Bild zum Artikel: Karat für Computer: Chinas KI-Boom zwischen Börsencrash und Diamanten

Karat für ComputerChinas KI-Boom zwischen Börsencrash und Diamanten

Chinesische KI-Aktien verlieren massiv an Wert. Zugleich eröffnet der Ausbau von Rechenzentren einen möglichen neuen Absatzmarkt für synthetische Diamanten, die leistungsfähige Chips kühlen sollen. Allerdings hängt auch dieses Geschäft von den Investitionen in die KI-Infrastruktur ab.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 8 min
Titelbild: Danielle Claude Belanger / Unsplash

An Chinas Aktienmärkten ist die Begeisterung für künstliche Intelligenz einer deutlichen Ernüchterung gewichen. Investoren beurteilen die Ertragsaussichten zahlreicher Technologieunternehmen inzwischen skeptischer. Für die Industrie stellen sich unterdessen andere Herausforderungen: Immer leistungsfähigere Computertechnik verlangt nach neuen technischen Lösungen. Auch chinesische Diamantenhersteller, deren Geschäft bislang vor allem auf Schmucksteinen beruht, wollen sich in diesem Markt etablieren.

Chinas Technologiewerte unter Druck

Der chinesische Technologieindex STAR50 hat seit seinem Höchststand im Juli rund 40 % eingebüßt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters gingen damit etwa 480 Mrd. USD an Börsenwert verloren. Auch der breiter aufgestellte Aktienindex CSI300 notiert ungefähr 20 % unter seinem Höchststand vom Juni.

Besonders stark betroffen sind einzelne Unternehmen aus der Robotik- und Halbleiterbranche. Die Aktien des Roboterherstellers Unitree haben seit dem Börsengang im August etwa die Hälfte ihres Wertes verloren. Bei den Chipherstellern MetaX Integrated Circuits und Moore Threads beträgt der Rückgang gegenüber Juli ebenfalls ungefähr 50 %.

Als einen möglichen Grund für die Kursverluste nennen Marktteilnehmer die zuvor sehr hohen Bewertungen zahlreicher Technologieunternehmen. Trotz der Kursrückgänge liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis des STAR50 noch bei ungefähr 100. Anleger zahlen damit rechnerisch etwa das Hundertfache der ausgewiesenen Jahresgewinne. Beim amerikanischen Nasdaq 100 beträgt dieser Wert rund 30. Weitere Unsicherheiten ergeben sich aus möglichen internationalen Handelsbeschränkungen für chinesische Technologieanbieter.

Die wirtschaftlichen Folgen solcher Börsenkorrekturen können inzwischen weit über den Aktienmarkt hinausreichen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) überschritten die weltweiten Investitionsausgaben großer Technologiekonzerne 2025 die Marke von 400 Mrd. USD. Für den weiteren Ausbau von Rechenzentren werden erhebliche zusätzliche Mittel von den Kapitalmärkten benötigt. Veränderte Renditeerwartungen können daher auch beeinflussen, wie schnell neue Infrastruktur entsteht. Davon hängen auch die Absatzchancen der Zulieferindustrie ab. Zu den Unternehmen, die sich in diesem Markt etablieren wollen, gehören inzwischen chinesische Hersteller synthetischer Diamanten.

Diamanthersteller erschließen neue Anwendungen

Im Geschäft mit künstlich hergestellten Schmucksteinen geraten die chinesischen Produzenten zunehmend unter Preisdruck. Einige wollen deshalb stärker auf technische Anwendungen setzen, darunter Materialien zur Kühlung von KI-Prozessoren. Diese versprechen höhere Gewinnmargen.

China produziert ungefähr die Hälfte aller synthetischen Diamanten weltweit. Rund 80 % der chinesischen Produktion stammen aus der zentralchinesischen Provinz Henan, wo auch der Unternehmer Feng Canjun seine Fabrik betreibt. 2025 stellte sie rund zwei Millionen Karat synthetische Diamanten her, von denen etwa 70 % für Schmuck verwendet werden. Feng möchte dieses Verhältnis verändern: Bis 2030 sollen funktionale Materialien mehr als die Hälfte seiner Produktion ausmachen. Dazu zählen beispielsweise Diamanten, die Wärme aus elektronischen Bauteilen ableiten sollen.

Für diese Neuausrichtung sprechen auch die unterschiedlichen Ertragsmöglichkeiten. Nach Angaben des Unternehmers erreichen Industriediamanten Bruttomargen von ungefähr 50 %. Bei Schmuckdiamanten liegen diese zwischen 30 und 40 %.

Auch Henan Liliang Diamond investiert in entsprechende Spezialmaterialien. Das Unternehmen plant, eine Milliarde CNY, umgerechnet etwa 150 Mio. USD, für die Entwicklung funktionaler Diamantmaterialien einzusetzen. Ursprünglich war das Geld für den Ausbau der Schmuckdiamantenproduktion vorgesehen. Statt zusätzliche Schmucksteine herzustellen, will der Produzent nun damit unter anderem den Markt für technische Anwendungen erschließen.

