Herstellung von Glasfaserkabeln, bestimmten Solarzellentypen und Halbleitern sowie für Infrarotoptik, die in Nachtsichtgeräten und Wärmebildkameras zum Einsatz kommt.
Christian Hell vom Rohstoffhändler Tradium, warnt unmissverständlich: "Ganze Lieferketten sind in Gefahr." Für viele Abnehmer außerhalb Chinas werde es "wirklich schwierig", die Rohstoffversorgung sicherzustellen. Wer bislang auf diese Lieferungen angewiesen gewesen sei, solle unverzüglich nach Alternativen suchen. Besonders bemerkenswert sei dabei das Signal an Deutschland: "Wenn sogar Deutschland, das bisher relativ zuverlässig beliefert wurde, leer ausgeht, ist das ein klares Signal", heißt es in der Tradium-Analyse.
Offen bleibt laut Tradium allerdings, ob der drastische Rückgang im April auf eine bewusste Verschärfung der chinesischen Exportpolitik zurückgeht oder auf Verzögerungen und Engpässe bei der Vergabe staatlicher Ausfuhrlizenzen. China hatte bereits ab Mitte 2023 schrittweise Exportbeschränkungen für Gallium und Germanium eingeführt und diese in den Folgejahren sukzessive ausgebaut - vor dem Hintergrund eskalierender Spannungen im Technologiehandel mit dem Westen.
Reziprozität fordert ausbalancierte Handelsbedingungen
Vor diesem Hintergrund hat Wirtschaftsministerin Reiche ihre Gespräche in Peking mit klaren Forderungen eröffnet. Wettbewerb müsse zu beiderseitigem Nutzen und transparent ausgestaltet sein. Als Leitprinzip der Bundesregierung bezeichnete sie "Reziprozität" - also möglichst vergleichbare Marktzugangs- und Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen beider Länder.
Reiche sprach zudem den chinesischen Handelsbilanzüberschuss von rund 1,2 Billionen Euro an und verwies auf den wachsenden Druck durch chinesische Exportumleitungen infolge des Zollstreits mit den USA. "Durch den Zollstreit mit den USA leitet China seine Waren in neue Märkte um", sagte sie dem "Kölner Stadt-Anzeiger" vor ihrer Abreise. Deutschland habe seine wirtschaftlichen Interessen gegenüber Peking in der Vergangenheit nicht klar genug artikuliert. Die Bundesregierung tue dies nun lösungsorientiert. Offene Märkte seien eine "wesentliche Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs".
Im Tross der früheren Managerin reisten mehrere hochrangige Unternehmensvertreter nach China, darunter BASF (ISIN: DE000BASF111, WKN: BASF11)-Chef Markus Kamieth sowie Thyssenkrupp (ISIN: DE0007500001, WKN: 750000)-Chef Miguel Ángel López Borrego. Neben den Gesprächen in Peking sind Besuche bei Industrieunternehmen in der südchinesischen Metropole Guangzhou geplant, wo Reiche auch Vertreter der Lokalregierung treffen will.
Europäische Abhängigkeit von China wächst weiter
Aus Sicht der Europäischen Handelskammer in China reichen solche Gespräche jedoch nicht aus. Kammerpräsident Jens Eskelund forderte, die Ministerin der größten Volkswirtschaft der Europäischen Union müsse unmissverständlich signalisieren, dass die EU als geschlossene Einheit auftrete. Gleichzeitig solle Europa deutlich machen, dass es unter fairen Bedingungen zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit China bereit sei.
Eskelund schlug zugleich einen warnenden Ton an, was die strukturelle Abhängigkeit europäischer Unternehmen betrifft: "Wir sehen nicht, dass Derisking ein Thema wird - wenn überhaupt, zeigt sich, dass die Firmen abhängiger von China als Beschaffungs- und Produktionsstandort für ihre Produkte werden." Mit dem Begriff Derisking wird die gezielte Verringerung einseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeiten beschrieben - ein Ziel, das politisch zwar propagiert, in der Unternehmenspraxis jedoch kaum umgesetzt wird.
Genau diese Abhängigkeiten werden durch die aktuellen Zahlen bei Gallium und Germanium schonungslos offengelegt. Beide Metalle werden nahezu ausschließlich in China produziert und verarbeitet. Alternative Lieferquellen sind global kaum verfügbar und würden selbst im Falle intensiver Investitionen Jahre benötigen, um auch nur annähernd wettbewerbsfähige Kapazitäten aufzubauen. Die Bundesregierung hat zwar im Rahmen des europäischen Critical Raw Materials Act Maßnahmen zur Diversifizierung der Rohstoffversorgung eingeleitet, doch Experten und Industrieverbände weisen seit Jahren darauf hin, dass der Aufbau alternativer Lieferketten für Spezialmetalle ein Jahrzehntprojekt darstellt.
Die kommenden Verhandlungsrunden zwischen Berlin und Peking dürften zeigen, ob Chinas Zurückhaltung bei den Exporten taktisch kalkuliert ist oder tatsächlich auf administrative Hemmnisse zurückgeht. Für die deutsche Industrie ist diese Frage von erheblicher strategischer Bedeutung - unabhängig von der diplomatischen Antwort darauf.