Kühltechnik könnte zusätzlichen Bedarf schaffen

Der mögliche Einsatz in Computerchips hängt vor allem mit den thermischen Anforderungen moderner Prozessoren zusammen. Mit steigender Rechenleistung entstehen größere Wärmemengen, die zuverlässig abgeführt werden müssen. Synthetische Diamanten besitzen eine besonders hohe Wärmeleitfähigkeit und eignen sich deshalb als Bestandteil technischer Kühllösungen.

Die Dimension des möglichen Absatzmarktes lässt sich am Ausbau der Rechenzentren ablesen. Nach der 2026 aktualisierten IEA-Prognose soll deren weltweiter Stromverbrauch von rund 485 Terawattstunden im Jahr 2025 auf etwa 950 Terawattstunden 2030 steigen. Bei ausdrücklich auf KI ausgerichteten Rechenzentren nahm der Stromverbrauch allein 2025 nach IEA-Angaben um 50 % zu. Gleichzeitig steigen die technischen Anforderungen innerhalb der Anlagen. Laut IEA hat sich die Leistungsdichte von KI-Servern zwischen 2020 und 2025 verelffacht. Je nach Rechenzentrum entfallen etwa sieben bis mehr als 30 % des gesamten Stromverbrauchs auf die Kühlsysteme.

Erste technische Entwicklungen zeigen, welche Möglichkeiten synthetische Diamanten eröffnen. Forscher des chinesischen Ningbo Institute of Materials Technology & Engineering untersuchten Kühlkomponenten aus Diamant-Kupfer-Verbundmaterialien. Dabei verbesserte sich die Wärmeübertragung nach Institutsangaben um 80 %. Gleichzeitig wurde eine um zehn Prozent höhere Chipleistung gemessen. Diese Ergebnisse lassen sich allerdings nicht ohne Weiteres auf sämtliche Prozessoren oder Kühlsysteme übertragen. Doch kommerzielle Anwendungen gibt es bereits. So bietet Lenovo in China nach eigenen Angaben ein Notebook mit einem Kühlmaterial auf Diamant-Kupfer-Basis an.

Diamantbasierte Materialien können die Wärmeabfuhr unmittelbar am Chip verbessern und damit einen wichtigen Beitrag zur Kühlung von Rechenzentren leisten. Wie stark sich dieser Vorteil auf den Energieverbrauch der gesamten Anlage auswirkt, hängt vom Zusammenspiel mit dem Kühlsystem, der übrigen Hardware und den Betriebsbedingungen ab.

Lieferketten und technische Grenzen

Mit einer breiteren Verwendung synthetischer Diamanten in der Halbleitertechnik könnten sich auch internationale Lieferketten verändern. China verfügt bereits über erhebliche Produktionskapazitäten. Bei besonders hochwertigen Materialien für elektronische Anwendungen ist eine vergleichbare Marktstellung allerdings noch nicht nachgewiesen.

Die Herstellung geeigneter Diamantsubstrate stellt hohe technische Anforderungen. In einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit beschreiben Forscher des französischen CEA-Leti großformatige Diamantsubstrate in Elektronikqualität weiterhin als teuer und schwierig in industriellen Mengen herstellbar. Bei der Verwendung als eigenständiges Halbleitermaterial bestehen deshalb noch erhebliche wirtschaftliche Hürden.

Auch außerhalb Chinas entstehen entsprechende Produktionsprojekte. In Spanien sind staatliche Investitionen von 753 Mio. Euro in eine geplante Anlage von Diamond Foundry vorgesehen. Dort sollen synthetische Diamantwafer für industrielle Anwendungen hergestellt werden.

Die mögliche strategische Bedeutung des Materials beschäftigt bereits die Handelspolitik. China führte 2024 Exportbeschränkungen für bestimmte Produktionsanlagen und Komponenten ein. Im folgenden Jahr wurden zusätzliche synthetische Diamantprodukte in die Kontrollregelungen aufgenommen. Die Umsetzung dieser Erweiterung wurde im Rahmen einer Vereinbarung mit den USA um ein Jahr verschoben.

Finanzierung und Nachfrage als Geschäftsrisiken

Für die Hersteller ist derzeit schwer abzuschätzen, wie groß der Absatzmarkt für Diamantmaterialien in der Chipindustrie ausfallen wird. Technische Fortschritte und einzelne Investitionsprojekte erlauben noch keine verlässlichen Rückschlüsse auf die Nachfrage im industriellen Maßstab. Auch der Anteil künftiger KI-Hardware, für den solche Materialien tatsächlich benötigt werden, ist noch ungewiss. Bei einer zu schnellen Produktionsausweitung drohen vielmehr neue Überkapazitäten.

Die Abhängigkeit des Rechenzentrumsausbaus von den Kapitalmärkten stellt ein weiteres Risiko für die neuen Geschäftsfelder dar. Verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen dauerhaft, könnte dies auch das Wachstum neuer Zuliefermärkte begrenzen.

Während Anleger die Ertragsaussichten zahlreicher KI-Unternehmen inzwischen skeptischer bewerten, setzt die Industrie ihre Suche nach neuen technischen Anwendungen fort. Für Chinas Diamantenhersteller kommt es dabei auf zwei Voraussetzungen an: Ihre Materialien müssen technische Vorteile zu wettbewerbsfähigen Kosten bieten und genügend industrielle Abnehmer finden. Erst dann lässt sich aus der geplanten Neuausrichtung ein dauerhaft profitables Geschäft entwickeln.